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Ukraine Das verzerrte Bild der Ukraine

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder belegt in einem Experiment, wie weit die moderne Form der Propaganda geht. Demnach ist das Bild der Ukraine in Europa inzwischen durch seine Verzerrung in der russischen Propaganda beeinflusst.

Tausende demonstrierten im Dezember 2013 am "Maidan" - dem Platz der Unabhänigkeit in Kiew. Foto: afp

In einem Vortrag, den der amerikanische Historiker Timothy Snyder Anfang November diesen Jahres in Chicago hielt, unternahm er ein Experiment. Er konfrontierte seine Zuhörer mit der Frage, was sie, was wir alle im zurückliegenden Jahr über die Ukraine gehört haben. „Wir haben gehört, die Ukraine sei kein Staat“, referiert Snyder, „und wir haben gehört, der ukrainische Staat reagiere repressiv“. Es folgen weitere Beispiele: Es gibt keine ukrainische Nation, doch alle Ukrainer sind Nationalisten. Es gibt keine ukrainische Sprache, doch wird die russischsprachige Bevölkerung im Osten des Landes gezwungen, ukrainisch zu sprechen.

Die Beispiele dienen Snyder dazu, zu erklären, wie sehr das Bild der Ukraine inzwischen durch seine Verzerrung in der russischen Propaganda beeinflusst ist. Sie sollen demonstrieren, dass es sich gewissermaßen um eine weiter entwickelte, moderne Form der Propaganda handelt, die sich nicht in der Wiederholung ein und derselben Botschaft erschöpft, sondern mit unzähligen widersprüchlichen Aussagen über ein Ereignis oder einen Gegenstand Verwirrung schafft, den Gegenstand selbst trivialisiert und das Vertrauen in die untergräbt, die diese Aussagen treffen, die  Medien.

Gegenstand trivialisieren

Snyders Beispiele machen überdies deutlich, wie wenig wir über die Ukraine wissen und wie bereitwillig wir uns jeden Bären aufbinden lassen, der uns vorgeführt wird. Erst knapp zehn Jahre sind vergangen, seit die Ukraine durch die Orangene Revolution überhaupt ins Blickfeld der Europäer geraten ist. Damals, im April 2005 schrieb Timothy Snyder gemeinsam mit seinem Kollegen Timothy Garton Ash über die Ukraine, sie habe sich in das politische Bewusstsein der Welt eingeprägt. „Zum ersten Mal in ihrer Geschichte.“

Im Winter zuvor hatte die Orangene Revolution gesiegt, die Menge auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz, wie der Maidan damals auch genannt wurde, hatte freie und faire Wahlen gefordert und erkämpft. Augenzeugen dieser Revolution reihten sie ein in die Freiheitsbewegungen, die seit 1989 den Europäischen Kontinent verändert hatten. Die Ukraine, mutmaßten sie, habe von nun an einen Platz unter den europäischen Demokratien oder doch unter den Ländern, die eine Demokratie anstreben.

Snyder und Garton Ash waren zurückhaltender. In ihrem Artikel für die New York Review of Books schrieben sie, viele Ukrainer seien verständlicherweise hoch erfreut über dieses attraktive Etikett, das sich so sehr unterscheide von dem negativen oder gar nicht existenten Bild, das es von der Ukraine in der Vergangenheit gegeben habe.

In diesen vergangenen zehn Jahren wurde aus der Ukraine eine schwache, angreifbare, kaum überlebensfähige Demokratie, aus den Ukrainern aber wurden Demokraten. Der erste Maidan hatte vor allem für das Recht auf freie und faire Wahlen gekämpft, nicht für einen Regimewechsel. Es ging nicht primär darum, dem um seinen Wahlerfolg betrogenen Viktor Juschtschenko zum Präsidentenamt zu verhelfen. Es wurde das Recht erstritten, diesen Präsidenten auch wieder abwählen zu können. Das einmal Erkämpfte wollte sich der Euro-Maidan im Winter 2013/14 nicht mehr nehmen lassen.

Ukrainische Hoffnungen verfrüht

Die ukrainische Hoffnung auf einen Platz unter den europäischen Demokratien aber war verfrüht, wie man heute weiß. In der Wahrnehmung  jenes Teils von Europa, zu dem sich die Ukraine so leidenschaftlich hingezogen fühlt, ist die Orangene Revolution gescheitert, ihre Helden sind gestrauchelt und mit ihnen der ukrainische Staat, der in den vergangenen zehn Jahren so miserabel regiert wurde, dass er heute vor dem Offenbarungseid steht.

Trotz der inzwischen zwanzig Jahre währenden Annäherung an die EU, war die Ukraine im Bewusstsein vieler Westeuropäer bis zum Beginn der Auseinandersetzungen mit Russland kaum existent. Die südeuropäischen Mitgliedsstaaten der EU haben zudem kaum Interesse an einem weiteren bedürftigen Konkurrenten um Fördergelder.

Nicht Europa, nicht die europäischen Institutionen haben in den vergangenen zwanzig Jahren um die Ukraine geworben, es war vor allem die Ukraine selbst, die sich mit wechselndem Engagement um eine Assoziierung beworben hat. Dass das Land seinen blockfreien Status nun aufgibt und sich um eine Nato-Mitgliedschaft bemüht, ist eine Folge des Krieges in der Ostukraine.

In der Wahrnehmung vieler Europäer aber ist dieser Krieg – nach der russischen Annexion der Krim - kein weiterer Angriff auf ukrainisches Territorium, sondern die Verteidigung legitimer russischer Interessen in einer geopolitischen Schlacht mit den USA. Die kritiklose Übernahme russischer Propagandapositionen hat den ebenso simplen wie erwünschten Effekt, dass die Ukrainer in diesem monumentalen Schlachtengemälde bestenfalls Randfiguren sind. Wo der Weltfrieden bedroht ist, haben ukrainische Interessen zurückzustehen.

Timothy Snyder dagegen warnt davor, die Ukrainer zu übergehen. Es wäre ein Verrat an den eigenen, den europäischen Interessen. Die Krise, die im vergangenen Jahr begonnen hat, ist nicht mehr nur eine ukrainische. Die europäische Nachkriegsordnung, das gesamte Gefüge des Kontinents beruht auf der Unverletzlichkeit von Staatsgrenzen. Diese Ordnung wird in der Ostukraine verteidigt, von Ukrainern. Die Ukraine als Staat und Nation wahrzunehmen wäre das Mindeste, was Europa ihnen schuldet. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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