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Ukraine „Hauptsache, es ist kein Krieg“

Die ukrainische Stadt Slawjansk im Donbass war noch vor wenigen Monaten Hochburg der Separatisten, die es zum "zweiten Stalingrad" erklärten. Nun regiert hier Kiew. Oder doch die alte Elite? FR-Reporter Christian Esch war vor Ort.

In die zerstörten Häuser kehrt langsam wieder Alltag ein. Foto: dpa

Abends, wenn die Hitze geht und die Mücken kommen, füllt sich der hell erleuchtete Hauptplatz von Slawjansk. Kinder zuckeln in bunten Elektroautos herum, die Jugend trinkt Bier am Brunnen, aus den Lautsprechern scheppert Popmusik. Von seinem Sockel vor dem Rathaus schaut Lenin zu. Jemand hat ihm eine ukrainische Fahne um den Hals geknüpft wie einem Pfadfinder. Auf dem Asphalt verblassen die Spuren von Panzerketten.

Es ist ein Bild des Friedens. Nur zwei Autostunden südlich von Slawjansk, in Donezk, wird gekämpft, dort spielen keine Kinder auf der Straße, und in den Außenvierteln wummert die Artillerie. Den Slawjanskern kommt es selbst wie ein Wunder vor, dass es ausgerechnet bei ihnen friedlich ist. Noch Anfang Juli war ihre Stadt heftig umkämpft, die Separatisten hatten Slawjansk zum zweiten „Stalingrad“ erklärt und sich dort drei Monate verschanzt. Das war lange bevor der Krieg nach Donezk kam. Wer nach Slawjansk hineinfährt, sieht eine Spur der Zerstörung; ausgebrannte Geschäfte, durchlöcherte Fassaden, abgerissene Oberleitungen.

Als die Separatisten in der Nacht auf den fünften Juli abzogen, schien das wie die Wende des Krieges in der Ostukraine. Es begann der Vormarsch der ukrainischen Truppen, und es stellte sich die Frage: Wie regiert man eigentlich die ehemaligen Rebellengebiete? Und auf wessen Unterstützung kann der ukrainische Staat setzen, auf wen nicht?

Wenn man den Moskauer Abendnachrichten glaubt, dann haben die ukrainischen Truppen bei ihrem Einmarsch als erstes auf dem Hauptplatz einen Dreijährigen gekreuzigt, die ohnmächtige Mutter an einen Panzer gebunden und dreimal um den Lenin geschleift. So behauptete es eine Flüchtlingsfrau, der Erste Kanal griff ihre Erzählung dankbar auf.

Wie Deutschland im Mai 1945

Natürlich hat in Slawjansk niemand von Kreuzigungen gehört. Denis Begunow, der selbst aus Slawjansk stammte und in der Stadtverwaltung arbeitet, war beim Einmarsch dabei. Er fuhr mit der Nationalgarde in dieselbe Stadt hinein, die er kurz zuvor erst verlassen hatte – für einen jungen Maidan-Anhänger wie ihn war das Leben dort nämlich besonders gefährlich geworden. „Wir fuhren in eine fast leere Stadt. Ich dachte, jetzt kommen irgendwelche Omas rausgelaufen und beschimpfen uns. Aber die Menschen schauten bloß, manche weinten, manche grüßten uns“, sagt er.
Anstatt Kleinkinder zu kreuzigen, haben die Truppen auf dem Hauptplatz Wurst verteilt. „Die Junta hat euch Essen mitgebracht!“, rief Denis spöttisch. Ihm missfiel, wie manche eifrig nach der Kiewer Wurst griffen, obwohl sie noch vor kurzem „Putin, hilf!“ skandiert und die Kiewer Regierung eine „faschistische Junta“ genannt hatten. Eine Frau sagte ihm damals leise: „Wir haben selbst unsere Lehren gezogen.“

Denis Begunow sitzt jetzt wieder im Rathaus, über dem die ukrainische Fahne weht, in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Er spricht über die Slawjansker harsch, als wären es Fremde. „Wie Deutschland im Mai 1945“ fühle er sich manchmal, sagt er und lacht. Es sind ja in Slawjansk nicht nur die alten Einwohner geblieben, von denen viele Sympathien mit dem prorussischen Separatisten hatten, sondern auch die alten Eliten, die mit den Rebellen zusammenarbeiteten.

Es ist tatsächlich schwer zu sagen, wer eigentlich das Sagen hat in dieser Stadt. Einen Bürgermeister gibt es nicht. Der „Volksbürgermeister“ Wjatscheslaw Ponomarjow, den die Rebellen selbst ausgerufen hatten – ein Afghanistan-Veteran mit leicht irrer Mimik und einer Vorliebe für grausame Scherze – hat die Stadt zusammen mit den Separatisten verlassen.

