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Türkei Marschieren für die Gerechtigkeit

Tausende Gegner von Präsident Erdogan laufen von Ankara nach Istanbul, an ihrer Spitze Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. Unser Korrespondent Frank Nordhausen hat sie ein Stück des Weges begleitet.

Türkei
Die Demonstranten tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Adalet“ – türkisch für Gerechtigkeit. Foto: dpa

Um drei Uhr nachmittags am Mittwoch, nach sechs Stunden Marsch auf dem heißen Asphalt der gesperrten Autobahn, stoppt der unabsehbar lange Zug der Menschen an einer Autobahnbrücke. Kemal Kilicdaroglu braucht eine Pause, er muss die Schuhe wechseln. Nur zehn Minuten später kommt der 69-jährige Chef der größten türkischen Oppositionspartei CHP wieder hinter einer Böschung hervor, umringt von einem Pulk von Freunden, Gefährten und sehr vielen sehr nervösen Polizisten und Gendarmen. Laut hupend grüßen die Fahrer vorbeidonnernder Lkw die Marschierer. Es ist Tag 21 des Marsches für Gerechtigkeit, der türkische Oppositionsführer nähert sich seinem Ziel, der 16-Millionen-Metropole Istanbul.

Als er das Signal zum Aufbruch gibt, brandet Beifall auf unter den dicht gedrängt stehenden Menschen mit den weißen Kappen und Hemden, auf denen „Adalet“ steht, „Gerechtigkeit“. Sprechchöre erschallen: „Hak Hukuk Adalet!“ – „Recht-Gesetz-Gerechtigkeit!“ Linker Hand glitzert der Golf von Izmir tief unten in der Mittagssonne, die an diesem Tag weniger stark brennt als in der vergangenen Woche in Zentralanatolien. Ein Regentag hat die Temperatur auf erträgliche 32 Grad heruntergekühlt. „Der Himmel meint es gut mit uns. Denn wir laufen für Gerechtigkeit“, sagt Nihal, eine junge Frau aus Istanbul. Sie lacht. Die Stimmung ist gut. Wenn begleitende Polizisten zu sehr schwitzen, bespritzen sie die Demonstranten mit Wasser.

Mitte Juni ist Kilicdaroglu in der Hauptstadt Ankara mit Hunderten Gleichgesinnten aufgebrochen, um ein Zeichen zu setzen gegen die zunehmende Unterdrückung der Opposition durch den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Anlass war die Verhaftung des Vizechefs seiner sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei, Enis Berberoglu, wegen Spionage und Geheimnisverrats, weil er angeblich einen Waffentransport des türkischen Geheimdienstes MIT an syrische Islamisten an die Zeitung „Cumhuriyet“ verraten habe.

„Es reicht“, befand Kilicdaroglu, dem bis zu diesem Signal das Signum des Zögerers anhing. Er begann seinen 450-Kilometer-Marsch. Noch nie hat es eine solche Form des massenhaften gewaltlosen Protestes in der Türkei gegeben. Jeden Tag gibt Kilicdaroglu vor dem Aufbruch eine Pressekonferenz mit der immer gleichen Botschaft. „Wir haben einen Diktator, der uns regiert“, sagt er. „Das Ziel des Marsches ist es, unsere Demokratie, die ihr Blut verliert und ihren Sinn für Recht und Gerechtigkeit verliert, wiederzubeleben.“

An diesem Tag, rund 50 Kilometer vor Istanbul, ist die Menge auf mehr als 30 000 Menschen angewachsen, die zwei Fahrstreifen der Autobahn zwischen den beiden größten türkischen Städten belegen. Erstmals hat die Polizei eine Seite der E5 komplett gesperrt, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Am Morgen soll in Kocaeli eine Zelle der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ausgehoben worden sein, sechs Männer, die mutmaßlich mit einem „schwarzen Laster“ in den Protestzug fahren und so viele Teilnehmer wie möglich töten wollten.

Jetzt haben die Sicherheitskräfte bisher beispiellose Schutzmaßnahmen ergriffen. Mehrere Hundert Polizisten und mit Maschinenpistolen bewaffnete Gendarmen laufen in langen Reihen neben dem Zug. Krankenwagen und vier furchterregend aussehende Schützenpanzer mit aufgepflanztem Maschinengewehr rollen an der Spitze und am Ende des Marsches. Rechnen die Behörden etwa mit einem militärischen Angriff? Doch die meisten Marschierer haben kein Problem mit der massiven Polizei- und Militärpräsenz. „Das ist gut, sie schützen uns“, sagt eine 44-jährige Frau, die seit fünf Tagen mitmarschiert.

Jeden Tag läuft Kemal Kilicdaroglu rund 20 Kilometer, mit ungebrochenem Enthusiasmus. Seit er sich Istanbul nähert, schwillt die Zahl der Mitläufer unaufhaltsam an. „Wir sind heute Morgen von Istanbul gekommen“, sagen drei junge Männer, Studenten. Sie hielten Kilicdaroglu bislang für einen schwachen Führer. Aber jetzt hat er sich ihren Respekt verdient. Dann stimmen sie ein in das Lied der Marschierer „Wir kommen, wir brechen die Ketten, wir bauen die Gerechtigkeit wieder auf.“

Bis zu dem Beginn des Marsches hatte die CHP es vermieden, zu Massenprotesten gegen Erdogan aufzurufen, selbst während der Gezi-Proteste vom Sommer 2013. War Gezi eine Bewegung der Jugend, so folgen Kilicdaroglu in diesen Tagen meist Menschen mittleren Alters, die Mittelschicht, die Mitte der Gesellschaft – Menschen wir Kilicdaroglu. Der eher unauffällige, stille Mann verkörpert einen für die Türkei ungewöhnlichen Politikertyp, der ihm auch wegen seiner äußerlichen Ähnlichkeit schon vor Jahren den Beinamen „türkischer Gandhi“ einbrachte. Mit dem Marsch knüpft er ganz bewusst an Gandhis berühmten Salzmarsch an, der die Kolonialherrschaft der Briten erschütterte.

Kilicdaroglu hat offenbar begriffen, dass die klassische Oppositionsarbeit weitgehend sinnlos geworden ist, nachdem Erdogan im April ein Verfassungsreferendum gewann, das seine Macht über die Regierung, das Parlament und die Justiz enorm ausweitet. 48,6 Prozent der Bevölkerung, die mit Nein gestimmt hatten, fühlten sich betrogen und hilflos. Doch bereits in Wahlkampf zum Referendum hatten die Türken einen neuen Kilicdaroglu kennengelernt, mit der erfolgreichen Strategie, die Abstimmung nicht parteipolitisch auszubeuten, was ihm enorme Sympathien und Stimmen einbrachte.

Mit seinem Marsch für Gerechtigkeit knüpft Kilicdaroglu an diesen Erfolg an. Er gibt den „48,6 Prozent“ eine neue Basis, um sich gegen Erdogans Griff nach der Macht zu wehren. Wie er die Oppositionellen, Zweifler und Missgestimmten hinter dem gemeinsamen „Nein“ vereinte, so gelingt ihm das jetzt mit dem Wort „Gerechtigkeit“. Von der Partei ist nicht die Rede, auch wenn sie natürlich das Rückgrat der Kampagne bildet. Am Endpunkt des Tages, in der Kleinstadt Tavcansil, stehen die Busse der von CHP-Bürgermeistern regierten Stadtbezirke Istanbuls. „Wir sind von der Stadtverwaltung in Sariyer hergefahren, auch unser Bürgermeister ist dabei“, sagt eine junge Frau mit blondierten Haaren und einer goldverspiegelten Sonnenbrille. „Ich habe mir drei Tage freigenommen, die ich dann später abarbeiten muss. Viele Kollegen unterstützen den Marsch.“ Sie sagt, die Verhaftung des CHP-Vizes Enis Berberoglu konnte nicht ohne Reaktion bleiben. „Und Kilicdatroglu hat genau das Richtige getan.“

Doch Berberoglu nur einer von mehr als 50 000 Menschen, die Erdogan seit Ausrufung des Ausnahmezustands nach dem gescheiterten Putschversuch vom Juli vergangenen Jahres verhaften ließ, darunter führende Journalisten und die Spitze der zweitgrößten Oppositionspartei HDP. Mit mehr als 160 Inhaftierten ist die Türkei das größte Gefängnis für Journalisten auf der Welt. Über 140 000 Menschen verloren bei umfassenden „Säuberungen“ ihren Arbeitsplatz.

„Ein enger Freund meiner Tochter wurde als Lehrer entlassen, weil er angeblich zu Fetö gehörte“, sagt Sevim Aslan, eine ältere Dame mit weißem Strohhut und selbst pensionierte Lehrerin. Fetö ist die abwertende Bezeichnung für die islamische Gülen-Bewegung, die Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht. „Er hat aber überhaupt nichts mit den Gülenisten zu tun. Solche Ungerechtigkeiten gibt es viele. Aber dieser Marsch gibt uns wieder Hoffnung.“

Als die Route der Gerechtigkeitsmarschierer an diesem Tag durch die Kleinstadt Hereke führt, stehen nur wenige Neugierige am Straßenrand. Die Region gilt als konservativ. An einem Haus haben Anhänger der Demonstranten eine große türkische Fahne und ein Bild des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk aufgehängt. Sie klatschen, als der Oppositionschef an der Spitze des Zugs vorbeigeht.

Tatsächlich findet der Marsch der Zehntausenden nicht nur Zustimmung bei Linken, Liberalen und Säkularen. Wie schon beim Verfassungsreferendum gelingt es der Opposition erstmals seit Jahren, auch zweifelnde Erdogan-Anhänger anzusprechen. Türkische Medien berichteten über eine Umfrage der AKP, die ergeben habe, dass mehr als 70 Prozent der eigenen Parteigänger mit dem Zustand der Justiz unzufrieden seien und den Ruf Kilicdaroglus nach Gerechtigkeit unterstützenswert finden. Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass die Regierung den Aufzug bislang nicht stoppen ließ. Gewalt gegen Kilicdaroglu könnte diesen als Märtyrer erscheinen lassen.

Aber das türkische Establishment um Erdogan ist erkennbar nervös. In zunehmend schriller werdenden Äußerungen titulieren Ministerpräsident Binali Yildirim und die regierungsnahe Presse Kilicdaroglu und seine Anhänger als „Komplizen des Terrors“ und „Verräter“. Das Verlautbarungsblatt „Yeni Safak“ schrieb am Donnerstag: „Der Marsch ist die Fortsetzung des gescheiterten Putsches vom 15. Juli.“ Doch es ist unbestreitbar, dass die Opposition erstmals seit den Gezi-Protesten die politische Agenda im Land beherrscht. Wie eine schlechte Kopie wirkt die Ankündigung der Regierung, zum Jahrestag des Putschversuchs „Volksmärsche“ auf den öffentlichen Plätzen aller 81 türkischen Provinzen abhalten zu wollen.

„Sehen Sie sich um, das sind doch keine Terroristen, sondern ganz normale Leute“, sagt der CHP-Abgeordnete Utku Cakirözer aus der zentralanatolischen Stadt Eskisehir, der im vorderen Drittel des Zugs mitläuft. „Aber die Tatsache, dass die Opposition jetzt auf der Straße Gerechtigkeit einfordert, zeigt, wie schlimm die Lage geworden ist.“ Die Repression sei härter als unter der Herrschaft der Generäle nach dem Militärputsch von 1980. „Damals gab es klare Regeln, heute herrscht reine Willkür.“ Der 47-Jährige ist schon von Anfang an dabei, spricht von Schwielen an den Füßen, legt aber weiterhin ein gutes Tempo vor. Utku Cakirözer erinnert sich nur an wenige unschöne Szenen, wenn meist junge Männer Parolen gegen den Marsch brüllten und das Rabia-Zeichen der ägyptischen Muslimbrüder zeigten. Einmal kippte ein Gegner eine Ladung Gülle vor dem Rastplatz des Zugs aus. Aber insgesamt blieb es friedlich, zumal Kilicdaroglu die Parole ausgegeben habe, Provokationen ins Leere laufen zu lassen und mit Geduld zu begegnen. Wann immer Pöbler sie beleidigten, „klatschen wir einfach in die Hände“.

Doch je näher der Marsch an die 16-Millionen-Stadt Istanbul rückt, desto mehr wächst die Gefahr gewalttätiger Konfrontationen. Am Donnerstag meldeten türkische Medien, dass die Zahl der Mitmarschierer bereits 40 000 übersteige. An diesem Tag erreicht Kilicdaroglu den Istanbuler Vorort Gebze. Noch knapp 30 Kilometer sind es bis zum Gefängnis in Maltepe, dem Ziel des Marsches für Gerechtigkeit, wo der Abgeordnete Enis Berberoglu inhaftiert ist. Am 9. Juli will Kilicdaroglu dort eintreffen. Anschließend soll es eine Kundgebung für Gerechtigkeit mit einer Million Menschen geben.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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