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Türkei "duran adam" Ein Mann macht Erdogan nervös

Über Nacht wird ein Künstler für seinen friedlichen Protest auf dem Taksim-Platz weltweit berühmt. Sein "stehender Mann" gibt dem Widerstand eine neue Facette. Sein stiller Protest findet Nachahmer. Die türkische Regierung plant indes ein Anti-Facebook-Gesetz.

Stehender Protest auf dem Taksim-Platz. Foto: dpa

Plötzlich steht er da, am Montagabend gegen acht Uhr. Ein junger Mann mit weißem Hemd und Lockenkopf, mitten auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls.

Er hat die Hände in den Hosentaschen versenkt, starrt stumm auf die riesigen türkischen Fahnen und das Atatürk-Bild am Atatürk-Kulturzentrum, das der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan abreißen möchte. Er steht und starrt.

Seit dem Montagmorgen ist der Verkehrsknotenpunkt, der zwei Wochen lang von Baumschützern und Anti-Erdogan-Demonstranten besetzt war, wieder für Fußgänger geöffnet. Die Bereitschaftspolizei bewacht alle Zugänge und hat vom Istanbuler Gouverneur Hüsyein Ali Mutlu Order bekommen, keine Demonstrationen auf dem Platz mehr zuzulassen. Jetzt kann man sehen, wie es in den Beamten arbeitet: Ist das eine Demonstration? Darf einer einfach da stehen und in die Luft starren?

Schweigende Demonstranten - für sechs Stunden

Nach und nach bekommt der Mann Gesellschaft. Bald stehen mehr als tausend meist junge Leute auf dem Platz, sagen kein Wort, blicken nur stumm auf den nicht gerade antiautoritären Republikgründer Atatürk, der in den Protestwochen wieder zum Symbol einer modernen, liberalen Türkei geworden ist.

Manche starren auch auf die Polizei. Unter ihnen berühmte Schauspieler, die jeder aus den Soap Operas im Fernsehen kennt. Und mitten drin steht der Mann mit den Locken und starrt und schweigt sechs Stunden lang, bis weit nach Mitternacht ein Offizier entscheidet, dass es sich bei ihm und den anderen Schweigern wohl um Demonstranten handeln müsse.

Einige werden festgenommen, zur Wache gefahren, ihre Personalien aufgenommen. Die Aufstandspolizei macht sich bereit zum Tränengaseinsatz. Um die Menschen nicht zu gefährden, bricht „The Standing Man“ – der „stehende Mann“ – gegen halb drei Uhr morgens die Aktion ab. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst Weltruhm erlangt. Millionenfach hat sich sein Bild über die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook in der Türkei und über dem gesamten Globus verbreitet: Erdem Gündüz, ein Performance-Künstler, den zuvor niemand kannte.
Jetzt spricht er: „Ich stehe hier, weil wir keine freie Presse haben. Das ganze System muss sich ändern. Mit dem Rücktritt der Regierung ist es nicht getan.“

Mehr als hundert junge Menschen festgenommen

Der mutige Mann findet sofort Nachahmer. Im Istanbuler Bezirk Besiktas steht ab Mitternacht ein junger Mann vor einem Atatürk-Denkmal und schweigt; zehn paar Schuhe auf dem Boden sollen die Demonstranten symbolisieren, die bei den Protesten festgenommen wurden.
In Ankara stehen schweigende Frauen und Männer. Am Dienstag wird kein Twitter-Hashtag in der Türkei häufiger aufgerufen als #duranadam (stehender Mann), weltweit schafft er es unter die Top 10 des Tages.

Und immer wieder erinnern sich Twitterer gegenseitig an den Science-Fiction-Film „V wie Vendetta“ über einen Aufstand in einer Orwellschen Diktatur, der vor wenigen Jahren die weltweite Anonymous-Bewegung anregte.
Der türkische Ministerpräsident und die Regierung in Ankara starren irritiert auf den postmodernen Pazifismus und haben ihm nur verbrauchte Politik entgegenzusetzen. Am Dienstagmorgen rollt die Repressionsmaschinerie des autoritären Staates wie in den Zeiten der kemalistischen Militärs, die Erdogan doch demokratisch überholen wollte.

Dutzende Wohnungen werden durchsucht, mehr als hundert junge Menschen festgenommen; sie müssen mit jahrelanger Untersuchungshaft und bis zu zehnjährigen Haftstrafen rechnen. Ein Gesetz gegen Twitter und Facebook wird vorbereitet. Das regierungsnahe Hetzblatt „Yeni Safak“ bezeichnet die Gezi-Proteste als „Putschversuch“ ähnlich dem „postmodernen Coup“ der Generäle von 1997. Ministerpräsident Erdogan wettert vor AKP-Ageordneten wieder über Terroristen, und sein Vizepremier Bülent Arinc drohte bereits mit dem Einsatz des Militärs. Währenddessen bricht die Istanbuler Börse ein.

Erdogan gebäre sich wie die Kemalisten

Militär? Putschversuch? Terroristen? Erdogan verliere den Kontakt zur Realität, erklärt der linke türkische Kolumnist Taner Akçam in der Oppositionszeitung „Vatan“. Er gebärde sich wie die Kemalisten, gegen die er einst zu Felde zog und leite damit den eigenen Untergang ein.
Wovor hat der „Sultan“ in Ankara Angst, fragen sich immer mehr Türken. Schließlich ist er 2011 mit 49 Prozent der Stimmen demokratisch gewählt worden. Was ist so bedrohlich an 20-jährigen Studenten, die in einem Park zelten und von der Regierung als „marginale Gruppen“ bezeichnet werden? An Männern und Frauen, die schweigend auf Atatürk-Bilder starren?

Könnte es sein, fragen sie sich, dass der starke Erdogan in Wahrheit ein Kaiser ohne Kleider ist?

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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