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Ukraine Der rechtsextreme Kriegsherr vom Donbass

Igor Masur gehört zum Rückgrat der ukrainischen Truppen im Donbass. Er befehligt auch die Kiewer Abteilung der „Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigung“. Seit 20 Jahren kämpft er gegen „Großrussland“.

Rechtsextremist Igor Masur, genannt Topol. Foto: imago/EST&OST

Der Befehlshaber pflückt Kirschen. Er steht in einem Obsthain 1500 Meter vor den feindlichen Linien und streift die üppig wie Trauben hängenden Süßkirschen von den Ästen. „In Abchasien haben wir in einem Mandarinenfeld gelegen“, lächelt er, „und Mandarinen verzehrt.“

Igor Masur kommandiert eine Aufklärungseinheit, die bei dem Dorf Sorja, 20 Kilometer nördlich von Mariupol steht. Masur, 42, verbreitet die Friedfertigkeit einer Giraffe. Seine Kameraden haben ihn „Pappel“ getauft, er ist 2,03 Meter groß, „einen Zentimeter größer als Klitschko“, scherzt er selbst. Masur trägt ein Bundeswehrkäppchen, eine US-Army-Tarnjacke, ein Kalaschnikow-Sturmgewehr und billige Soldatenstiefel. Ein unpathetischer Krieger, keine Knieschützer oder Kampfmesser, einziges Hoheitszeichen ist die Antenne des Funkgeräts, die aus seiner Hosentasche baumelt.

Aber Igor Masur gehört zum Rückgrat der ukrainischen Truppen im Donbass. Er befehligt auch die Kiewer Abteilung der „Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigung“, dem paramilitärischen Arm der nationalistischen politischen Bewegung UNA-UNSO. 1990 gegründet, schickte sie schon 1992 Freiwillige nach Transnistrien, die dort auf der Seite der ethnischen Moldawier gegen die Russen kämpfte, Igor Masur war dabei.

1993 führten er und andere UNSO-Freiwillige auf georgischer Seite in Abchasien Krieg gegen die abchasischen Separatisten sowie ihre kaukasischen und russischen Verbündeten. 1995 kämpfte er in Tschetschenien gegen die Russen. Masur steht auf der Liste der Ukrainer, die das russische Ermittlungskomitee als illegale Gegner der russischen Armee angeklagt hat. Masur sagt, er wolle keineswegs Moskau erobern. Aber er sei schließlich auch Geschichtslehrer: „Mit einem aggressiven Großrussland als Nachbarn wird es keine freie Ukraine geben.“ Er hoffe, die Russen fingen endlich an, statt äußerer Feinde die Korruptionäre zu suchen, die ihre Steuergelder verprassen.“

Der dreifache Vater selbst ist Veteran des innenpolitischen Kampfes. 2002 landete er während der Proteste gegen den korruptionsumwitterten Präsidenten Leonid Kutschma als staatsfeindlicher Rädelsführer für drei Jahre im Gefängnis, 2013 gehörte er zu den Aktivisten der Maidan-Revolution. „Ich habe Straßenkämpfer gesehen, die auf Polizisten geschossen haben“, erklärt er freimütig. „Ich selbst hätte das nie gekonnt.“

„Dann sind wir selbst schuld“

Viele seiner Soldaten waren auf dem Maidan dabei, ein Großteil von ihnen sind UNSO-Gesinnungsgenossen. Die Russen betrachteten sie als Nazis, ihre Artillerie mache Jagd auf sie. „Deshalb kämpfen wir nicht als Infanterie sondern als Aufklärer. Wenn sie uns als Späher erwischen, sind wir es selbst schuld“, Masurs Augen leuchten sanft.

Wie nazistisch seine Kämpfer wirklich sind? „Wir haben einige Jungs, die glauben, sie müssten unbedingt ,Mein Kampf‘ gelesen haben. Aber das sind Flausen. Bei uns dienen auch zwei Juden, einer hat den Kriegsnamen ,Scheckl.“ Was zähle, hier hätten sich Menschen versammelt, die bereit seien, das eigene Wohl für das der Allgemeinheit zu opfern.

Masur glaubt an einen feindlichen Großangriff. „Am 9. Mai haben die Russen 100 000 Kriminelle begnadigt.“ Ein großer Teil von ihnen werde jetzt in Ausbildungslagern bei Donezk für den Krieg ausgebildet. „Wir erwarten, dass sie in den nächsten Wochen hier eintreffen.“ Mit den Exhäftlingen als Kanonenfutter werde der Feind versuchen, die ukrainischen Stellungen zu überrennen.

Masur und viele andere Frontoffiziere klagen über Verräter und Versager im eigenen Generalstab, über das Rotationsprinzip an der Front, das die höheren Offiziere, schon wieder austausche, wenn sie sich nach 2 Monaten gerade eingearbeitet hätten. Und über die Unterlegenheit der eigenen Waffen. „Wir hatten zwei Hubschrauberdrohnen in unserer Einheit. Spielzeuge für Modellbauliebhaber. Eine ist schon außer Gefecht, die zweite schalten die Russen aus, wann sie wollen.“

Und wie auch andere Frontoffiziere macht Igor Masur kein Hehl aus seiner Skepsis gegenüber den insgesamt 300 neuen Bunkerstellungen, die die ukrainische Abwehrlinie im Donbass verstärken sollen. „Wenn man mit einem Flakgeschütz darauf schießt, fliegen dir drinnen Betonsplitter um die Ohren. Und der Krach betäubt dich. Aber ihren Hauptzweck haben sie ja schon erfüllt: Beim Bau Schmiergeld abzuzweigen.“

Trotzdem müssten die Russen ihr gesamtes Militärpotential einschließlich Luftwaffe einsetzen, um den ukrainischen Widerstand zu zerschlagen. „Dann“, sagen Masur und seine Kämpfer, „gehen wir zum Partisanenkampf über“.

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