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Ukraine Kremlkritiker im Kiewer Exil

Immer mehr kritische Köpfe aus Russland wandern aus, um die Ukraine zu unterstützen. Sie träumen von der Ukraine als einem wirtschaftlich blühenden, von Korruption befreiten, demokratischen Gebiet.

Viele erhoffen sich zukünftig in der Ukraine eine Demokratie und blühende Landschaften. Foto: afp

Mascha Gaidar platzt vor Selbstvertrauen. „Ich glaube, ich habe im Gebiet Kirow große Erfolge erreicht“, verkündete sie kürzlich in einem Interview. Die Gesundheitsreform, die sie als Vizegouverneurin der nordrussischen Region durchgebracht habe, sei die erfolgreichste in ganz Russland gewesen. Jetzt ist Mascha Gaidar, 32, Tochter des russischen Reformpremiers Jegor Gaidar und Urenkelin des berühmten sowjetischen Kinderschriftstellers Arkadi Gaidar wieder Vizegouverneurin, wieder will sie ein regionales Gesundheitssystem reformieren. Nur diesmal nicht in Russland, sondern in der ukrainischen Schwarzmeerregion Odessa. Dort möchte noch ein postsowjetischer Ausländer, der georgische Expräsident Michail Saakaschwili, das ukrainische Modell eines wirtschaftlich blühenden, von Korruption befreiten, demokratischen Gebietes errichten. Die Moskauer Oppositionelle Gaidar hat sich vergangene Woche mit Begeisterung von ihm anheuern lassen.

Russen suchen Asyl

Mascha Gaidar ist keineswegs der einzige kritische russische Kopf, der jetzt für die Ukraine denkt. Anfang des Monats kündigte Aider Mudschabajew, stellvertretender Chefredakteur des „Moskowski Komsomoljez“, fuhr nach Kiew und stieg beim krimtatarischen Fernsehsender ATR ein. Der ging ebenfalls ins Exil, nachdem ihn die neuen russischen Behörden auf der annektierten Krim abgeschaltet hatten. Andere russische Journalisten, Dokumentarfilmer, Politologen und Geschäftsleute, selbst Kampfsportlerinnen sind schon vorher in die Ukraine gekommen. Nach Angaben der ukrainischen Einwanderungsbehörden gibt es etwa 130 Russen, die politisches Asyl beantragt haben, die Internetzeitung „Ukrainskaja Prawda“ schätzt, es gebe vor allem in Kiew mehrere Hundert „alternative Russen“.

Die halbstaatliche russische Öffentlichkeit aber empört sich, vor allem über Gaidar. „Sie hat Arbeit bei Leuten angenommen, deren Verhältnis zu unserem Land und unserem Volk bekanntlich extrem negativ ist“, schreibt der Ex-Oppositionelle Nikita Belych, der nun Kirower Gouverneur ist, über Gaidar. „Das bedeutet, sie stellt sich nicht einfach gegen die Staatsmacht, sondern gegen alle Russen“. Odessa sei zum Hafen für proamerikanische politische Bankrotteure aus allen postsowjetischen Ländern geworden, schimpft die Zeitung „Iswestija“. Und der Staatssender „Rossija 1“ beschimpft Olga Simonowa, früher russische Kobudo-Meisterin als „genetische Verräterin“.

Empörung in Russland

Die junge Frau aus Tscheljabinsk im Ural hatte vergangenen Sommer beim Bergsteigen Ukrainer kennengelernt, begann danach, im Internet nach unabhängigen Informationsquellen zu suchen, die den Krieg im Donbass ganz anders darstellten als das Staatsfernsehen. „Das Leben zu Hause wurde danach sehr kompliziert.“ Einige Monate später fuhr sie nach Kiew und meldete sich dort freiwillig als Sanitäterin in einem mobilen Feldlazarett.

„Russland drängt dem Höhepunkt des Chauvinismus entgegen“, erklärt Redakteur Muschdabajew seine Entscheidung. „Die Masse der Leute will erst gar keine andere Meinung hören. Als Journalist bist du dort überflüssig.“ Und die frühere Moskauer Oppositionelle Olga Kurnosowa sagt: „Unsere Mission ist es, den Hass dieses Krieges zu mildern. Wir widerlegen die Propaganda des Kreml, in der Ukraine hasse man die Russen.“ Der ostukrainische Bürgerkrieg ist auch zu einem geistigen russischen Bürgerkrieg geworden: die kremltreue Mehrheit in der Heimat gegen demokratische Intelligenzija im Kiewer Exil.

„Russland ist der Aggressor, alle Russen, die der Ukraine helfen, die Folgen dieser Aggression zu überwinden, tun das Richtige“, sagt der Menschenrechtler Sergej Dawidis, einer der Regimekritiker, die in Moskau geblieben sind. Wenn die Ukraine ihre demokratische Wahl behaupten könne, werde das auch als Beispiel für Russland dienen.

„Aber wenn alle wegfahren, ändert sich doch nie was!“, hielt kürzlich ein russische Oppositionsjournalist Mascha Gaidar vor. „Es ändert sich was! Hundertprozentig“, konterte die frischgebackene Vizegouverneurin. „Und wenn alle wegfahren, bleibt nur Putin übrig. Und dann ändert sich alles!“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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