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Türkei Friseurin aus Bremen wird Bürgermeisterin

Die 26 Jahre alte Kurdin Leyla Imret ist in Bremen aufgewachsen - und nun in der Türkei zur Bürgermeisterin gewählt worden.

Bürgermeisterin Leyla Imret. Foto: Privat

Eine 26-jährige Friseurin aus Bremen wird Bürgermeisterin einer Großstadt in der Türkei – das ist eine Karriere, die in ihrer neuen alten Heimat für viel Aufsehen gesorgt hat. Leyla Imret heißt die junge Frau, die jetzt die 110.000 Einwohner von Cizre tief im Südosten des Landes regiert, wo sie mit 83 Prozent der Stimmen gewählt wurde. „Mir geht’s super“, sagt die junge Deutsch-Kurdin am Telefon. „Das Volk steht hinter mir, da kann ich alles schaffen.“

Leyla Imret entschuldigt sich, dass ihr manche deutschen Wörter nicht mehr einfallen, da sie ein Jahr lang kaum noch Deutsch gesprochen habe. Dafür kann sie perfekt Kurdisch und hat damit die Menschen im überwiegend kurdisch bewohnten Cizre mit seiner extrem jungen Bevölkerung (40 Prozent sind jünger als 18 Jahre) paradoxerweise überrascht. „Viele Menschen hier haben ihre Muttersprache verlernt und fragen, warum ich sie so gut kann“, sagt sie. „Ich erzähle dann von der Demokratie in Deutschland. Dort konnte ich frei aufwachsen und Kurdisch lernen. Das möchte ich auch in Cizre möglich machen.“

Muttersprachlicher Unterricht ist im Südosten der Türkei trotz des Friedensprozesses mit der Guerillaorganisation PKK noch immer nicht selbstverständlich – ebenso wenig wie die Emanzipation der Frauen. Leyla Imret gehört der linken Kurdenpartei BDP an, die in fast allen kurdischen Provinzen die Kommunalwahlen gewonnen hat. Diese Partei besetzt ihre Führungsposten stets mit einer weiblich-männlichen Doppelspitze. Daher sind jetzt 122 Bürgermeisterinnen in die kurdischen Rathäuser eingezogen, eine Revolution für das patriarchalisch strukturierte Land. Wobei zwei weibliche Stadtoberhäupter sogar noch jünger sind als Leyla Imret.

Der Vater ein Held

Ihr kam zugute, dass ihr Vater in Cizre als Held des kurdischen Freiheitskampfes verehrt wird. Er starb bei einem Gefecht, als sie vier Jahre alt war. Damals waren Cizre und Umgebung stark umkämpft zwischen der PKK und dem türkischen Militär. Sie könne sich noch deutlich an Tote und Verletzte auf den Straßen erinnern, sagt Leyla Imret, „es war schrecklich“. Ihre Mutter flüchtete wenig später mit den Kindern nach Mersin am Mittelmeer und gab Leyla mit acht Jahren zu Verwandten nach Bremen. Dort lernte sie nach Abschluss der Realschule Friseurin und Kinderpflegerin, obwohl sie eigentlich Politik studieren wollte. „Ich musste dringend eine Arbeit nachweisen, weil ich in die Türkei abgeschoben werden sollte, obwohl ich das Land gar nicht mehr kannte.“

Vor sechs Jahren traute sie sich wieder in die Türkei, erst im vergangenen Sommer jedoch zurück nach Cizre. „Ich hatte Angst davor“, sagt sie. „Aber ich stellte fest, dass sich vieles verbessert hat. Die Menschen haben mich so freundlich empfangen. Da habe ich gespürt, ich gehöre hierher.“ Als sie gefragt wurde, ob sie zu den Kommunalwahlen kandidieren wolle, musste sie nicht lange überlegen. „Das Volk hat große Sehnsucht nach Frieden. Dafür will ich mich einsetzen, und für die Tausenden Kurden, die immer noch im Gefängnis sitzen.“ Sie will auch mehr Bürgerbeteiligung, Freizeitstätten und mehr Grün in der Stadt. „So wie in Deutschland.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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