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Türkei Irak Isis Dramatisch gescheitert

Nach dem Vormarsch der Isis im Irak ist die ganze Region im Aufruhr. Auch ein Umbruch ist möglich. Tatsächlich könnte jetzt sogar das Unfassbare geschehen: die Gründung eines kurdischen Staates.

Ramadi, 20. Juni: Irakische Elitesoldaten im Einsatz gegen die Isis. Foto: rtr

Wer in den vergangenen zwei Jahren ein Flugzeug von Istanbul nach Hatay oder Gaziantep an der türkisch-syrischen Grenze bestieg, konnte sie schwerlich übersehen: die bärtigen jungen Männer aus Marokko, Saudi-Arabien oder Europa auf ihrem Weg in den Heiligen Krieg. Istanbul war zum Drehkreuz des globalen Dschihad geworden.

Am Zielort fanden die Reisenden Unterschlupf in sicheren Häusern, freies Geleit über die Grenze und – im Fall, dass sie in Syrien verwundet wurden – die kostenlose Pflege türkischer Krankenhäuser. Denn die Regierung in Ankara betrachtete alle Feinde ihres syrischen Feindes Baschar al-Assad als Verbündete, auch wenn sie offiziell stets nur Kontakte zur moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) einräumen wollte.

Schon eine Woche vor dem überraschenden Vormarsch der radikalislamischen Isis-Miliz im Irak setzte die Regierung des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan allerdings ein Zeichen, dass sich Bedenken mehrten: Da wurde die in Syrien operierende al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front auf die offizielle Terrorliste geschrieben (auf der Isis schon lange steht). Es war das vorerst letzte Eingeständnis einer dramatisch gescheiterten Syrienpolitik.

Als die Isis dann die irakische Millionenstadt Mossul einnahm und mehr als 80 türkische Diplomaten, Konsulatsangestellte und Lastwagenfahrer kidnappte, zeigte sich die Nation tief gedemütigt. Die Geiselkrise, über die türkische Medien seit Mittwoch nicht mehr berichten dürfen, offenbarte die grenzenlose Hilflosigkeit Ankaras zwischen den neuen nahöstlichen Fronten.

Jetzt versuchen türkische Geheimdienstler, ihre verbliebenen Kontakte zu den Dschihadisten zu nutzen, um die Geiseln freizukaufen. Das ist schwierig, weil Isis im Gegensatz zu anderen Rebellengruppen vermutlich nie ein Partner der Türken war. Kürzlich erst beklagte der Chef der islamistischen türkischen Hilfsorganisation IHH, Bülent Yildirim, gegenüber dieser Zeitung, dass er die von Isis gehaltenen syrischen Gebiete nicht mit Hilfsgütern beliefern könne und dass immer wieder IHH-Mitarbeiter von Isis gekidnappt würden. Die von der Türkei unterstützten FSA-Verbände kämpfen seit Monaten an mehreren Fronten gegen Isis.

Zynisches Kalkül des syrischen Diktators

Im Gegensatz zu den anderen Aufständischen wird Isis zudem bislang von Assads Bombenkrieg verschont. Politische Beobachter vermuten dahinter das zynische Kalkül des syrischen Diktators, die für ihre Grausamkeit berüchtigte Miliz zu stärken, um sein eigenes Regime als einzigen Garanten für Stabilität erscheinen zu lassen. Warum hat Ankara den Dschihadisten dennoch die Tore geöffnet? Zum einen ist es nicht eben einfach, „gute“ von „bösen“ Islamisten zu unterscheiden. Zum anderen führt Isis seit mehr als einem Jahr einen verbissenen Krieg gegen die kurdischen Enklaven Nordsyriens, die von der Demokratischen Unionspartei (PYD), einem Ableger der türkischen Guerilla PKK, regiert werden. Zwar sind die kampfstarken syrischen Kurden wie jene im Irak die einzigen Formationen, die das Vordringen der Islamisten bislang wirkungsvoll verhindern. Trotzdem war die Schwächung der PYD im Interesse Ankaras, weil man stets ein Übergreifen kurdischer Autonomiebestrebungen auf die eigene kurdische Bevölkerung befürchtet.

Doch ist Erdogans Eindämmungsstrategie gegenüber den Kurden schon früher einmal gescheitert. Als sich im Zuge der US-Invasion 2003 eine autonome kurdische Regionalregierung im nordirakischen Erbil bildete, machte Ankara die Grenzen dicht. Vor sechs Jahren aber leitete Erdogan eine politische Kehrtwende ein und beendete die wirtschaftliche Blockade Irakisch-Kurdistans, das seither nicht nur eine Insel der Stabilität, sondern auch der einzige verbliebene Freund der Türkei in der Region ist. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen, und kürzlich ließ Erbil sogar irakisches Öl gegen den Willen der Bagdader Zentralregierung in die Türkei fließen. Durch sein Bündnis will Erdogan den konservativen Kurdenführer Masud Barzani zugleich gegenüber dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan stärken.

Der dramatische Isis-Vorstoß im Irak hat nun in Ankara offenbar auch die Vorbehalte gegen einen souveränen Kurdenstaat schwinden lassen. Am Mittwoch erklärte Hüseyin Celik, der Sprecher von Erdogans Regierungspartei AKP in einem Interview, der Irak sei praktisch in drei Teile gespalten und den Kurden stehe im Fall seines „offiziellen Zerbrechens“ das Recht auf einen eigenen Staat zu.

Der Satz schlug ein wie eine Bombe und löste heftigen Widerspruch auch in der regierungsnahen Presse aus. Denn was Ankara im Irak zugesteht, kann es in Syrien nur schwer weiter bekämpfen. Unterdessen weicht auch Barzanis Gegnerschaft zur PYD auf: Erstmals gingen irakische und syrische Kurden jetzt militärisch vereint gegen einen gemeinsamen Feind vor: Isis. So könnte das bislang Undenkbare bald Wirklichkeit werden – dass unter der Duldung Ankaras aus den Trümmern von Irak und Syrien ein kurdischer Kernstaat entsteht.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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