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U-Bahn-Gewalt Der stille Held von Kreuzberg

Außer dem 15-jährigen Vehbi Dikmen griff niemand ein, als ein Mann im U-Bahnhof Karl-Marx-Straße auf einen Rentner losging. Heute wurde der Schüler ausgezeichnet.

18.10.2011 14:51
Anne Vorbringer
Ausgezeichnet: Der 15-jährigen Vehbi Dikmen griff ein, als ein 30-jähriger Mann auf einen Rentner losging. Foto: Anne Vorbringer

Der 19. Juni 2011 ist ein kühler, regnerischer Sonntag. Die Uhr auf dem U-Bahnhof Karl-Marx-Straße im Herzen Nordneuköllns zeigt 19.30 Uhr. Viele Menschen sind an diesem Abend unterwegs. Auch der 15-jährige Vehbi Dikmen wartet auf seine Bahn, als er Zeuge einer Auseinandersetzung wird, wie sie so oder ähnlich in den Polizeiberichten immer öfter auftaucht. Nicht selten nimmt sie einen schlimmen Ausgang.
Ein 30-jähriger Mann liegt auf einer Bank, nimmt einen Schluck aus der Bierflasche, zieht an einer Zigarette. Ein 67-jähriger Rentner macht den Mann auf das Rauchverbot im Bahnhof aufmerksam. Es kommt zum Streit. Der 30-Jährige geht auf den Älteren los. Er erhebt die Glasflasche, will sie auf dem Kopf des Senioren zerschlagen.

Der Schüler Vehbi Dikmen trifft seine Entscheidung in Sekundenschnelle. So eine Situation hat er noch nie zuvor erlebt. Er rennt zu den Männern hinüber, stellt sich zwischen sie. Der Angreifer ist schwerer und größer als er, er schreit: „Misch dich nicht ein! Verpiss dich!“ Vehbi Dikmen schiebt den 30-Jährigen zur Seite. Als die Männer die Treppe hoch Richtung Ausgang gehen, folgt er ihnen. Erneut droht die Stituation zu eskalieren. Dem 15-Jährigen gelingt es, die Männer auf Abstand zu halten, bis die Polizei eintrifft und den Angreifer festnimmt.

Sonst hat niemand geholfen

Am Dienstag ist der Schüler, der in Kreuzberg wohnt und in die zehnte Klasse der Carl-von-Ossietzky-Schule geht, für sein mutiges Eingreifen ausgezeichnet worden. Der Abschnittsleiter der zuständigen Wache überreicht ihm eine Urkunde des Polizeipräsidenten und lobt seine Zivilcourage. Er berichtet von einer brutalen U-Bahn-Attacke auf ein junges Paar am vergangenen Wochenende in Wedding. Schockierend sei gewesen, dass sich mehrere Fahrgäste im Waggon befanden, aber niemand geholfen habe.

„Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass ich die Flasche selbst abkriege“, sagt Vehbi Dikmen und lächelt unsicher in die Fernsehkameras. Das Interesse an seiner Geschichte überfordert ihn. Außer ihm sei ja niemand dazwischengegangen. Für ihn sei sofort klar gewesen, dass er eingreifen muss, bevor der Rentner die Flasche abbekommt. Ob er denn auf solche Situationen vorbereitet sei, wird er gefragt. Nun ja, er mache seit fünf Jahren Taekwondo. Vielleicht habe ihm der Kampfsport mehr Selbstvertrauen gegeben.

Sein Vater Ali und der ältere Bruder Umut sind zur Ehrung mitgekommen. Umut arbeitet als Sicherheitsmann für die BVG. Erst am Montag ist er selbst angegriffen geworden. Ein Mann, dessen Ticket er sehen wollte, schlug ihm mit der Faust so hart ins Gesicht, dass er zu Boden ging. Ali Dikmen schüttelt den Kopf. Der 51-Jährige, der 1972 aus der Türkei nach Berlin kam, findet es schlimm, dass seine Söhne überhaupt in solche Situationen geraten. Aber man merkt ihm an, wie stolz er auf Vehbi ist.

Sein Sohn will später Polizist werden. Seine Bewerbung hat er zur Ehrung gleich mitgebracht. Im Anschreiben steht, er wolle anderen Menschen helfen. Dass das keine hohle Phrase ist, hat er am 19. Juni bewiesen.

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