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Ukraine Timoschenko und die Ultranationalisten

Mit dem Rückzug von Vitali Klitschko nimmt das Rennen ums Präsidentenamt in der Ukraine weiter Fahrt auf. Julia Timoschenko liegt laut Umfragen erst bei acht Prozent. Doch die selbst ernannte „Jeanne d’Arc der Ukraine“ gibt sich kämpferisch. Chancenlos ist Timoschenko nicht.

Anhänger der Vaterlandspartei feiern Julia Timoschenko bei einer Wahlkampf-Veranstaltung in Kiew. Foto: REUTERS

Julia Timoschenko kennt keine Kompromisse. Den russischen Präsidenten Wladimir Putin würde sie am liebsten per Kopfschuss exekutieren, bekannte die frühere ukrainische Regierungschefin in einem abgehörten Telefongespräch. Am Donnerstag erklärte Timoschenko offiziell ihre Kandidatur für das Präsidentenamt in Kiew. Damit schlug sie erneut eine Schneise in die politische Landschaft der Ukraine.

Zwei Tage später reagierte einer ihrer Konkurrenten: Vitali Klitschko erklärte am Samstag seinen Verzichtauf eine Kandidatur bei der Präsidentschaftswahl. Er unterstütze stattdessen die Bewerbung des proeuropäischen Unternehmers Pjotr Poroschenko, sagte Klitschko in Kiew. Bei der Wahl am 25. Mai sollten alle Oppositionskräfte Poroschenko unterstützen. "Die einzige Chance zu siegen, ist die Nominierung eines Einheitskandidaten der demokratischen Kräfte", appellierte Klitschko.

Timoschenko im Kampfmodus

Ganz andere Worte hatte zuvor Julia Timoschenko gefunden. „Um meine Ideen zu verwirklichen, wie man den Aggressor (Putin) stoppen kann, muss ich die Macht erringen“, sagt Timoschenko, die unter Ex-Präsident Viktor Janukowitsch nach einem politisch motivierten Schuldspruch zweieinhalb Jahre im Gefängnis saß. Erst die Maidan-Revolution brachte der 53-Jährigen Ende Februar die Freiheit.

Nach ihrer Rücken-OP in Berlin hat Timoschenko, die von ihrer Vaterlandspartei am Samstag offiziell zur Kandidatin für die Präsidentenwahl gekürt wurde, nun in den Kampfmodus geschaltet. Sie werde die Oligarchie in der Ukraine zerstören, kündigt die Frau an, die in den 90er Jahren selbst auf zwielichtige Weise als „Gasprinzessin“ zu Reichtum gelangte. „Die ukrainische Oligarchie ist ein System von Seilschaften zwischen der Wirtschaft und der Macht“, erklärt Timoschenko und attackiert damit auch ihren schärfsten Rivalen im Rennen um die Präsidentschaft.

„Schokoladenkönig“ Petro Poroschenko führte bereits vor dem Klitschko-Rückzug alle Umfragen an. Der 48-Jährige ist als Hersteller von Süßwaren zu einem der reichsten Männer der Ukraine aufgestiegen. Die Wurzeln seiner Geschäfte reichen aber ebenfalls in die finsteren 90er Jahre zurück, als am Dnjepr die Mafia das Geschehen bestimmte.

Poroschenko finanzierte Maidan-Bewegung

Poroschenko schlug sich nach der demokratischen Revolution in Orange 2004 auf die Seite der prowestlichen Regierungen, konkurrierte aber schon damals mit Timoschenko. 2005 war er Chef des Nationalen Sicherheitsrates, später ein Jahr lang Außenminister.

Vor allem aber konzentrierte er sich auf sein Unternehmen. Er kaufte Medienkonzerne, darunter den TV-Sender „Kanal 5“, der das korrupte Janukowitsch-Regime immer wieder offen kritisierte. Als die Euro-Maidan-Revolution losbrach, war Poroschenko der wichtigste Finanzier der Bewegung. Das sind Pfunde, mit denen der „Schokoladenkönig“ nun wuchern kann – zumindest im EU-freundlichen Westen des Landes. Poroschenko kommt in Umfragen derzeit auf 25 Prozent Zustimmung, weit vor dem mittlerweile ausgestiegenen Vitali Klitschko mit neun Prozent.

Dem Box-Weltmeister, der in der EU und vor allem in seiner Wahlheimat Deutschland viele Unterstützer hat, ist es mit seinen farblosen Auftritten auf dem Maidan nicht gelungen, die Masse der Bevölkerung zu erreichen. Doch das gilt derzeit auch für Timoschenko, die bei acht Prozent liegt und damit nur knapp vor dem Kandidaten der Partei der Regionen (PR), Sergej Tigipko.

Chancenlos ist Timoschenko nicht

Die PR war bis zum Februar die Hausmacht von Janukowitsch. Sie hat ihre Hochburgen im Osten der Ukraine und repräsentiert mindestens ein Drittel der Bürger. Bei einer Stichwahl um das Präsidentenamt könnte den Janukowitsch-Anhängern entscheidende Bedeutung zufallen. So gesehen ist das Rennen trotz Poroschenkos Vorsprung keineswegs gelaufen. Der Schriftsteller Juri Andruchowitsch sagte einmal über Timoschenko: „Sie ist eine Meisterin darin, Allianzen zu schmieden. Sie lebt im Kampf erst richtig auf.“

Erreicht die selbst ernannte „Jeanne d’Arc der Ukraine“ die Stichwahl und gelingt es ihr, ein Bündnis mit Tigipko zu schließen, hat sie durchaus Chancen, ihre politische Laufbahn zu krönen. Der Verdacht liegt daher nahe, dass Timoschenko mit ihren antirussischen Ausfällen vor allem Wahlkampf macht. Tatsächlich dürften ihr die martialischen verbalen Angriffe auf Putin bei ultranationalistischen Westukrainern Pluspunkte einbringen.

Deren Frontleute Oleg Tjanibok und Dmitri Jarosch, die Chefs der rassistischen Swoboda-Partei und des neofaschistischen Rechten Sektors, liegen in Umfragen derzeit zwar bei nur rund einem Prozent. Experten schätzen das Wählerpotenzial der Nationalisten aber größer ein. Timoschenko sieht das offenkundig ähnlich. (mit dpa)

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