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Türkei Eine Gesellschaft lebt in Angst

Viele Menschen in der Türkei spekulieren über die Hintergründe des Putschversuchs. Derweil liegt das öffentliche Leben brach und viele verlassen das Land.

21.07.2016 14:47
Esmahan Aykol
Erdogan-Anhänger gehen nach dem Putsch regelmäßig auf die Straße. Foto: dpa

Seit dem Putschversuch am vergangenen Freitagabend hört man plötzlich Dschihad-Rufe auf den Straßen Istanbuls. Bärtige Männer rufen: Allahu Akbar!

Es gibt viele Verschwörungstheorien, viel üblen Verdacht. Ganz leise spekulieren die Menschen untereinander darüber, ob es wirklich ein Putschversuch durch die Anhänger des islamistischen Predigers Fethullah Gülen war. Die Regierung Tayyip Erdogan bezeichnete den seit 1999 in den USA lebenden Gülen sogleich als Drahtzieher des Putschversuchs. Haben die Erdogan-Clique und ihr Geheimdienst die Putschisten deshalb nicht verhindert, obwohl sie bereits im Vorfeld davon erfahren hatten, damit Neuwahlen ermöglicht werden können und Erdogans AKP dadurch 367 Sitze im Parlament bekommt – das ist die nötige Anzahl von Stimmen, um die Verfassung zu ändern. So kann er Präsident werden.

Als Krimi-Schriftstellerin schaut man zu und fragt sich: Wer profitiert davon. Klar, Erdogan ist der einzige Gewinner. Er hat den Putschversuch selber mehrmals „ein Geschenk Gottes“ genannt. Seit Samstag sind Tausende Soldaten verhaftet, fast 3000 Richter (das ist ein Drittel aller Richter in der Türkei), 15 000 Beamten sind suspendiert worden unter dem Verdacht, dass sie zu Fethullah Gülen gehören. Die Suspendierungswelle rollt weiter an.

Wer die deutsche Geschichte kennt, erinnert sich an den Reichstagsbrand 1933. Der Putschversuch könnte hinsichtlich der Folgen aber auch dasselbe bedeuten wie das Attentat auf Hitler vom 20. Juli. Uns ist klar: Es erwarten uns jetzt noch schlimmere Zeiten. Erdogans Regime wird uns noch mehr die Luft zum Atmen abschnüren. Seine Anhänger rufen bei seinen Reden jetzt schon: „Wir wollen die Todesstrafe!“ Er selber ist auch dafür. Die rechtsextreme Partei der Nationalistischen Bewegung, Milliyetçi Hareket Partisi (MHP), ebenfalls.

Die ersten Tage danach waren die Straßen Istanbuls verwüstet und ganz leer. Seit gestern sieht man wieder mehr Menschen auf den Straßen, aber die Lage hat sich noch nicht normalisiert. Ob das irgendwann geschieht, weiß im Moment keiner. Gestern bin ich mit dem Bus gefahren. Öffentliche Verkehrsmittel sind bis Mittwoch Mitternacht umsonst, damit die Menschen wieder ausgehen. Aber der Bus war fast leer, das ist bei uns eine absolute Ausnahmesituation.

Ich war am Taksim-Platz, auf dem sich seit Samstag Abend Putschgegner treffen. Ich wollte nach Dolmabahçe zu meinem Lieblings-Teegarten direkt am Meer. Auf dem Ende des Taksim-Platzes, wo es Richtung Dolmabahçe geht, ist eine Minibus-Haltestelle. Da steht fast immer eine Schlange auf dem weiten Bürgersteig. Gestern gab’s keine. Ich hörte aber laute Stimmen, als ich mich der Haltestelle näherte. Ich traute mich nicht weiterzugehen. Ein Mann saß auf einem Stuhl, den er auf den Bürgersteig gestellt hatte und aß ganz ruhig seinen Döner. Ich stand neben ihm und schaute zu.

Ein junger, zierlicher Mann mit Shorts und Rucksack wurde von einem dicken Minibus-Fahrer beschimpft. Der Junge sagte gar nichts, guckt einfach nur. Der Fahrer wurde immer lauter und plötzlich schlug er ihm mitten ins Gesicht! Der Junge stand ganz baff da. Das alles geschah vor meinen Augen, in ein paar Sekunden.

Die böse Erinnerung an die Fotos vom Freitagabend von zu Tode geprügelten Menschen war da. Horror. In der nächsten Minute stieg ein anderer, ebenfalls ganz dicker Fahrer aus seinem Minibus, schreiend und schimpfend. Ohne zu zögern, schlug auch der dem Jungen eins auf seine Nase. Der Junge stand immer noch ganz baff wie eine Marionette da. Der zweite Fahrer fragte erst anschließend den anderen, was los war. Dieser antwortete: „Er hat mich beschimpft.“ Der zweite war daraufhin völlig außer sich. „Weißt du, wer wir sind? Weißt du, wer an dem Abend auf der Straße war? Wir waren es! Wir!“

Der Junge hat nicht mal seinen Mund aufgemacht – er hatte wahrscheinlich einen Schock –, aber der Dicke schrie immer lauter. Es gab auch andere Fahrer da, aber keiner hat irgendetwas getan, um ihn zu beruhigen. Er schrie weiter: „Warte hier! Ich zeig’s dir!“ Er ging zur Tür seines Minibusses und holte einen Schlagring raus. Er trug ihn in seiner rechten Faust. Ich habe es gesehen, der Junge nicht. Der Arme stand da völlig verwirrt. Der Fahrer kam mit schnellen Schritten zu ihm. Was jetzt? Was? Prompt fang ich an zu schreien: „Lauf, mein Sohn!“ Mit leeren Augen hat er eine Sekunde lang auf mich geguckt. Ich schrie wieder: „Lauf!“ Erst dann kam er wieder zu sich und lief schnell weg.

Im Türkischen gibt es ein Sprichwort: „Kurdun disine kan dedi.“ Wort wörtlich übersetzt heißt es: Der Zahn des Wolfes hat Blut berührt. Anders gesagt: Wenn ein Wolf Blut geleckt hat, ist er nicht mehr aufzuhalten. Wenn das stimmt, wird unser Land für kleine Schafe immer gefährlicher.

Frauen-Organisationen haben davor Angst, dass die Gewaltwelle Frauen und Kindern trifft. Der Regierungssprecher Numan Kurtulmus sagte vorgestern, dass es wegen der Putschisten leichter wird, einen Waffenschein zu bekommen. Der Staat führt seit Jahren keine Statistiken mehr, aber nach Angaben von Frauenrechtsorganisationen werden jeden Tag vier Frauen von ihren Ehemännern oder Verwandten umgebracht. Unter diesen Umständen ist es mehr als berechtigt zu fragen, gegen wen diese Waffen gerichtet werden.

Die Türkei ist eine Gesellschaft der Angst geworden. Kein Land für alte Männer. Diejenigen die das Land verlassen können, tun es. Ein schwuler Freund von mir hat in Kanada Asyl gesucht. Eine Freundin, alleinerziehende Mutter, flieht nach London mit ihrem Sohn. Schwarzer Humor pur: Ich bekomme jeden Tag ein bis zwei Heiratsanträge von Bekannten, die wissen, dass ich den deutschen Pass habe.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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