Lade Inhalte...

Ukraine-Konflikt "Putin schadet der russischen Wirtschaft"

Der Umsturz in Kiew stellt die russische Industrie vor gewaltige Probleme. Im Interview spricht der Russlandkenner und Wirtschaftsberater Kishor Sridhar über die Abhängigkeit der Ukraine und Russland voneinander und über die Ängste des Kreml.

Wladimir Putin. Foto: dpa

Herr Sridhar, die Ukraine hat sich von der Wirtschaftskrise 2008 bis heute nicht erholt. Welche Rolle spielt die Ökonomie bei der jetzigen Revolution?
Sämtlich Proteste und Demokratiebewegungen haben immer einen wirtschaftlichen Faktor, das sieht man auch am Arabischen Frühling. Die Ukrainer, die auf dem Maidan dabei waren, erhoffen sich eine wirtschaftliche Verbesserung ihrer Lebenssituation. So haben Umfragen der Deutschen Welle in der Ukraine vor den Protesten gezeigt, wie hoch die Bereitschaft war, sich der EU anzunähern. Damals lag sie auch im Osten des Landes bei mehr als 50 Prozent. Die Gründe waren immer wirtschaftlicher Natur. Es ging ganz eindeutig nicht um Demokratie oder Menschenrechte, das war für vielleicht acht Prozent der Menschen eine Motivation.

Gerade der Osten der Ukraine ist sehr eng mit Russland verflochten. Hat das der Region in den vergangenen Jahren etwas gebracht?
Eine ganze Menge sogar, deswegen orientieren sich ja noch viele nach Russland. Aber die Bevölkerung dort hat sich von der EU-Annäherung durchaus eine weitere Verbesserung erhofft. Sie sieht ja, dass die Strukturen in den Bürokratien die alten bleiben. Der Alltag ist nach wie vor sehr beschwerlich. Es herrscht Willkür in den Behörden und bei der Steuer. Wer eine Firma gründen will, muss sehr hohe Hürden nehmen. Gleichzeitig erfährt er von Bekannten in Westeuropa, dass es dort Regeln gibt, die das Leben leichter machen.

Können ukrainische Betriebe die russischen Kunden durch westliche ersetzen?
Was im Osten der Ukraine produziert wird, ist hier nicht wettbewerbsfähig. Zum Beispiel sind die Stähle eher minderwertig. Die werden zwar auch in Deutschland eingesetzt, aber die meisten Abnehmer sitzen in Russland. Ferner sind es Maschinenbauteile, die hier keine oder kaum Abnehmer finden. Das Qualitätsproblem hängt klar damit zusammen, dass in den vergangenen Jahren zu wenig in Forschung und Produktion investiert wurde.

Warum haben die Oligarchen nicht modernisiert?
In der Fertigungsindustrie ist es ein Mentalitätsproblem, das in der Ukraine und Russland zu finden ist: Es mangelt an Weitsicht. Geld in die Hand zu nehmen, das vielleicht erst in sieben Jahren Gewinne bringt, das ist eine Denkweise, die dort kaum anzutreffen ist.

Was prägt diese Mentalität?
Die fehlende Planungssicherheit. Keiner weiß, was in zwei, drei Jahren ist, selbst in Russland besteht diese Sorge. In der Ukraine und Russland herrscht seit zwanzig Jahren in der Geschäftswelt nach wie vor ein eher kurzfristiges Denken.

Welche Rolle spielt die Politik?
Es gibt klar auch eine politische Komponente. Die Ukraine hat eigentlich enorme Gasvorkommen. Dennoch steht das Land immer als Gasempfänger und Abhängiger dar. Aber die Vorkommen sind riesig und die Abhängigkeit ist bewusst forciert worden. Hätte man vor zehn Jahren oder noch früher in die Erschließung der Förderstätten investiert, könnte die Ukraine heute Gas exportieren.

Wie hängt Russland von der Ukraine ab? Oder anders gefragt: Gibt es einen ökonomischen Zwang für das, was Putin derzeit treibt?
Ja, es gibt ihn, aber er geht über die Ukraine hinaus. Es ist klar, dass die eurasische Union, die Putin aufbauen will, ohne die Ukraine nichts wert ist. Die Ukraine ist ein wichtiger wirtschaftlicher Baustein. Der Kreml sorgt sich auch darum, dass nach einer Modernisierung ukrainische Waren in eine andere Richtung gehen. Russland ist aber auf die als Abnehmer angewiesen.

Sie beraten deutsche Firmen, die in Russland und der Ukraine tätig sind – wie ist bei ihnen die Stimmung jetzt?
Was Russland angeht, sind viele verhalten und vorsichtig optimistisch. Wobei sich viele die Frage stellen, ob Russland ein langfristiger Partner ist oder nicht. Das ist aber eine Frage, die haben die Russen selbst. Ich schätze es so ein, dass langfristige Projekte jetzt hinterfragt werden. Und was die Ukraine angeht, da sehen wir ganz klare Rückzugstendenzen. Kunden frieren ihre Projekte ein und ziehen sich zurück.

Das war ja im Sinne Putins.
Vielleicht sieht er das so, aber er hat wenig Gespür für wirtschaftliche Zusammenhänge. Er ist ein begnadeter Politstratege, aber Wirtschaft ist nicht seine Stärke. Seine Regierung wird zwar bisher von der Wirtschaft gestützt. Aber sie ist sehr auf den Rohstoffsektor ausgerichtet. Letzten Endes braucht Russland eine Ölpreiserhöhung von zehn Dollar pro Jahr, um die Ausgaben des Staates zu bewerkstelligen und die Wirtschaft am Laufen zu halten. Russland muss dringend den Industriesektor modernisieren. Modernisierungen werden nun aber teurer, weil der Rubel derzeit an Wert verliert. Das, was Putin tut, wird der russischen Wirtschaft mittelfristig schaden.

Interview: Viktor Funk

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen