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Türkei Proteste gegen Männergewalt

Am vergangenen Freitag wurde in Mersin an der Ägäis die Leiche einer jungen Frau gefunden. Ein Busfahrer hatte versucht sie zu vergewaltigen und sie dann ermordet. Seither gehen in der Türkei Zehntausende auf die Straße.

Im Gedenken an die ermordete Özgecan Aslan: In vielen Städten wie hier in Istanbul gehen Frauen auf die Straße. Foto: AFP

Özgecan Aslan war mit dem Minibus auf dem Weg nach Hause, als der Fahrer stoppte, sie versuchte zu vergewaltigen und sie dann mit Benzin übergoss. Ihre verbrannte Leiche wurde am Freitag in einem Flussbett nahe einem Friedhof entdeckt, zwei Tage, nachdem ihre Familie Özgecan Aslan als vermisst gemeldet hatte. Jetzt trauert die Türkei um die 20-jährige Studentin aus der Provinz Mersin an der Ägäis. Zugleich gingen in einer beispiellosen Protestwelle Zehntausende am Wochenende und am Montag auf die Straße, um von der Regierung mehr Schutz für die Frauen im Land zu fordern.

Der Mord von Mersin hat das Thema der Gewalt gegen Frauen mit Macht wieder auf die politische Agenda des Landes gesetzt. Premier Ahmet Davutoglu schwor am Sonntag auf einem Frauenkongress seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, mit aller Kraft gegen die Gewalt gegen Frauen zu arbeiten: „Wer auch immer die Hände nach Frauen ausstreckt, dessen Hände sollen zerbrechen.“ Zwei seiner Minister forderten die Wiedereinführung der Todesstrafe. Präsident Erdogan kondolierte der Familie des Opfers am Telefon, seine beiden Töchter statteten ihr einen Beileidsbesuch ab. Doch Frauenverbände werfen der AKP vor, viel zu wenig gegen die grassierende Gewalt gegen Frauen zu tun.

Täter hat gestanden

Der verdächtige Busfahrer Suphi A. wurde inzwischen verhaftet und hat den Mord nach Polizeiangaben gestanden. Im Verhör räumte der 26-Jährige ein, dass er die Studentin vergewaltigen wollte, nachdem alle Fahrgäste ausgestiegen waren. Als sie sich wehrte, habe er auf sie eingestochen und sie mit einem Eisenstab auf den Kopf geschlagen. Anschließend habe er die Leiche mit Hilfe seines Vaters und eines Freundes versteckt; die Hände der Frau hätten sie abgetrennt und verbrannt. Die beiden mutmaßlichen Komplizen wurden ebenfalls festgenommen.

Zum Begräbnis von Aslan in Mersin strömten am Sonntag mehr als 5000 Menschen. Ihr Sarg wurde entgegen der üblichen islamischen Praxis von Frauen getragen. In Istanbul, Ankara, Izmir und anderen Städten riefen Zehntausende bei Protestmärschen, auf denen sie Bilder der Toten zeigten: „Wir werden die Morde an Frauen beenden!“

Auf Twitter berichteten Frauen über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung – etwa dass auch sie in öffentlichen Verkehrsmitteln bedrängt worden seien. Für besseren staatlichen Schutz von Frauen wurden online fast eine Million Unterschriften gesammelt. Vor allem rief der brutale Mord die skandalöse Realität wieder ins öffentliche Gedächtnis. „Die Türkei ist zur Hölle für Frauen geworden“, titelte die Oppositionszeitung „Taraf“. Die sozialdemokratische Oppositionsabgeordnete Sezgin Tanrikulu erklärte, seit dem Regierungsantritt der AKP vor 13 Jahren hätten sich Vergewaltigungen vervierfacht und Morde an Frauen seien um 1400 Prozent angestiegen.

Staatlicher Schutz fehlt

Nach Angaben der unabhängigen Nachrichtenagentur Bianet fielen im vergangenen Jahr in der Türkei mindestens 281 Frauen männlicher Gewalt zum Opfer, im Januar bereits wieder 26 Frauen.

Die Reaktion auf das Verbrechen spiegelte auch die tiefe politische Spaltung des Landes wider. So erklärte Mehmet Görmez, Chef der staatlichen Religionsbehörde Diyanet, dass Aslan „Opfer einer brutalen und gewalttätigen Kultur“ geworden sei, womit er offensichtlich die säkulare Kultur der türkischen Republik meinte. Der populäre regierungsnahe Sänger Nihat Dogan rief einen Sturm der Empörung hervor, als er auf Twitter schrieb: „Wer Minirock trägt und sich nackt macht, kann sich nicht beschweren, wenn er von unmoralischen Perversen belästigt wird, die das säkulare System erzeugt.“

Dagegen warf die liberale „Hürriyet“ der Religionsbehörde Diyanet vor, zu allem und jedem eine Fatwa zu erlassen, aber noch nie Vergewaltigung und sexuelle Belästigung verdammt zu haben. Linke Frauenverbände kritisieren seit Jahren, dass nötige Schutzgesetze stets versprochen, aber nie erlassen würden, die Strafen für Vergewaltigung und sexuelle Belästigung zu gering seien, die Justiz Täter mit Milde behandle und frauenfeindliche Bemerkungen von AKP-Politikern die Gewalt begünstigten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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