Lade Inhalte...

Türkei Kampf um die verlorene Ehre

FR-Autor Frank Nordhausen hat in Brüssel zwei türkische Nato-Offiziere getroffen, die nach dem Putschversuch aus der Armee entlassen wurden, vom Geheimdienst gejagt werden und in Belgien Asyl beantragt haben.

Türkei
Erdogan feiert den Tag der Republik. Foto: dpa

Einst waren sie hochdekorierte, stolze Vertreter ihres Landes und glühende Patrioten. Jetzt sind sie geächtet und voller Zweifel. Vor einem Jahr nahm das Leben der türkischen Nato-Offiziere Hasan und Cem eine jähe Wendung. Seither haben die beiden Offiziere alles verloren: ihren sozialen Status, ihre Arbeit, jegliche Sicherheit. Von ehemaligen Kameraden werden sie geschnitten, der türkische Geheimdienst jagt sie. Die Offiziere, jahrelang im Nato-Hauptquartier in Brüssel mit geheimen strategischen Operationen betraut, finden sich seit dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei vom Juli 2016 in einem Leben wieder, das an einen düsteren Hollywood-Thriller erinnert. 

Der türkische Geheimdienst jagt sie

Zum Treffen in einem Brüsseler Hotel kommen Hasan und Cem, beide um die 40, nicht in Uniform, sondern in legeren Hosen und Freizeithemden. Aufmerksam prüfen sie die Umgebung, bestehen mehrfach auf einem Ortswechsel. „Wir stehen auf der Feindesliste der türkischen Regierung ganz oben“, sagt Hasan, der wie Cem ein fließendes, amerikanisch geprägtes Englisch spricht. „Wir müssen mit allem rechnen, mit Denunziation, Angriff, Entführung. Vor Kurzem forderte ein Erdogan-Propagandist im Fernsehen dazu auf, ‚Abtrünnige‘ wie uns zu hetzen“, sagt er entrüstet. „Aber wir sind loyale Offiziere, keine Terroristen!“.

Die beiden langjährigen Offiziere, die zum Heer der entlassenen Staatsbediensteten nach dem blutigen Putschversuch mit mehr als 240 Toten zählen, sind für den bewaffneten Kampf ausgebildet worden. Um ihre verlorene Ehre kämpfen sie auf einem anderen Feld: im Internet. In ihrem Twitter-Account und einem Webblog setzen sie der Regierungspropaganda größtmögliche Aufklärung entgegen. „Wir dachten, wir sind es den Kameraden schuldig, die Wahrheit auszusprechen“, sagt Cem. Weil die Wahrheit unter dem autokratischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan aber Gefahr bedeutet, bestehen sie darauf, ihre echten Namen nicht zu nennen. „Wir müssen unsere Familien schützen.“ 

Im Internet postet das Duo seit einem Jahr Informationen über den Putschversuch, die von der Regierungspropaganda unterdrückt werden: über Folter und erzwungene Geständnisse von Generälen, die unglaublichen Ungereimtheiten des Militärputsches, die dramatischen Probleme des türkischen Militärs seit Beginn der „Säuberungen“. In der Türkei wurden nicht nur rund 150 000 Lehrer, Richter, Journalisten entlassen oder ins Gefängnis gesperrt. Auch im Militär – mit knapp 400 000 Soldaten die zweitgrößte Streitmacht der Nato – wurden rund 30 000 Soldaten vom Dienst suspendiert, mehr als 6200 verhaftet, darunter fast die Hälfte der 360 Generäle, 90 Prozent der Generalstabsoffiziere und etwa 60 Prozent der Kampfpiloten. „Wenn die wirklich alle am Putsch beteiligt waren, dann wäre er bestimmt nicht gescheitert“, sagt Cem sarkastisch. „Die türkische Armee besteht nicht aus Amateuren!“

Äußerlich könnten die beiden Männer auch als Italiener oder Franzosen durchgehen, sie sind weltgewandt, polyglott, gebildet – und verkörpern so gewissermaßen idealtypisch den tragischen Verlust Tausender Spitzenkräfte in der türkischen Armee. „Übrig bleiben Opportunisten“, sagt Cem.

