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Ukraine-Krise Maidan ist ein Sinnbild des Scheiterns

Die Ukraine steckt noch immer in einem Sumpf aus Korruption und Oligarchie. Sinnbild dafür ist der Maidan in Kiew. Dort, wo vor zwei Jahren der Sturz des alten Regimes begann, lassen sich heute die neuen Machtstrukturen des Landes erkennen.

Auf dem Areal der „himmlischen Hundertschaft“ soll ein Hotel- und Bürokomplex entstehen. Foto: REUTERS

Im Herzen von Kiew, nicht weit vom Unabhängigkeitsplatz Maidan entfernt, gibt es ein himmlisches Refugium inmitten der Millionenstadt. Befestigte Pfade schlängeln sich über Rasenflächen, auf denen junge Bäume wachsen. Im Sommer, wenn alles grün ist, treffen sich hier Kulturfreunde und Familien zum Freilufttheater oder zum Picknick. Über den paradiesischen Platz wachen stets die traurigen Augen von Sergej Nigojan, die von einem übergroßen Mauerporträt auf die friedliche Szenerie herabblicken.

Das Motiv auf der Hauswand erinnert nicht zufällig an ein Christusbild. Nigojan gilt in Kiew als Märtyrer. Er war das erste Todesopfer der Euromaidan-Revolution, die vor zwei Jahren nicht nur die Ukraine, sondern die Welt in Atem hielt. Anfang Dezember 2013 strömten bis zu einer Million Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz, um gegen das autoritäre Regime von Präsident Viktor Janukowitsch, gegen Korruption und Oligarchenherrschaft und für eine Annäherung an die EU zu demonstrieren. Im neuen Jahr eskalierte die Lage.

„Vier Schüsse in Kopf und Hals haben Sergej getötet“, berichtete später der Arzt Oleg Mussi über den Tod Nigojans, der nur 20 Jahre alt wurde. Bis heute ist ungeklärt, wer die Scharfschützen waren, die friedliche Demonstranten ins Visier nahmen. Schossen Spezialpolizisten des Regimes, gegen das „der Maidan“ mobil machte? Feuerten russische Agenten? Oder waren Aufwiegler aus den Reihen der Revolutionäre am Werk, die den gewaltsamen Kampf gegen die Regierenden herbeisehnten und provozieren wollten?

Sicher ist: Am Ende starben im Kugelhagel rund 100 Menschen. In der Terminologie der Revolutionäre, die sich damals in Hundertschaften organisiert hatten, werden die Toten bis heute als die „himmlische Hundertschaft“ bezeichnet. In Anlehnung daran wird das paradiesische kleine Areal, über das die Christus-Augen von Sergej Nigojan wachen, als der Himmlische-Hundertschaft-Platz bezeichnet. Doch jetzt, im zweiten nachrevolutionären Winter, droht den Erben des Euromaidan die Vertreibung aus dem Paradies.

Die Geschichte des Platzes, über die zunächst die Anti-Korruptions-Initiative „Naschi Groschi“ (NG/Unser Geld) berichtete, kann als idealtypisch für die Lage in der Ukraine gelten. Zwei Jahre nach den Maidan-Protesten haben sich alte und neue Seilschaften zu einem engmaschigen Netz verbunden, das sich über das Land legt wie Mehltau und den Aufbruch zu ersticken droht. Anders formuliert: Der Kapitalismus ukrainischer Prägung frisst die Kinder der prowestlichen Revolution.

Das Grundstück des Himmlischen-Hundertschafts-Platzes gehört seit 2007 der Immobilienfirma Green Plaza. Deren wichtigste Eigentümer sind nach NG-Recherchen auf den britischen Virgin-Islands registriert, in einer Steueroase. Auch Verwandte des früheren Kiewer Bürgermeisters Leonid Tschernowetski sollen mit im Boot sein. Die Platz-Aktivisten sind überzeugt, dass die Stadt Kiew das Areal unter dubiosen Umständen verkauft hat. Dafür spricht viel, angesichts des Sumpfes aus Oligarchenherrschaft und Korruption, der sich damals in der Ukraine ausgebreitet hatte.

Sicher ist: Jahrelang ließ Green Plaza das Grundstück brachliegen, bis die Maidan-Revolutionäre den Platz 2014 „kaperten“ und in ein urbanen Garten Eden verwandelten. Nun aber, acht Jahre nach dem Kauf, möchte die Immobilienfirma dort einen Hotel- und Bürokomplex errichten. Versuche der Stadt, den aufgewerteten Platz zurückzukaufen, scheiterten. In diesen Dezembertagen trifft man sich vor Gericht.

Doch die Erfolgsaussichten der Maidan-Fraktion sind gering – nicht zuletzt, weil es die neuen prowestlichen Herrscher um Präsident Petro Poroschenko versäumt haben, der Oligarchie und der Korruption in Kiew und der gesamten Ukraine den Garaus zu machen. Überraschen kann das kaum: Der „Schokoladen-König“ Poroschenko gelangte einst selbst als Süßwaren-Oligarch zu einem Milliardenvermögen.

„Niemand sollte von uns Wunder erwarten“, wiederholt Poroschenko gebetsmühlenartig und verweist zur Rechtfertigung auf die prekäre außenpolitische Lage des Landes, das sich noch immer am Rand zum Krieg mit Russland bewegt. Tatsächlich ist die Ukraine weit von einer friedlichen Lösung des Konfliktes in ihren östlichen Regionen entfernt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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