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Umfrage Ängstliche Deutsche, mutige Welt

Berlins Außenpolitik sieht sich maximal weit entfernt von den Wünschen der Bürger. Tatsächlich sieht sich die deutsche Außenpolitik mit einem Katalog durchaus widersprüchlicher Forderungen konfrontiert.

„Verdächtiger Rauch“: 1860 entlarvte Carl Spitzweg den deutschen Spießer als misstrauischen Eremiten fern der Welt. Foto: dpa

Was ist eigentlich falsch an der deutschen Außenpolitik? Der deutsche Außenminister wollte es gern wissen, auch wenn ihm die Frage selbst nicht ganz geheuer war. Immerhin könnte man auf die Idee kommen, dass beispielsweise die aktuelle Ukraine-Krise nicht wirklich der günstigste Zeitpunkt für intensive Selbstbefragungen ist. Darf sich die Politik, vor diese Herausforderung gestellt, eine derartige Nabelschau überhaupt leisten?

Um mit der Beantwortung der letzten Frage zu beginnen: Sie darf. Wenigstens waren alle anwesenden internationalen Experten, die das Auswärtige Amt und die Körber Stiftung am Dienstag nach Berlin eingeladen hatten, sich darin einig. Sie sollte sogar, fand die amerikanische Historikerin Angela E. Stent und wünschte sich, ihre eigene Regierung würde dem deutschen Beispiel doch folgen wollen.

Klare Erwartungen

Die Erwartungen der europäischen Partner, der Vereinigten Staaten, ja der ganzen Welt an die Deutschen sind gestiegen – um es moderat zu formulieren. Tatsächlich sieht sich die deutsche Außenpolitik mit einem Katalog durchaus widersprüchlicher Forderungen konfrontiert. Sie möge mehr Verantwortung übernehmen, heißt es, ihrer Führungsrolle in Europa gerecht werden, sich wahlweise zu ihrer Westbindung bekennen oder eine Brückenfunktion im Verhältnis zu Russland ausüben, Stärke zeigen – aber nicht zu viel –, sie möge doch bitte gestalten, auch moderieren, und beruhigen sollte sie auch.

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev fand schließlich die richtigen Worte, den sinnsuchenden Gastgeber zu beruhigen: So oder so, sagte Krastev, Deutschland wird kritisiert werden für das, was es tut ebenso, wie für das, was es nicht tut. Er sei ganz entschieden für ein stärkeres internationales Engagement Deutschlands. In Europa gebe es tatsächlich keine einflussreichere Stimme als die aus Berlin. Um so mehr, seit die USA in Europa an Vertrauen und Einfluss verloren hätten.

Rapider Gesinnungswandel

Die im Auftrag des Außenministeriums von der Körber-Stiftung befragten Deutschen dagegen möchten lieber keinen politischen Einfluss geltend machen, weder in Europa noch in der Welt, zumindest mehrheitlich. Die Ansicht Steinmeiers, ihr Land sei ein wenig zu groß und wirtschaftlich zu bedeutend, um sich aus der Weltpolitik heraushalten zu können, teilen sie nur bedingt. Nur 37 Prozent der Befragten sind dafür, dass Deutschland sich künftig stärker außenpolitisch engagiert. Mit noch größerer Skepsis reagieren sie auf die Frage nach Militäreinsätzen. TNS Infratest hatte dazu Ende April bis Anfang Mai rund 1000 Bundesbürger befragt – also auf dem bisherigen Höhepunkt der Spannungen mit Russland. Auffällig ist der Vergleich mit den Zahlen von 1994. Damals hatten sich noch 60 Prozent für eine aktivere Rolle Deutschlands ausgesprochen.

Der Vertrauensverlust in die USA lässt sich nach dieser Umfrage auch in Zahlen ausdrücken. Eine europäische Orientierung löst die transatlantischen Bindungen ab. 79 Prozent wünschen, dass Deutschland noch enger mit Frankreich zusammenarbeitet. Dann folgen Polen und Großbritannien. China rangiert in dieser Liste der Wunschpartner noch vor den USA.

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