Die alte Bürgermeisterin Nelja Schtepa, eine üppige Blondine mit reicher Garderobe, sitzt im Untersuchungsgefängnis in Charkow. Als am 12. April maskierte Unbekannte die Polizeidirektion, das Geheimdienstgebäude und das Rathaus besetzt hatten, hatte sie die Einwohner mit den Worten „das sind unsere Jungs aus dem Donbass“ beruhigt. Später überwarf sie sich mit den Separatisten und wurde im Rathaus eingesperrt, in ein Zimmer nicht weit von Begunows Büro. Vielleicht war die Haft aber auch vorgespielt, darin sind sich die Einwohner uneins.

Nun muss der Vorsitzende des Stadtparlaments als amtierender Bürgermeister einspringen. Aber auch er wurde festgenommen und wieder freigelassen, gerade ist er krankheitsbedingt im Urlaub. Wie die meisten Abgeordneten gehört er zur „Partei der Regionen“, der Regierungspartei des gestürzten Präsidenten. Man sah ihn an der Seite des „Volksbürgermeisters“, so wie ja auch der Stadtrat Ponomarjow faktisch unterstützt hatte.

„Aber außer dem Stadtrat gibt es ja kein einziges legitimiertes Organ“, sagt der Abgeordnete Wadim Suchonos. Er steht vor dem Rathaus. Die Sandsäcke, mit denen die Separatisten den Eingang verbarrikadiert hatten, sind verschwunden. Menschen kommen und gehen. Neben Suchonos steht eine Tafel, auf der können sich mit Filzstift diejenigen Abgeordneten eintragen, die eine „freiwillige gesellschaftliche Attestierung“ durchlaufen wollen. Suchonos hat sich eingetragen. Am Sonntag, wenn auf dem Platz die allwöchentliche Bürgerversammlung stattfindet, will er sich öffentlich befragen lassen. Die Bürgerversammlung ist eine Art Mini-Maidan, der sich in Slawjansk allerdings künstlich ausnimmt. Es kommen an die hundert Menschen mit blaugelben Flaggen und singen die Nationalhymne.

Der fraktionslose Suchonos hat eine Überprüfung nicht zu fürchten: Als die Separatisten an der Macht waren, hat er zehn Tage im berüchtigten Keller des Geheimdienstgebäudes zugebracht, wo die „Donezker Volksrepublik“ ihre Gegner festhielt. Im Keller wurde geschlagen und psychischer Druck ausgeübt, sagt er. Für die Verhöre wurden ihm die Augen verbunden. Jetzt ist er frei und wieder im Stadtrat, dafür ist die gesamte kommunistische Fraktion verschwunden. Allerdings hat sich außer Suchonos in zwei Tagen noch niemand für die „freiwillige Attestierung“ eingetragen.

Auch die Polizei in Slawjansk ist die alte. Immerhin hat sie einen neuen Chef. Iwan Rybaltschenko hat auf der Krim gedient, bis die von Russland annektiert wurde. Als er in das eben befreite Slawjansk kam, fand er von 400 Mitarbeitern der Slawjansker Polizei nur noch 36 vor. Viele waren vorübergehend vor den Kämpfen geflohen, so wie andere Einwohner der Stadt. Andere ließen aus der Ferne wissen, dass sie gar nicht daran dächten, zurückzukommen. Jetzt sind 240 der alten Mitarbeiter wieder im Einsatz, sie wurden mit dem Lügendetektor befragt. Das Resultat der Überprüfung liegt noch nicht vor.
Rybaltschenko sitzt im ersten Stock der Polizeidirektion. Das Gebäude wurde am 12. April als allererstes von maskierten Kämpfern gestürmt, mitsamt der Waffenkammer. Dann richteten sich die Anhänger der Separatisten dort ein, mit Barrikaden rundherum und Feldbetten in den Büros. Drei Wochen lang mussten wir den Müll wegschaffen, sagt Rybaltschenko. Sein Zimmer ist frisch renoviert, am Montag sollen die geraubten Computer ersetzt werden.

Dass seine Untergebenen den Angriff damals zuließen, wirft Rybaltschenko ihnen nicht vor. „Wir haben Einsatzpläne für den Fall, dass Bürger eine Polizeidirektion stürmen – aber nicht für den Fall, wenn russische Soldaten mit Spezialausbildung das tun. Die Einwohner von Slawjansk haben ja erst später mitgemacht.“ Tatsächlich standen die Slawjansker Separatisten unter der Führung eines ehemaligen russischen Geheimdienstoffiziers, des Moskauers Igor Girkin alias Strelkow.

Die 400 Pistolen und 20 Maschinenpistolen, die von den Maskierten geraubt und an Einheimische verteilt wurden, sind immer noch verschwunden. Jetzt geht die Polizei ohne Waffen auf Streife, aber zusammen mit bewaffneten Nationalgardisten. Einen Überfall auf die Patrouillen hat es noch nicht gegeben, sagt Rybaltschenko. Die Lage sei ruhig.

Schwieriger ist es, herauszufinden, wer eigentlich bei den Separatisten mitgemacht hat. Verglichen mit der Einwohnerzahl von 140 000 waren es wenig, sagt Rybaltschenko – „wir kommen nicht mal auf 1000 aktive Unterstützer.“ Er schätzt diese Zahl aufgrund von anonymen Hinweisen. Ordentliche Zeugenaussagen wollen die Einwohner nicht machen, weil sie eine Rückkehr der „Donezker Volksrepublik“ fürchten, sagt er.