Für den versuchten Staatsstreich macht die Regierung die Sekte des in den USA lebenden Islampredigers Fethullah Gülen verantwortlich, dessen Anhänger seither unerbittlich verfolgt werden. Auch das Militär sollen sie auf breiter Basis unterwandert haben. Die geschassten Offiziere aber sagen, sie hätten „absolut nichts“ mit den Gülenisten zu tun. „Im Militär waren die unsichtbar“, sagt Hasan. „Bis die AKP 2002 an die Macht kam, achtete der Generalstab peinlich darauf, dass keine Religiösen ins Offizierskorps gelangten, und danach können sie es noch nicht in die oberen Ränge geschafft haben.“ Tatsächlich galt die Armee bis zuletzt als Bollwerk der säkularen Republik des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk. „Das ist seit dem Putschversuch vorbei“, sagt Cem. „Jetzt sitzen Islamisten sogar im Generalstab – nur eben andere als die Gülenisten.“ 

Islampredigers Fethullah Gülen sei verantwortlich

Die beiden Männer, die der Armee ihren Aufstieg aus kleinen Verhältnissen verdanken, empfinden das als nationale Katastrophe. Denn das Militär, so hatten sie es gelernt und empfunden, war das Rückgrat ihres Staates. Da sie seit ihrem Eintritt in die Kadettenschule mit 14 Jahren jeweils zu den Jahrgangsbesten gehörten, folgten ihrem Training in der Türkei lange Ausbildungsjahre in den Vereinigten Staaten und schließlich der Wechsel zur Nato. In die Bündniszentrale, sagen sie, kamen nur die Besten – und nach Brüssel „die Besten der Besten“. Dort konnten sie ihren Familien ein Leben voller Annehmlichkeiten bieten. 

Am Abend des 15. Juli 2016 sah sich Hasan in einem Autohaus einen neuen Mercedes an. Als er nach Hause kam, sagte seine Frau: „Schau, was das Fernsehen bringt: In der Türkei putscht das Militär!“. Cem grillte mit Freunden im Garten, als sein Handy zu klingeln begann und Freunde aufgeregt sagten: „Schalte sofort den Fernseher ein!“ 

Säuberungen im türkischen Staatsapparat

Beide saßen dann die Nacht über vor dem TV-Gerät und versuchten zu verstehen, was in der Heimat vorging. Nachdem Erdogan spät nachts im Fernsehen über einen Putsch sprach, telefonierte Cem mit seinem Schwiegervater in der Türkei. „Cem, das ist kein Putsch“, sagte der alte Mann, der frühere Staatsstreiche miterlebt hatte. „Bei einem Putsch herrscht Ausgangssperre, die Regierung ist im Gefängnis, und das Fernsehen ist unter Kontrolle.“

Aber was war es dann? Schon am Morgen danach begannen Säuberungen im Staatsapparat, wie sie die Türkei noch nie erlebt hatte. Die härtesten Maßnahmen trafen das Militär. „Die Fernsehbilder der gefolterten Kameraden wird kein Soldat je vergessen“, sagen die beiden Offiziere. Sie wähnten sich damals in Brüssel sicher, doch dann trafen Listen mit Offizieren ein, die nach Ankara zurückbeordert wurden. Als die ersten 17 Rückkehrer bis auf einen sofort verhaftet wurden, kroch die Angst in den andern hoch. Begründungen oder Anklagen gibt es bis heute nicht. Doch die regierungsnahe Hetzpresse schrieb von „Verrätern“ bei der Nato, die mit „westlichen Hintermännern“ des Putsches gemeinsame Sache gemacht hätten. „Das war schockierend“, sagt Hasan, und seine Stimme zittert vor Empörung. „Dreiste, unverschämte Lügen!“

Ende September 2016 kam eine Liste mit 221 Offizieren, auf der auch Hasan und Cem standen. Der Generalstab gab ihnen drei Tage Zeit zurückzukommen. Ihr erster Impuls war, dem Befehl zu folgen und sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen. Aber sie hatten schlicht Angst: gefoltert zu werden oder jahrelang grundlos im Gefängnis zu verschwinden. „Das konnte ich meiner Familie nicht antun“, sagt Cem. Um Zeit zu gewinnen, meldeten sie sich krank – und wurden umgehend entlassen. Wenn der Ausnahmezustand aufgehoben sei und das Gesetz wieder herrsche, wollen sie sich den Gerichten stellen, sagen sie. „Aber derzeit gibt es kein Recht und keine Ordnung mehr in der Türkei.“

