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Umsturz in Ägypten „Weg mit alten Feindbildern“

Sind die Muslimbrüder bereit zum Dialog? Die Islamismus-Expertin Annette Ranko gibt ihre Einschätzung ab über die Radikalität der ägyptischen Islamisten.

05.07.2013 21:34
Unter den Muslimbrüdern gibt es zwei Flügel. Der eine ist pragmatisch, der andere schotte sich ab. Foto: dpa

Frau Ranko, die Muslimbrüder haben in einer ersten Reaktion auf die Absetzung Mursis den neuen Machthabern jegliche Zusammenarbeit verweigert und zu Protesten aufgerufen. Welche Strategie verfolgt die Gruppe?
Momentan ist die Organisation in einem panikartigen Zustand, weil man angefangen hat, die oberste Führungsriege zu verhaften. Die offizielle Position ist, dass es sich bei der Absetzung um einen Militärputsch handelt, um zu alten Machtverhältnissen, die man strikt ablehnt, zurückzukehren. Man muss nun abwarten, ob sich die Situation normalisieren kann. Maßgeblich dafür wird das Verhalten des Militärs sein.

Das Militär geht scharf gegen die Muslimbrüder vor, um Unruhen zu verhindern. Zu recht?

Diese Verfolgungen sind der falsche Weg, um Unruhen zu verhindern. Man muss davon ausgehen, dass die Kernanhängerschaft der Muslimbrüder zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Insofern wäre es fatal, sie auszuschließen. Sie sind seit Jahrzehnten eine wichtige politische Kraft und ein integraler Teil der ägyptischen Gesellschaft.

Unter welchen Bedingungen könnte eine Regierung der Einheit mit Beteiligung der Muslimbrüder gelingen?

In jedem Fall hängt die Chance auf Dialog stark vom Verhalten des Militärs ab. Es gibt Hoffnung, wenn das Militär der Ankündigung, die Gruppe einbinden zu wollen, nun Taten folgen lässt. Wenn die Armee dagegen weiter mit Verhaftungen und Repressionen gegen die Bruderschaft vorgeht, besteht die Gefahr, dass sich Teile der Gruppe und des weiteren islamistischen Spektrums zunehmend radikalisieren.

Aber auch die Muslimbrüder müssen für Dialog bereit sein.

Wir können nur hoffen, dass die Führung der Gruppe jetzt nicht wieder in alte Feindbilder aus den Zeiten ihrer Verfolgung verfällt. Diese Gefahr ist groß, denn die Angst vor Haft, Folter und Repression steckt den Muslimbrüdern tief in den Knochen. Und auch die Sorge, dass sich die Geschichte wiederholen könnte.

"Ein Teil der Muslimbrüder will sich abschotten"

Einmal an der Macht hat Mursi schnell autokratische Züge angenommen. Sind die Muslimbrüder überhaupt fähig zu politischen Kompromissen?

Ja und nein. Eigentlich gibt es zwei große Flügel, einen, der sehr nach innen gerichtet ist und die Gruppe stets als eine Art Geheimorganisation wahrgenommen hat. Dieser Teil hat immer versucht, sich abzuschotten vom Rest der Gesellschaft. Einige in den momentanen Führungsgremien der Bruderschaft gehören ihm an und sind nicht unbedingt versiert darin, politisch professionell zu agieren. Es gibt aber auch einen zweiten Flügel, der sehr wohl professionell politisch ist und pragmatisch agiert. Die Gruppe hat seit 30 Jahren an Wahlen für das Parlament und die Berufsverbände teilgenommen, und die Teile, die dort aktiv waren, haben sich stets auch als Botschafter der Gruppe in der Gesellschaft gesehen und haben mit anderen Kräften kooperiert, mit linken, liberalen, säkularen. Dieser Teil ist sehr wohl zu politischen Kompromissen fähig.

Aber?

Das Problem ist, das unter den jetzt vom Militär Verhafteten nicht nur Vertreter der konservativen Hardliner sind, sondern auch Männer wie Saad al-Katatni, der Chef der Muslimbruder-Partei, der für den pragmatischen, offenen Flügel steht. Das macht es schwierig, auch was die Einschätzung der Motive des Militärs angeht.

Viele Ägypter fürchten Anschläge und Übergriffe der islamischen Gruppierungen. Wie gefährlich sind die Muslimbrüder wirklich , auch im Vergleich zu Radikalislamisten wie Al-Gamaa al-Islamija?

Das islamistische Spektrum in Ägypten hat sich bereits vor Jahrzehnten stark in einen gewaltbereiten Teil und einen moderaten Teil, der Gewalt ablehnt, gespalten. Die Muslimbrüder haben spätestens seit der Ermordung von Präsident Sadat 1981 ihre Ablehnung von Gewalt beteuert und mit Beteiligung am formalen politischen Prozess begonnen. Gleichzeitig haben Radikalislamisten wie Al-Gamaa al-Islamija die Beteiligung am politischen System abgelehnt und auf die Gewaltstrategie gesetzt, um einen islamischen Staat zu errichten. Seitdem gab es viele Konflikte zwischen beiden Lagern.

Aber auch Verbindungen?

Man darf nicht vergessen, dass viele radikale Gruppierungen letztendlich aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen sind. Es gibt also durchaus Verbindungslinien, zumal alle Gruppierungen das gemeinsame Ziel, das der Islam eine größere Rolle im Staat zu spielen habe, eint. Seit die Muslimbrüder an der Macht waren, hat man in den anderen Gruppierungen immer geschwankt zwischen Kooperation und Konkurrenz.

Und unter dem Druck des Militärs könnten sich neue Allianzen bilden?

Zumindest könnte es dazu kommen, dass Teile der Bruderschaft sich mit bestehenden radikalen Gruppen verbünden und die Basis der gewaltbereiten Islamisten vergrößern.

Wie groß ist die Gefahr, dass Ägypten der nächste Schauplatz des Dschihad wird?

Ägypten war in den 90er Jahren schon einmal Brutstätte des islamistischen Terrors. Es waren Mitglieder der Al-Gamaa al-Islamija und von al-Jihad, die nach Afghanistan gingen und dort Al-Kaida mitbegründeten. Und natürlich gibt es solchen Kräften Auftrieb, wenn ein Land im Umbruch ist und eine neue Front islamistischer Auseinandersetzung aufgemacht wird. Dennoch würde ich den Teufel nicht an die Wand malen.

Warum?

Als das Militär die Absetzung Mursis verkündete, war auch ein prominenter Vertreter der Salafisten anwesend, der zu einer Beteiligung am neuen politischen Dialog aufrief. Das zeigt, dass es auch unter den konservativen Islamisten Teile gibt, die zu einer gewaltfreien Mitarbeit an einem neuen System bereit sind. Es besteht Hoffnung, dass man in Ägypten nicht in diese alten Denkmuster zurückfallen wird, die unter Mubarak herrschten: Militärherrschaft schafft Sicherheit vor Islamismus, und islamische Gruppierungen wenden sich von formaler Politik ab und greifen zu Waffengewalt. Wichtig ist, die friedliche Komponente auch unter den Islamisten zu betonen.

Interview: Nadja Erb

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