Mehrere Massengräber sind geöffnet worden, und es ist unklar, wer darin liegt – Opfer des Artilleriebeschusses, tote Kämpfer oder Opfer der Separatisten. Aus einem Massengrab mit 14 Toten wurden bereits drei Leichen identifiziert. Es sind Mitglieder der örtlichen Pfingstgemeinde, die von den Separatisten aus dem Gottesdienst geholt und getötet wurden. Es gibt in der Ostukraine viele protestantische Kirchen, und die hatten es schwer unter den Separatisten. Die prorussischen Kämpfer sahen sich als „orthodoxe Armee“ und weihten ihre Fahnen in der Kathedrale. Laut Ex-Bürgermeisterin Schtepa wurden sie von einem Priester des Moskauer Patriarchats tatkräftig unterstützt.

Jetzt schwingt das Pendel zurück. Im Stadtzentrum ist ein Zelt aufgebaut, in dem fleißig evangelisiert wird. „Wir fahren durch die befreiten Gebiete und kämpfen gegen die Verhärtung der Herzen“, sagt der junge Viktor Minin, der auf dem Bürgersteig Hörer sucht. Er kommt aus Makejewka, das immer noch unter der Herrschaft der Separatisten ist. Aber auch Minins Herz wirkt verhärtet. Dass die ukrainische Armee bei ihrem Vorrücken auch Städte beschießt und Zivilisten tötet, findet er unvermeidlich. „Wie soll man sonst gegen Terroristen vorgehen?“

Slawjansk hat stark unter dem Beschuss der ukrainischen Armee gelitten, die vom Berg Karatschun in die Stadt feuerte. Auf Zivilisten wurde wenig Rücksicht genommen. Die Separatisten wiederum stellten ihre Geschütze in Wohnvierteln auf, und teils beschossen sie auch selbst Wohnhäuser, wie Augenzeugen berichten. Außerdem hinterließen sie bei ihrem Abzug reichlich Sprengfallen. Allein 592 Mörsergranaten und 448 Artilleriegranaten mussten in den sechs Wochen nach der Befreiung der Stadt zerstört werden, heißt es aus dem Hilfsstab im Rathaus.

1500 Einfamilienhäuser wurden beschädigt, dazu kommen Wohnblocks, Schulen, Geschäfte – Viktor Winnitschenko vom Bezirksbauamt schätzt die Schäden an der Bausubstanz auf 1,5 Milliarden Griwnja oder fast 90 Millionen Euro. Winnitschenko ist in seiner Freizeit Ataman der örtlichen Donkosaken, auch er muss sich nun gegen Vorwürfe wehren, denn unter den Rebellen waren reichlich Kosaken. „Das waren nicht meine“, sagt Winnitschenko fest. „Ich hatte zum Glück genug Verstand, um keinen meiner Leute mit Waffen an die Barrikaden zu lassen.“

Wie der arme ukrainische Staat die Schäden je beheben will, ist unklar, und wie die Führung die Gunst der Einwohner gewinnen will, ebenso. „Gute Propaganda ist nötig“, sagt Denis Begunow im Rathaus. Auf seinem Schreibtisch liegt eine neue Broschüre mit dem Titel „Die Ukraine liebt ihren Donbass. Der Donbass liebt seine Ukraine.“ Es gibt darin viele Seitenhiebe gegen Putins Russland. Es ist von Armut, Alkohol und Aids zerrüttet, lehrt Kapitel 2.

Vielleicht sollte man es statt mit Liebe erstmal mit Vertrauensbildung versuchen. Derzeit herrschen Misstrauen, Angst, Gerüchte. Wer mit den Separatisten sympathisiert hat, der fürchtet Repressionen Kiews. Wer mit Kiew sympathisiert hat, der fürchtet die alten Eliten, die immer noch im Amt sind.

„Hauptsache, es ist kein Krieg“, sagt der pensionierte Fernfahrer Alexander. Das ist der Satz, den sie hier alle sagen, und der alle weiteren Fragen zurückstellt. Alexander war die ganze Zeit in der Stadt, bis er auf dem Lesnoj-Markt gesehen hat, wie ein Passant getroffen wurde und versuchte, seine Eingeweide in den Bauch zurückzustopfen. Danach ist Alexander aus der Stadt geflohen. Er zürnt einer Regierung und einer Armee, die so leichtfertig mit dem Leben von Zivilisten umgegangen sind. Wieso hat man über Monate in die Stadt hineingeschossen – aber als die Separatisten dann über Nacht abzogen und endlich außerhalb der Stadt waren, wurde ihre Kolonne nicht zerstört?

Alexander fährt auf der Straße nach Charkow, vorbei an Straßensperren der Armee, wo er überfreundlich grüßt. Er zeigt auf die Zerstörungen und die Gräben links und rechts. „Da liegen noch hunderte Gefallene“, behauptet er. „Aber das sagt keiner. Und ich habe Dir auch nicht davon erzählt.“

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