Ziemlich genau ein Jahr ist das nun her. Von einem Tag auf den anderen standen die Familien vor dem Nichts. Sie verloren ihre Arbeit, ihren Pass, Krankenversicherung, Pensionsansprüche. Ihre Mietwohnungen in Apartmentblöcken für türkisches Militärpersonal gaben sie schnell auf. „Es war unerträglich, den anderen Offizieren zu begegnen, die nicht entlassen wurden oder die neu entsandt wurden.“ Die „anderen“ senkten den Kopf beim Vorbeigehen und befahlen ihren Kindern, nicht mit den „Verräterkindern“ zu spielen. „Jeder hatte Angst, der Nächste zu sein, den es trifft“, sagt Hasan.

Hasan und Cem suchten sich kleinere Wohnungen in Gegenden, die billiger waren und weit weg von Brüsseler Vierteln wie Schaerbeek, in denen viele Türken leben. Denn inzwischen hatte die Regierung in Ankara alle Auslandstürken aufgerufen, „Putschisten“ und „Terroristen“ den Behörden in der „Heimat“ zu melden. „Deshalb reden wir nie Türkisch auf der Straße und haben es unseren Kindern verboten“, sagt Cem.

Ihre Ersparnisse, so haben die Freunde ausgerechnet, reichen bis Mitte nächsten Jahres. Sie vertrauen auf ihre gute Ausbildung; inzwischen haben sie Arbeitserlaubnisse erhalten. Cem hat bereits einen Job, Hasan scheiterte bisher an fehlenden Sprachkenntnissen, obwohl er sich durch Französisch-Intensivkurse quält. Noch immer aber bangen die Offiziere um ihre Anerkennung als Asylbewerber. Rund zwei Drittel der etwa 750 türkischen Nato-Offiziere in Belgien, Deutschland, Italien oder Amerika wurden Opfer der Säuberungen, viele beantragten politisches Asyl. Anders als in Deutschland, Norwegen oder Kanada sind in Belgien noch keine Anträge positiv beschieden worden. Warum, können Cem und Hasan nur vermuten: Der Druck aus der Türkei ist enorm.

Anfangs konnten sie überhaupt nicht begreifen, warum sie als Putschisten verdächtigt wurden. Die Erkenntnis sickerte erst nach und nach in ihre Köpfe. „Unser Verbrechen war, dass wir gut ausgebildet und westlich sind“, sagt Cem spöttisch. Drei Monate nach dem Putschversuch tauchte in den regierungsnahen Medien eine offizielle Checkliste auf, die nicht nur die Nutzung Gülen-naher Banken und den Besuch von Gülen-Schulen, sondern auch schnelle Karrieren, gute Noten oder ein Studium in den USA als putschverdächtig einstufte. „Wer viel in Europa und den USA war, gilt per se als suspekt“, berichtet Cem. „Was früher die Merkmale eines erfolgreichen Offiziers waren, sind heute die eines Putschisten.“

Erdogan: Putschversuch ein „Geschenk Gottes“

Der Nato-Oberbefehlshaber General Curtis Scaparotti beklagte in einem Memorandum im letzten Jahr die „Degradierung meines Stabs“ durch den Verlust von rund 150 „talentierten, fähigen Leuten“. Hasan und Cem sagen, Erdogan habe die einst stolze türkische Armee durch Denunziationen und Festnahmen immer weiter geschwächt. 

Jedem Bürger der Türkei klingt bis heute in den Ohren, dass Erdogan den Putschversuch am Tag danach als „Geschenk Gottes“ bezeichnete und anfügte: „Warum? Weil uns dieses Ereignis ermöglicht, die Streitkräfte zu säubern.“ 

Als Hasan und Cem selbst in den Strudel der Hexenjagd gerieten, fingen sie an zu recherchieren. Sie gehören zu den wenigen, die versuchen, das schier undurchdringliche Gewirr aus Lügen, Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten um den Putschversuch zu entwirren. In der Türkei kann niemand mehr unabhängig nachforschen, die Putsch-Prozesse verschwinden hinter einem Vorhang extrem widersprüchlicher Zeugenaussagen, der parlamentarische Untersuchungsausschuss war eine Farce. Und außerhalb der Türkei interessiert sich kaum jemand für die Aufklärung des Jahrhunderträtsels. 

