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Ukraine-Konflikt Krieg im Kopf

Weder die Soldaten an der Front noch europäische Politiker oder Nato-Diplomaten trauen den angekündigten Gesprächen zwischen Moskau und Kiew. Die Ukraine-Krise bricht nun auch alte Konflikte zwischen Ost und West auf.

Eastern Ukraine fighting
Was ist denn nun mit der Waffenruhe? Scharfschützen des ukrainischen „Donbas“-Bataillons observieren den Gegner. Foto: dpa

Igor hat die Kriegswende am eigenen Leibe erlebt. „Es knallte, eine Druckwelle, ich wurde gegen die Wand gepresst, danach stürzte ich aus dem 1. Stock auf eine zerbrochene Treppe. Igor Kanakow, Kämpfer des ukrainischen Freiwilligenbataillons „Dnepr 1“ erwischte es beim Häuserkampf in dem Städtchen Ilowajsk, der 45-Jährige landete mit verletztem Rückgrat in einem Krankenhaus in Mariupol.

Die ukrainischen Streitkräfte hatten den Eisenbahnknoten Ilowajsk fast unter ihre Kontrolle gebracht, sie hatten damit die Rebellenhauptstadt Donezk praktisch von ihrem Hinterland abgeschnitten. Aber vergangene Woche gingen die Separatisten zum Gegenangriff vor – wohl mit massiver Hilfe russischer Truppen. Seitdem sind die Rebellen im Donbass wieder auf dem Vormarsch. Igor kam mit einem der letzten Lastwagen aus dem Kessel heraus.

Putin kündigt seinen eigenen Waffenstillstandsplan an

Am Mittwoch verkündete in Kiew der Pressedienst des ukrainischen Präsidenten Pjotr Poroschenko, er habe sich in einem Telefongespräch mit Wladimir Putin auf einen dauerhaften Waffenruhe geeinigt. Kurz darauf schwächte er ab: Man habe sich auf „das Regime einer Feuerpause geeinigt“. Weiter heißt es: „Es wurde Einverständnis über die Schritte erreicht, die für einen Friedensschluss nötig seien.“

Der russische Präsidentensprecher Dmitri Peskow dementierte: Russland sei keine Konfliktpartei, könne deshalb solche Vereinbarungen nicht treffen. Allerdings hätten beide Präsidenten die für eine Waffenruhe nötigen Schritte abgestimmt. Ein paar Stunden später verkündete Putin überraschend seinen eigenen Waffenstillstandsplan mit sieben Punkten, darunter ein Ende der Rebellenoffensive, ein Abzug der schweren ukrainischen Artillerie, vollständigen Gefangenenaustausch und humanitäre Korridore für Flüchtlinge und Hilfstransporte.

Die Ukraine lehnte den Plan kurz darauf ab. Mit dem Sieben-Punkte-Programm wolle Moskau kurz vor dem Nato-Gipfel die internationale Gemeinschaft täuschen, erklärte der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk am Mittwochabend in Kiew. Putin beabsichtige außerdem, drohende neue Sanktionen seitens der Europäischen Union abzuwenden.

Igor liegt auf dem Bett, er trägt ein grünes Kopftuch über seinem ergrauten Schopf. Er war Unternehmer aus Donezk, der mit Mineralöl handelte, bevor er Soldat wurde. Jetzt redet Igor über Politik: „Einerseits ist jede Waffenruhe gut, sie verringert die Zahl die Opfer. Aber andererseits, die Russen stehen doch schon auf unserem Land. Mir ist unklar, wie man sie mit einem Waffenstillstand bewegen will, es wieder freizugeben.“

Mariupol gilt als ein strategisches Ziel

Mariupol traut der neuen Friedenshoffnung nicht. Ein Bagger hebt in einem Vorort östlich der 500 000-Einwohner-Stadt, Schützengräben aus. Am Nachmittag stehen auf dem Sportplatz der Garnison des Freiwilligenbataillons „Asow“ Ingenieure und Fabrikarbeiter und hantieren unter dem Kommando eines Kahlkopfs ungeschickt mit Kalaschnikow-Sturmgewehren. Ein Dutzend Jünglinge mit Sporttaschen zieht vorbei, ein schlankes, braungebranntes Mädchen begleitet den letzten in ihren Reihen und blickt traurig nach. „Die Jungs haben beschlossen, in unseren Reihen zu kämpfen“, sagt Oleg Odnoroschenko, stellvertretender Bataillonskommandeur. Seit vergangene Woche über die russische Grenze vorgestoßene Panzerkolonnen die Nachbarstadt Nowoasowsk überrollten, gilt Mariupol als ein strategisches Ziel. Die Hafen- und Industriestadt mit zwei der größten Stahlwerke der Ukraine steht einem russischen Vormarsch im Weg, und damit der Eroberung eines Landwegs zur annektierten Krim.

In Kiew und in Moskau sind sich die Politologen einig, dass Poroschenko mit der Waffenruhe auf den militärischen Druck der Russen reagiert. „Die ukrainische Armee ist zu schwach, um gegen Russland Krieg zu führen“, sagt der Kiewer Politologe Wadim Karasjew. „Es ist an der Zeit, zu verhandeln.“ Die Separatisten in Donezk zeigen keine Bereitschaft, von Kriegs- auf Verhandlungsmodus umzuschalten. „Kiew spielt ein Spiel. Die Entscheidung wurde ohne uns gefällt“, erklärte Rebellenführer Andrei Purgin der russischen Agentur Ria Nowosti.

In Mariupol haben die Chirurgen Igor derweil ein Stück Rückenmark entfernt. „Morgen will mich der Arzt zum ersten Mal wieder auf die Beine stellen“, sagt er. „Ich will wieder an die Front, zurück nach Ilowajsk. Wir werden diese Stadt nehmen. Und danach Donezk.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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