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Tunesien Souad Abderrahim, die mächtige Frau von Tunis

Souad Abderrahim hat beste Chancen, als Bürgermeisterin ins Rathaus einzuziehen. Für Tunesien wäre das eine doppelte demokratische Premiere.

Tunesien
Die Wahlsiegerin von der Ennahda-Partei definiert sich als islamische Feministin. Foto: afp

Sie geht auf die Leute zu. Souad Abderrahim hat eine gewinnende Ausstrahlung. Die 53-Jährige trägt kein Kopftuch, wirkt offen und engagiert. Und wer ihr auf den Straßen beim Kommunalwahlkampf zuhörte, erfuhr kurz und prägnant, wo sie die größten Probleme in Tunis sieht und wie sie das Leben der 1,1 Millionen Bewohner verbessern will. Eine deutliche Mehrheit der Bürger in der tunesischen Hauptstadt ließ sich von der Spitzenkandidatin der islamischen Ennahda-Partei überzeugen, die alle neun männlichen Konkurrenten überflügelte. Sie hat nun beste Chancen, als Bürgermeisterin ins Rathaus einzuziehen.

Für Tunesien wäre das eine doppelte demokratische Premiere – zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der Hauptstadt und zum ersten Mal eine vom Volk gewählte Person. Denn bisher wurde dieses wichtigste Amt der Kommune durch den Staatspräsidenten vergeben. Wie in Tunis lag Ennahda in 155 der insgesamt 350 Städte und Gemeinden vorne. Der schärfste Konkurrent Nidaa Tounes kam auf 83 Siege. Auffällig stark schnitten unabhängige Listen ab, die 96 Mal gewannen.

Souad Abderrahim wurde am 16. Dezember 1964 in Sfax geboren, studierte Pharmazie in Monastir, der Geburtsstadt von Staatsgründer Habib Bourguiba. In jungen Jahren trug sie Kopftuch, was sie jedoch ablegte, als sie 1992 beim Pharma-Grossisten Presta Pharm einstieg. Ihren Weg in die Politik begann sie nach dem Sturz von Diktator Zine El Abidine Ben Ali. Von 2011 bis 2014 war sie Abgeordnete in der Verfassungsgebenden Versammlung.

Wegen ihres freundlichen Auftretens wurde die Mutter zweier Kinder, die sich als islamische Feministin definiert, schnell zu einem modernen Aushängeschild ihrer muslimisch-konservativen Partei. Trotzdem ist ihr Familienbild streng orthodox. Mit ihrer Aussage, unverheiratete Mütter seien eine Schande für eine islamische Gesellschaft, löste sie 2011 einen Aufruhr aus. Auch zu der momentan diskutierten Reform des islamischen Erbrechts, welches Frauen nur die Hälfte des männlichen Erbteils zugesteht, will sie keine Stellung nehmen. Dazu habe sie sich noch keine Meinung gebildet, sagte sie.

Für Tunis dagegen hat Souad Abderrahim klare Prioritäten. Sie will den Nahverkehr entwickeln, das notorische Müllproblem in den Griff bekommen, mehr Geld in die Schulen stecken und die Parks der Stadt aufpäppeln. Zudem schlägt sie vor, viel mehr als bisher junge Gefängnisinsassen zu gemeinnützigen Arbeiten heranzuziehen, was ein bisher kaum genutztes Gesetz erlaubt. Tunesien sperrt jedes Jahr Tausende mit kurzen Strafen ein, die meisten wegen Taschendiebstahl oder Drogendelikten.

Souad Abderrahim möchte diesen anbieten, statt einem Jahr Gefängnis 600 Stunden gemeinnützige Arbeit zu leisten. „So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt sie. „Die jungen Leute kommen aus den Gefängnissen, und sie tun etwas für ihre Stadt.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tunesien

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