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Überflutungen durch Sturm „Harvey“ Houston erlebt ein menschengemachtes Desaster

Der Tropensturm „Harvey“ hat die texanische Metropole Houston ins Chaos gestürzt. Die Gründe sind hausgemacht. Ein Kommentar.

Tropensturm "Harvey"
Folgen des Tropensturms "Harvey": Das Bild zeigt keinen Fluss, sondern die überflutete Tidwell Road in Houston. Foto: dpa

Die Bilder zeigen eine moderne Sintflut. Überflutete Schnellstraßen, evakuierte Krankenhäuser, geschlossene Flughäfen, verlassene Raffinerien, in ihren Häusern eingeschlossene Menschen – Tropensturm „Harvey“ hat die texanische Millionenmetropole Houston ins Chaos gestürzt. Es sind Tote zu beklagen, rund 30.000 Menschen übernachten in Notunterkünften. „Harvey“ wird nach den Prognosen der Meteorologen mit seinen Regenfällen noch tagelang weiterwüten. Und schon jetzt ist klar: Der Wiederaufbau in der Region um die viertgrößte Stadt der USA wird Jahre dauern.

Das Ausmaß der Zerstörung ist erschreckend, Erinnerungen werden wach an Hurrikan „Katrina“, der 2005 New Orleans absaufen ließ, und an Wirbelsturm „Sandy“, der 2011 sogar bis hinauf nach New York zog und die Riesenmetropole lahmlegte. „Katrina“ wird vom Rückversicherer Munich Re als weltweit teuerster Sturm geführt, der 125 Milliarden Dollar volkswirtschaftlicher Schäden verursacht hat, und „Harvey“ könnte in ähnliche Dimensionen aufsteigen. Dabei ist richtig, dass besonders an der Golfküste schon immer mit solchen Ereignissen gerechnet werden musste – einfach wegen der geografischen Lage. Die Region wird regelmäßig von Wirbelstürmen erfasst, mit zum Teil extrem hohen Opferzahlen. Legendär ist der „Galveston-Hurrikan“, der 1900 ebenfalls die texanische Küste verwüstete und mehr als 8000 Tote hinterließ.

Trotzdem darf niemand zur Tagesordnung übergehen. Auch dann nicht, wenn die Schäden nach Jahren wieder beseitigt sind. Und vor allem nicht US-Präsident Donald Trump, der am Dienstag die Katastrophenregion besuchte. Er, der weltweit mächtigste regierende Klimawandel-Leugner, Aussteiger aus dem Paris-Vertrag und Förderer der fossilen Industrien.

Unbegrenzte Bauwut in Houston

Es hat vor allem zwei Ursachen, dass die Houston-Katastrophe solch große Ausmaße annehmen wird. Beide sind menschengemacht. Eine davon ist die praktisch unbegrenzte Bauwut, die in der Boomregion herrscht. Texas lockt mit günstigem Wohnraum und niedrigen Steuern. Houston und der umliegende Bezirk Harris County sind daher auch in den zurückliegenden Jahrzehnten durch Zuzug aus anderen Teilen der USA stark gewachsen – wobei die Metropole ihren Werbeslogan „Die Stadt ohne Limits“ wörtlich nimmt, vor allem in der Stadtentwicklung und Regulierung des Bauwesens.

Die Folgen sind eine zunehmende Versiegelung von Böden und die Bebauung selbst von früheren Überflutungszonen in der Nähe von Flüssen. Es wird geschätzt, dass in der Küstenregion um Houston allein zwischen 1990 und 2010 rund 30 Prozent der freien Fläche verloren gegangen sind. Überschwemmungen treten nun fast regelmäßig auf. Harvey hat so bereits die fünfte große Flut in Houston seit 2012 ausgelöst – also praktisch jedes Jahr eine. Diesmal freilich scheint aber „Harvey“ die allesamt zu schlagen.

Klimawandel spielt wohl entscheidende Rolle

Das liegt an der zweiten menschengemachten Ursache – am Klimawandel. Harvey ist eine fatale Illustration von Prognosen der Klimaforscher. Es ist eine Frage der Physik: Steigen die Lufttemperaturen, können Regenwolken mehr Wasser aufnehmen – und die regnen dann auch stärker wieder ab. Eine weltweite Zunahme von Rekordwerten bei den Tagesniederschlägen ist unlängst von einer Forschergruppe des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung nachgewiesen worden. Und Harvey passt genau in dieses Muster. Die Region am Golf von Mexiko ist für Extremregen im Sommer wegen des warmen Meerwassers besonders anfällig. Es verdampft mehr Wasser und so entstehen größere Regenmengen. Hinzu kommt, dass der Meeresspiegel seit 1900 um rund 20 Zentimeter gestiegen ist, ebenfalls eine Folge der globalen Erwärmung. Das Ausmaß von Sturmfluten verschlimmert sich dadurch.

Wie Trump angesichts dieser Fakten mit „Harvey“ umgeht, ist die spannende Frage. Am Dienstag versuchte er mit seinem Besuch vor Ort, Tatkraft zu demonstrieren. Insofern hat er aus dem schlechten Beispiel gelernt, das sein Vorvorgänger George W. Bush 2005 beim Monstersturm „Katrina“ abgab: Er überflog die Katastrophenregion um New Orleans zunächst nur im Präsidentenjet, um dann den Chef des Katastrophenschutzes über den grünen Klee zu loben, obwohl der schlicht mit dem Job überfordert war. Bushs laxer Umgang mit „Katrina“ beschädigte sein damals schon zerbröselndes Image irreparabel. Trump versucht hier offenbar, ausgerechnet an den verhassten Vorgänger Barack Obama anzuknüpfen, der, als Hurrikan „Sandy“ New York verwüstete, gleich zur Stelle war und schnelle Hilfe versprach – und seine Wiederwahl beförderte.

Begreift Trump die Folgen seiner Energiepolitik?

Trump ist sich offenbar bewusst, dass viele Amerikaner ihn am Ende an seinen aktuellen Reaktionen auf so eine Katastrophe messen werden. „Es wird schnell Hilfe kommen. Wir werden alles wiederaufbauen“, verspricht er. Doch selbst wenn er das einigermaßen hinbekommt, was man nach dem Dienstag-Trip noch nicht abschließend beurteilen kann: Seine Haltung zum nationalen und internationalen Klimaschutz bleibt die große Gefahr. Die von Trump eingeleitete Energiewende rückwärts wird dazu beitragen, dass Flutkatastrophen aber auch andere Wetterextreme künftig immer heftiger ausfallen – und Städte wie Houston in absehbarer Zeit unbewohnbar werden und dann aufgegeben werden müssen. Noch haben mächtige Männer wie Trump es in der Hand, die ganz großen, nicht mehr beherrschbaren Klimaveränderungen durch beherzte Politik aufzuhalten. Wer das angesichts „Harveys“ nicht begreift, dem ist nicht zu helfen. Ihm müsste man dann sagen: „You’re fired.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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