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Ukraine und Russland „Die Ukraine ist ein Fußball“

Altpräsident Leonid Krawtschuk wirft Russland eine Kriegermentalität vor: „Dieses Land führt seit 150 Jahren Krieg. Russlands Politiker, seine Menschen, selbst die Intellektuellen, fühlen sich als Krieger.“

Prorussische Separatisten fahren im Donbass schweres Feldgeschütz weg. Das verlangt das zweite Minsker Abkommen. Foto: dpa

Leonid Krawtschuk war von 1991 bis 1994 der erste Präsident der unabhängigen Ukraine. Gemeinsam mit Boris Jelzin und dem weißrussischen Staatschef Stanislaw Schuschkewitsch leitete er mit dem Byalistokern Vereinbarungen im Oktober 1991 die Auflösung der Sowjetunion ein.

Herr Krawtschuk, Russland hat Ihrem Land faktisch die Krim und einen Teil des Donbass abgenommen. Bereuen Sie, dass Sie 1994 das ukrainische Atomwaffenarsenal in Tausch gegen die Garantie ihrer territorialen Grenzen abgegeben haben?
Unsere Atomraketen waren veraltet, 1997 hätten wir alle Gefechtsköpfe auswechseln müssen. Russland lieferte uns keine neuen Sprengköpfe, wir selbst besaßen keine. Wir wären zu Geiseln unseres eigenen Arsenals geworden. Jeder Raketenschacht hätte uns 1 Milliarde Dollar gekostet. Und wir hatten 165.

Gab es damals keine Befürchtungen, Russland könne einen Krieg gegen die Ukraine beginnen?
Boris Jelzin und ich wurden einmal auf einer Pressekonferenz nach Gerüchten über eine Kriegsgefahr gefragt. Jelzin hat dem Journalisten mit einer Geste zu verstehen gegeben, er sei wohl nicht recht bei Trost. Auch ich äußerte damals aus vollster Überzeugung, der Gedanke an einen russisch-ukrainischen Krieg sei völlig absurd. Aber heute will ich nicht mehr ausschließen, dass Russland auch gegen Polen oder Tschechien militärisch aktiv wird.

Was hat sich geändert?
Unter Putin knüpft Russland wieder an seine kriegerischen, aggressiven Traditionen an. Für diesen Staat gibt es jetzt nichts Wichtigeres, als die Grenzen des zarischen Imperiums wieder herzustellen. Und der Westen muss endlich begreifen, dass diese Grenzen mitten in Europa liegen.

Sie halten Russland wirklich für so aggressiv?
Gegenüber der Ukraine ist Russland ein tatsächlicher Aggressor, gegenüber Europa ein potenzieller. Dieses Land führt seit 150 Jahren Krieg. Russlands Politiker, seine Menschen, selbst die Intellektuellen, fühlen sich als Krieger. Russische Kulturschaffende sind ins Donbass gefahren und haben dort mit Maschinengewehren auf ukrainische Soldaten geschossen.

Inzwischen wird der Waffenstillstand dort weitgehend eingehalten.
In der Ukraine und im Westen fehlt ein klares Verständnis der Lage. Unsere Führung sollte endlich die Dinge bei ihrem Namen nennen: Im Donbass geht keine Antiterroraktion vonstatten, sondern Krieg. Tausende sind ihm zum Opfer gefallen, 1,5 Millionen Menschen mussten fliehen. Das Gebiet bleibt russisch besetzt. Putin versucht zu beweisen, dass es dort keine russischen Soldaten gibt, dass das alles eine innere Angelegenheit der Ukraine ist. Und einige glauben ihm.

Welche Erfolgschancen geben Sie dem Friedensplan Minsk zwei?
Wir haben zugelassen, dass in Minsk vereinbart wurde, man müsse im Donbass zuerst Wahlen durchführen. Und erst dann der Ukraine die Kontrolle über die Grenze zu Russland zurückgeben. Merkel und Hollande bestehen darauf: Zuerst Wahlen, zuerst ein eigener Status, zuerst eine eigene Amnestie. Aber wie sollen dort Wahlen nach ukrainischen Gesetzen stattfinden, wenn der ukrainische Staat im Donbass nichts kontrollieren kann? Das ist lächerlich, ein absurdes Spiel.

Sie sind unzufrieden mit den westlichen Vermittlungsbemühungen?
Der Westen darf gegenüber Russland nicht schwanken. Aber sobald Putin sich nur ein bisschen bewegt, will Frankreich den Russen schon wieder Kriegsschiffe verkaufen und einige Kräfte in Deutschland verkünden: „Wir müssen Putin unterstützen, er scheint ja ein guter Mensch zu tun.“ Beim vergangenen Labour-Parteitag in Großbritannien wurde ein Mann zum Parteivorsitzenden gewählt, der offiziell erklärt: „Dafür, das Putin sich so aufführt, trägt nicht er die Verantwortung, sondern der Westen.“ Aus der Ukraine aber haben sie einen Fußball gemacht. Von einer Seite kickt Frankreich, von der anderen Deutschland. Und Obama steht im Tor.

Was sollten die Europäer und die USA ändern?
Sie müssen klar und eindeutig festlegen, welche Maßnahmen nötig sind, um Putins Aggression gegen die Ukraine aufzuhalten. Der Westen muss begreifen, dass es diesmal nicht um merkantile Interessen geht, sondern um die Zukunft der eigenen demokratischen Zivilisation. Für Europa bedeutet Krieg die Erinnerung an Schmerz, für uns ist dieser Schmerz sehr lebendig. Und in der Geschichte gab es das Gleiche schon einmal. Damals waren Chamberlain und Hitler die handelnden Figuren. Und die Geschichte lehrt: Wenn niemand den Aggressor aufhält, bleibt er von alleine nicht stehen.

Interview: Stefan Scholl

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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