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Überfall in Chemnitz „Demonstranten sind aus dem Hinterhalt angegriffen worden“

Der SPD-Abgeordnete Sören Bartol spricht mit der FR über einen rechten Überfall in Chemnitz und die Folgen.

Chemnitz
Teilnehmer der Kundgebung der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz marschieren gemeinsam mit AfD- und Pegida-Anhängern durch die Stadt. Foto: dpa

Für den SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol aus Marburg bedeutet das Wochenende einen tiefen Einschnitt. Seine Besuchergruppe wurde am Samstag in Chemnitz von Rechtsradikalen überfallen. Bartol war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg mit dem Zug nach Berlin.

Herr Bartol, was ist in Chemnitz genau passiert? 
Wir sind hingefahren und haben demonstriert, ungefähr 35 Leute aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aus Marburg, mit selbstgemalten Transparenten, SPD- und Juso-Fahnen. Die Demonstration selber war entspannt. Die Rechten und die Gegendemonstranten sind ja nicht aufeinandergetroffen.

Was ist dann passiert?
Ich habe mich von der Gruppe getrennt. Ich musste nach Berlin, 19.31 Uhr mit dem Zug. Da muss man in Leipzig umsteigen. Meine Gruppe hat sich kurz nach 20 Uhr versammelt und musste schauen, wie sie zum Bus kommt. Auf dem Weg zum Bus sind sie überfallen worden. Es war ein richtiger Hinterhalt. Die Angreifer hatten sich hinter Autos versteckt. Teile der Gruppe sind weggerannt. Manche hatten Angst um ihr Leben. Leuten wurde ins Gesicht und den Nacken geschlagen. Die Angreifer haben Fahnen kaputt gemacht. Das ging wohl alles sehr schnell. 

Wurden Angreifer geschnappt?
Das weiß ich nicht. Die Polizei kam sehr schnell, sie war wohl in der Nähe. Sie haben den Vorfall aufgenommen und die Gruppe zum Bus begleitet. 

Welche Reaktionen haben Sie bekommen?
Die Rechten drehen in den sozialen Netzwerken die Dinge auf den Kopf. Da heißt es jetzt, das war die Antifa, das war inszeniert, das war der schwarze Block. Das ist unglaublich, was da passiert. Dann wird noch behauptet, ich hätte mir das alles ausgedacht, weil ich ja aus Leipzig getwittert hätte. Klar habe ich aus Leipzig getwittert – ich war am Bahnhof, als mein Mitarbeiter mich angerufen hat. Manche fordern mich auf, ich solle endlich die Hasskommentare löschen. Aber das sind so viele, da komme ich gar nicht mehr hinterher.

Was schließen Sie daraus?
Das ist eine ganz neue Qualität der Aggressivität. Sowohl im Netz als auch auf deutschen Straßen wird von Rechtsextremen Jagd gemacht auf alle, die anders sind. Der Social-Media-Shitstorm um die Frage, wo ich zu der Zeit des Angriffes auf die Marburger Gruppe war, dient nur der Ablenkung. Fakt ist: Da sind harmlose, friedliche Demonstranten aus dem Hinterhalt angegriffen worden. Da geht es nicht darum, ob ich dabei war oder nicht. 

Was folgt daraus politisch?
Der Zeitpunkt, zu dem man von der AfD als Protestpartei sprechen konnte, ist vorbei. Bei diesem sogenannten Trauerzug wurde die absolut angebrachte Trauer um das Opfer missbraucht. Die Verbrüderung von Pro Chemnitz, Pegida und AfD ist auf jedem Foto zu erkennen. Das Akzeptieren von Rechtsextremen, die den Hitlergruß zeigen und Hitler huldigende Lieder singen, zeigt das. Lässt man solche Menschen in seinem eigenen Zug mitlaufen, dann akzeptiert man, dass die dazugehören. Jeder muss wissen, wer AfD wählt, wählt auch diese Rechtsextremen. Das ist keine Protestpartei mehr, sondern in Teilen eine offen extremistische Partei, die unsere Demokratie in Frage stellt und Minderheiten, Journalisten und Andersdenkende bedroht und mit verbaler und physischer Gewalt überzieht. Ab jetzt müssen alle Demokraten, egal wie sie im politischen Tagesgeschäft miteinander diskutieren, ein gemeinsames Ziel haben – und das ist die Bekämpfung der AfD mit allen rechtsstaatlichen Mitteln. 

Was heißt das?
Erst mal ist ganz klar: Die AfD muss stärker vom Verfassungsschutz beobachtet und nicht beraten werden. Es geht aber auch um mehr politische Bildung an Schulen. Zudem müssen wir selbstkritisch schauen: Wie können wir als Volksparteien dem Großteil der Menschen eine politische Heimat geben, ohne rechtem Gedankengut eine Plattform zu bieten? Die Arbeit unserer Sicherheitsbehörden muss gestärkt werden. Unabhängig davon: Auch die größte Wut rechtfertigt nicht, dass Jagd auf Menschen gemacht wird. 

Was muss die SPD daraus lernen?
In Bezug auf soziale Netzwerke: Die Kommunikation hat sich fundamental verändert. Anstatt sich auf Infostände und Broschüren zu konzentrieren, hat die AfD viel Geld in die Hand genommen, um eine Social-Media-Abteilung aufzubauen. Wir erleben, wie in den sozialen Medien Lügen verbreitet werden, wie Wahrheiten umgebogen werden. Demokratische Parteien müssen da aufholen und etwas dagegensetzen, viel massiver als bisher. Es geht um unsere Demokratie. Ich glaube daran, dass die Mehrheit in Deutschland ganz anders denkt als diese Rechten. Es ist wirklich Zeit, dass alle Demokraten jetzt aufstehen. 

Interview: Pitt von Bebenburg

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