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Türkei Hungern gegen Erdogan

Zwei türkische Pädagogen verweigern seit Monaten Nahrung, um gegen das Regime in Ankara zu protestieren. Nun ist ihr Leben bedroht.

Türkei
Nuriye Gülmen und Semih Özakca vergangene Woche bei einer Protestaktion in Ankara. Foto: epa

Wenn der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan am Dienstag in Washington erstmals mit dem US-Präsidenten Donald Trump zusammentrifft, werden ihn am Weißen Haus Demonstranten empfangen. Sie wollen Erdogan an das Schicksal von zwei Pädagogen erinnern, die seit zwei Monaten in Ankara im Hungerstreik sind, um gegen ihre Entlassung aus dem Staatsdienst zu protestieren. Die 35-jährige Literaturdozentin Nuriye Gülmen und der 27-jährige Grundschullehrer Semih Özakca sind zum Symbol geworden für den Widerstand gegen die staatliche Repression seit dem gescheiterten Putsch im vergangenen Jahr. Jetzt schlugen ihre Ärzte Alarm: Das Leben der Hungerstreikenden sei ernsthaft gefährdet.

Seit November stehen die beiden Pädagogen jeden Tag vor dem Menschenrechtsdenkmal in der Fußgängerzone von Ankara – mit Plakaten, auf denen steht: „Ich wurde entlassen. Ich will meine Arbeit zurück!“. 27 Mal hat die Polizei sie festgenommen, dabei häufig beschimpft und mehrfach misshandelt. Mit ihrem Mut und ihrer Ausdauer haben die beiden Demonstranten jenen mehr als 145 000 Beamten ein Gesicht gegeben, die ihre Arbeit in den sogenannten „Säuberungen“ Erdogans unter oft abstrusen Begründungen verloren haben, darunter bereits mehr als 5000 Wissenschaftler. Der amerikanische Fernsehsender CNN wählte Nuriye Gülmen wegen ihrer Zivilcourage deshalb zu einer der acht bedeutendsten Frauen des Jahres 2016, neben Hillary Clinton und Angela Merkel.

Im Januar hatte die FR über ihren Protest berichtet. Damals kündigte Nuriye Gülmen an, dass sie und ihr Mitstreiter Özakca einen unbegrenzten Hungerstreik beginnen würden, falls die Regierung sie nicht wieder in ihre Stellen einsetze. Inzwischen sitzen sie seit 67 Tagen vor dem Denkmal der Menschenrechte und nehmen nur gezuckertes und gesalzenes Wasser sowie Vitamin B-1 zu sich. Bleich und dünn wie Gespenster seien die beiden, sagt ein Freund. „Ein Jammer, wenn man weiß, wie lebensfroh Nuriye eigentlich ist.“

Da ihr Hungerstreik inzwischen weltweite Aufmerksamkeit findet, geht die Regierung nach einer Ruhepause wieder hart gegen die Unterstützer der beiden vor, räumte am Freitag den Ort eines Sit-Ins und nahm vier Personen fest. In einem Interview mit der türkischen Zeitung „Birgün“ sagt Nuriye Gülmen dazu: „Das ist ein Zeichen von Verzweiflung. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Die wachsende Unterstützung macht ihnen Angst.“ Ihr Hungerstreik sei eine absolut friedliche Protestform, das letzte Mittel. „Sie können uns nicht einschüchtern.“ Semih Özakca erklärte: „Wir machen weiter, egal was passiert.“

Unterdessen begannen andere entlassene Staatsdiener in verschiedenen türkischen Städten ebenfalls, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen. Am Freitag schlossen sich zudem vier Parlamentsabgeordnete, am Sonntag mehrere Frauen für jeweils einen Tag dem Hungerstreik an. Auch die Opposition reagiert. Der Chef der größten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, und der inhaftierte Co-Vorsitzende der zweitgrößten Oppositionspartei HDP, Selahattin Demirtas, forderten den Ministerpräsidenten Binali Yildirim am Wochenende auf, die beiden Hungerstreikenden wieder einzustellen.

Gianni Pitella, der Chef der Sozialisten im Europaparlament, besuchte sie am Donnerstag und drückte ihnen seine Solidarität aus. Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk und der weltbekannte Pianist Fazil Say appellierten an die Regierung, sofort einzugreifen. „Gleichgültigkeit, Gefühllosigkeit und Mitleidlosigkeit gegenüber Hungerstreikenden sind Mord“, so Pamuk, und Say sagte: „Diese Ungerechtigkeit kann man nicht tolerieren.“

Vertreter der Regierung haben den Protest bisher ignoriert. Doch es könnte sein, dass sie die Brisanz des Hungerstreiks unterschätzen. Weit mehr als eine Million Menschen in der Türkei leiden darunter, dass sie infolge der „Säuberungen“ die Ernährer der Familie verloren haben; die Suspendierten werden oft als „Verräter“ beschimpft, gesellschaftlich geächtet und finden keine neue Arbeit.

37 Verzweifelte haben Suizid begangen. Millionen Menschen können nachfühlen, wie es Gülmen und Özakca geht, da sie auch um ihre Jobs fürchten. „Es gibt große Unsicherheit, jeder hat Angst vor dem Verlust der Arbeit. Alle sind nervös, weil die Suspendierungen völlig willkürlich erfolgen“, sagt eine Mitarbeiterin eines Ministeriums in Ankara, die anonym bleiben will.

Unterdessen verschlechtert sich der Gesundheitszustand der beiden Hungerstreikenden, sie sind stark abgemagert, Gülmen leidet unter sehr niedrigem Blutdruck. Die Ärztekammer von Ankara erklärte am Donnerstag, dass beide Anzeichen von Wahrnehmungsstörungen zeigten. „Das Ende der Worte ist erreicht“, antworten Nuriye Gülmen und Semih Özakca Besuchern, die sie bitten, den Hungerstreik abzubrechen. Es klingt bereits wie ein Abschied.

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