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Türkei Proteste Freie Republik in Erdogans Reich

Auf dem Istanbuler Taksim-Platz lebt die moderne Türkei – bis die Polizei wieder kommt. Auch in der türkischen Hauptstadt Ankara sind Beamte am Sonntag erneut mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken gegen Demonstranten vorgegangen.

Türkische Demonstranten am Sonntag in Ankara. Foto: afp

Am Sonntagmorgen errichten Studenten auf dem besetzten Taksim-Platz im Herzen Istanbuls eine Bühne. Über Facebook und Twitter ruft die regierungskritische Protestbewegung ihre Unterstützer zusammen. Zur gleichen Zeit mobilisiert die Gegenseite in der Hauptstadt Ankara. Die „schweigende Mehrheit“ soll Flagge zeigen. „Hinter mir steht die Mehrheit des Volkes“, hatte Erdogan bei der Rückkehr von seiner Afrikareise gesagt.

Auch die meisten Demonstranten auf der Taksim-Platz wissen, dass der Ministerpräsident bei den kleinen Leuten und auf dem Land ungebrochene Unterstützung genießt. „Er ist demokratisch gewählt worden“, sagt eine junge Anwältin auf dem Taksim-Platz, die ihren Namen nicht nennen will. „Aber Herr Erdogan sagt mir, wie viele Kinder ich haben soll, was ich trinken soll und was nicht. Deswegen bin ich hier, um ihm zu entgegnen: Nimm deine Hände von meinem Leben!“

Eine halbe Million Menschen

Die brünette 28-Jährige aus dem bürgerlichen Stadtviertel Kadiköy hat vorher noch nie demonstriert. „Ich war auf einer guten Schule, habe mein Jurastudium mit 22 beendet, bin Partnerin in einer großen Kanzlei. Aber plötzlich denke ich: Was ist eigentlich mit unserem Land los? Wieso regiert Erdogan jetzt genauso autoritär wie früher die Generäle?“

Auf dem Platz formieren sich Umzüge, und immer wieder ertönt vieltausendfach der Ruf: „Tayyip, tritt zurück“. Am Samstag kamen wohl eine Million Menschen, darunter Tausende Anhänger der rivalisierenden Istanbuler Fußballclubs Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray, und auch am Sonntagmittag füllte sich das weite Rechteck wieder.

Kommt man aus einem beliebigen Istanbuler Stadtviertel zum Taksim-Platz, so betritt man eine andere Welt. Die Freifläche mit ihren Barrikaden, der Gezi-Park mit seiner Zeltstadt sind eine „Freie Republik Gezi“ geworden, wie sie ein türkischer Kommentator betitelte.

„Wir sind alle Marodeure!“

Witz und Ironie sind zur stärksten Waffe der Protestbewegung geworden. Ein ausgeweidetes Auto dient als Wandzeitung. „Ich denke – also verdiene ich Tränengas“, schreibt jemand. Die Bezeichnung Capulcular – Marodeure –, mit der Erdogan die Protestler beschimpfte, ist zur stolzen Selbstbezeichnung seiner Gegner geworden: „Wir sind alle Capulcular!“, rufen sie. Sogar in die deutsche Sprache hat der Begriff schon Eingang gefunden. Ehemalige Schüler des deutschen Gymnasiums in Istanbul flanieren am Sonntag mit T-Shirts durch den Park, mit der Aufschrift: „Wir tschapullieren jeden Tag.“

Auf dem Taksim-Platz zeigt sich eine moderne, liberale, tolerante Türkei. Jungen und Mädchen verbringen die Nacht gemeinsam im Zelt, Kopftuchfrauen, Schwule und Lesben, Biertrinker und Abstinente.

Als kurdische Parlamentarierin Sabahat Tuncel auf dem Platz zu Tausenden sprach und ihre Anhänger Fahnen des inhaftierten PKK-Führers Öcalan wehen ließen, gab es Beifall auch von Menschen, die sich in die türkische Fahne hüllten. Eine unpolitische Generation, die die Straßenkämpfe der Siebzigerjahre nur aus Erzählungen kennt, geht zum ersten Mal auf die Straße.

Neue Kundgebungen in der Türkei

Die jungen Leute wissen, dass sie sich nicht ewig werden halten können. Am Sonntag diskutieren sie auf dem Taksim-Platz, wie mit dem nächsten Polizeieinsatz umzugehen sei. Sie wissen, was ihnen droht, wenn sie nach Ankara schauen. Dort trieb die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas Tausende Demonstranten auseinander. Mehrere Menschen wurden Fernsehberichten zufolge teils schwer verletzt.

Am kommenden Wochenende sollen in Ankara und Istanbul zwei große Kundgebungen stattfinden. Doch danach, dass die Regierung nachgibt, sieht es bisher nicht aus: Der Forderung nach vorgezogenen Neuwahlen erteilte die Erdogan-Partei AKP am Samstag eine klare Absage.

Für CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt zeigt das harte Vorgehen der türkischen Polizei, dass das Land nicht in die Europäische Union aufgenommen werden kann. „Dieses Verhalten hat deutlich gemacht, dass die türkische Regierung weit weg ist von dem Verständnis von Demokratie, Menschenrechten, Religionsfreiheit und Freiheit generell, wie wir es in Europa haben“, sagte sie der dpa.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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