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Türkei „Spitzel dürfen zur Denunziation aufrufen“

Asli Erdogan, Günter Wallraff und Osman Okkan sprechen mit Bascha Mika über die Entwicklung in der Türkei und den langen Arm des Präsidenten in Deutschland.

20.12.2017 14:35
Istanbul
Protest in Istanbul. Foto: rtr

Frau Erdogan, Sie haben geschrieben: Die Türkei ist ein Land, in dem nur noch geflüstert wird ...
Erdogan: Der Begriff „flüstern“ hat mit meinem Schreibstil zu tun. In meiner Prosa bin ich nicht laut, ich trete nicht belehrend auf und benutze auch keine Kampfslogans, um meine Leser zum Widerstand zu ermutigen. Ich erzähle wahre Geschichten, relativ zurückhaltend, und verstehe meine Schriften als stillen Ruf, um die Öffentlichkeit auf die Verhältnisse aufmerksam zu machen. Allerdings ist es leider eine Tatsache, dass die Herrschenden in der Türkei sowohl denen, die laut schreien, als auch denen, die nur flüstern, am liebsten die Zunge rausschneiden würden.

Wallraff: Es ist hilfreich und ermutigend, dass die „Frankfurter Rundschau“ regelmäßig mit Patenschaften auf inhaftierte Kollegen aufmerksam macht und diesen offene Briefe in die Gefängnisse schickt. Ich wünschte mir, dass „Cumhuriyet“, die einzige verbliebene regierungskritische Zeitung, von deutschen Großverlagen unterstützt wird. Auch Wirtschaftskonzerne und Unternehmen, die vom Handel mit der Türkei profitieren, sind hier gefordert, „Cumhuriyet“ zum Beispiel über Annoncen finanziell zu unterstützen.

Okkan: Wir müssen auch die türkischstämmigen Menschen in Deutschland und Europa erreichen und da den Demokratisierungsprozess vorantreiben. Sie müssen an den öffentlichen Diskurs und die Meinungsvielfalt herangeführt werden. Gleichzeitig muss es starke Zeichen von deutschen Politikern geben, dass sie die Entwicklung in der Türkei nicht weiter dulden, sondern etwas dagegen unternehmen.

Erdogan: Mein Appell kann nur sein, dass der Westen nicht die Augen und Ohren verschließt vor der Wahrheit. Jede Waffe in der Türkei kann auch gegen Kinder und Frauen eingesetzt werden. Wir schulden nicht nur den lebenden Menschen Respekt, sondern auch den Toten. Das muss uns zur Wahrheit verpflichten. Wir dürfen nicht weiter so tun, als wüssten wir nicht, was in der Türkei passiert.

Gespräch: Bascha Mika

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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