Hasan und Cem sammeln ihre Informationen aus allgemein zugänglichen Quellen, fügen sie dann zu Analysen zusammen. Sie sind inzwischen mehr denn je davon überzeugt, dass die Regierung auf die eine oder andere Weise in die Ereignisse verwickelt war. „Erdogan ging es darum, das säkulare Militär auszuschalten, das für ihn stets eine Bedrohung darstellte, und es mit loyalen Kadern zu besetzen“, sagt Cem. 

Bisher war das Militär nicht nur eine Bastion des Säkularismus, sondern auch weitgehend frei vom verbreiteten Gift der Vetternwirtschaft in der Türkei. Beförderungen erfolgten strikt nach Dienstjahren und Leistung. Bis zuletzt wahrte die Armee ihre Unabhängigkeit. So hatte sich der Generalstab jahrelang gegen einen Einmarsch in Syrien gewehrt, den Erdogan unbedingt wollte – nach dem Putschversuch erfolgte die Intervention umstandslos. „Aber das ist noch nicht alles“, sagt Cem.

Wie sich die Wahrheit in einem guten Thriller nach und nach offenbart, so stießen die beiden Offiziere auf eine Verbindung zwischen dem Putschversuch und Kreml-nahen Kreisen in Russland. Auf ihrer Webseite haben sie zugleich die wichtige Rolle analysiert, die antiwestliche, prorussische Generäle im türkischen Militär bei den Säuberungen spielen. Diese sogenannten Eurasier, Anhänger des türkischen Altkommunisten Dogu Perincek, wollen die Türkei aus der Nato lösen und näher an Russland und Mittelasien heranführen. Vor dem Putschversuch war ihr Einfluss gering, danach hatten sie freies Schussfeld. „Der Putsch wurde von verschiedenen Kräften angezettelt oder genutzt, die das Militär grundsätzlich umbauen wollen“, vermutet Hasan. Derzeit würden anti-amerikanische Islamisten und Eurasier im Militär noch den gemeinsamen Feind – die westlich gesinnten „Atlantiker“ – bekämpfen. „Aber anschließend werden sie aufeinander losgehen.“ 

Dass dieser Punkt womöglich erreicht ist, lässt ein Überwachungsvideo aus der Akinci-Luftwaffenbasis bei Ankara, der Zentrale der Putschisten, vermuten, das vergangene Woche im Internet lanciert wurde. Es zeigt Generalstabsgeneräle, die angeblich zum Zeitpunkt der Aufnahme seit Stunden in Handschellen gelegt waren, beim Händeschütteln mit Putschsoldaten; und auch der ebenfalls vermeintlich festgenommene Generalstabschef Hulusi Akar bewegt sich, als wäre er nicht Geisel, sondern Kommandeur. „Ein weiteres Indiz, dass wir über den Hergang der Ereignisse belogen werden“, sagt Hasan. 

Niemand traut den Türkei mehr

Nach Brüssel zur Nato entsendet der Generalstab nun nicht mehr die Besten der Besten, sondern Offiziere, für die man anderswo offenbar keine Verwendung mehr hat. 

Von ihren Freunden bei der Nato haben Hasan und Cem erfahren, dass einige Neuankömmlinge nicht einmal die Mindestanforderung – gute Englischkenntnisse – aufweisen. Die Nato-Freunde erzählen auch, dass sich die Türken neuerdings komplett abschotten. In Sitzungen bleiben sie stumm. Doch wachsen spätestens seit dem avisierten Kauf des russischen Raketenabwehrsystems S-400 durch Ankara in Brüssel die Sorgen, dass der russische Präsident Wladimir Putin insgeheim schon mit am Nato-Tisch sitze. Ein Nato-Freund sagt: „Niemand traut den Türken mehr. Über wichtige Dinge wird erst gesprochen, wenn sie das Zimmer verlassen haben.“ 

Hasan und Cem erwarten bald neue brisante Enthüllungen im türkischen Thriller um Machtkämpfe, Geheimdienstintrigen und geopolitische Interessen. Selbst einen neuen Putsch halten sie nicht mehr für ausgeschlossen. „Aber falls das – Gott behüte! – nochmal passieren sollte, wird es ein richtiger Putsch sein. Dann wird es blutig“, sagt Cem. „Erdogans Heldenerzählung, man könne Panzer mit seinem Körper aufhalten, ist ein gefährlicher Unsinn.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum