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Türkei Der nächste Fall von „Geiseldiplomatie“

US-Pfarrer Brunson wird in der Türkei der Prozess gemacht. Ein Symbol der Entfremdung zwischen Washington und Ankara.

Fethullah Gülen
Erdogans Anhänger machen den in den USA lebenden Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich. Foto: rtr

Die Vorwürfe gegen den Mann im Gerichtssaal nahe der türkischen Mittelmeermetropole Izmir hören sich an wie in einem Prozess der einstigen päpstlichen Inquisition. Er soll Speisen serviert haben, die angeblich auch bei geheimen Treffen eines verfemten Islampredigers gereicht werden. Er soll den Plan verfolgt haben, ein christliches Kurdistan in der Türkei zu schaffen. Laut Auswertung seiner Handy-Daten soll er sich auffallend oft in der Nähe von Staatsfeinden aufgehalten haben. Beweise? Keine.

Der Mann heißt Andrew Brunson, stammt aus dem US-Bundesstaat North Carolina und ist Pastor einer Missionsgemeinde der christlichen Presbyterianer in Izmir. Er sitzt seit anderthalb Jahren im Gefängnis. In einem Schauprozess drohen ihm 35 Jahre Haft wegen angeblicher Spionage und der Unterstützung von Terrororganisationen. In den USA ist der Geistliche inzwischen zum Symbol der türkisch-amerikanischen Entfremdung geworden.

Vergangene Woche hat das Gericht entschieden, Brunson weiter in Untersuchungshaft zu belassen und seinen Prozess auf Juli zu vertagen. „Die heutigen elf Verhandlungsstunden wurden von wilden Verschwörungen, gequälter Logik und geheimen Zeugen beherrscht, aber echte Beweise wurden nicht vorgelegt“, schrieb Sandra Jolley, die als Beobachterin angereiste Vizevorsitzende der Washingtoner Kongresskommission für Religionsfreiheit, in einer Presseerklärung. Brunson sei sogar daran gehindert worden, Zeugen zu seiner Verteidigung anhören zu lassen.

Der republikanische US-Senator Thom Tillis aus North Carolina hat inzwischen einen von 66 Senatoren unterzeichneten Brief an den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verfasst, indem die Vorwürfe gegen den Pastor als „absurde Sammlung anonymer Anschuldigungen und Eingebungen aus dem Reich der Fantasie“ bezeichnet werden. Ende April brachte Tillis zudem einen Gesetzesvorschlag im Kongress ein, der den Verkauf von rund hundert F-35-Kampfbombern in den nächsten Jahren an die Türkei verbieten soll. Inzwischen sind die Chancen für dessen Annahme gestiegen. „Ich glaube, es steht außer Zweifel, dass Pastor Brunson als politisches Druckmittel festgehalten wird“, sagt der Türkei-Experte Howard Eissenstat von der St.-Lawrence-Universität in New York. „Geiseldiplomatie ist das korrekte Wort für diese Politik.“

Erdogan hat den Erpressungsversuch offen eingeräumt

Im Fall Brunsons hat Erdogan den Erpressungsversuch offen eingeräumt. Im September empfahl er den Austausch des Pastors gegen seinen Erzfeind, den in den USA lebenden türkischen Islamprediger Fethullah Gülen, dem er vorwirft, Hintermann des gescheiterten Putschversuchs vom Juli 2016 zu sein: „Gib einen Pastor, nimm einen Pastor.“ Die US-Regierung lässt sich bisher darauf nicht ein; amerikanische Spitzenpolitiker fordern seit Monaten Brunsons Freilassung. „Sie nennen ihn einen Spion, aber ich bin eher ein Spion als er“, twitterte US-Präsident Donald Trump im April und nannte Brunson „einen feinen Gentleman und christlichen Anführer in den Vereinigten Staaten“, der „ohne Grund verfolgt“ werde.

Die türkischen Behörden verhafteten Brunson im Oktober 2016, doch eine Anklageschrift erhielt er erst im März. Darin werden ihm Spionage sowie Mitgliedschaft und Propaganda für die islamische Gülen-Bewegung und die kurdische Guerillaorganisation PKK vorgeworfen – zwei Gruppen, die sich spinnefeind sind. „Die Anklage gegen Brunson beruft sich auf Schuld durch willkürliche Zuordnung und die Aussage geheimer Zeugen“, sagt der Politikwissenschaftler Eissenstat. „Aber selbst auf diesem platten Niveau reichen die Beweise gegen Brunson von nicht existent bis absurd.“

Brunson, der seit 22 Jahren in der Türkei lebt, hat nie einen Hehl aus seiner Missionstätigkeit gemacht, die weitgehend erfolglos blieb. Seine Kirche ist ein kleiner Raum im zweiten Stock eines Mietshauses in Izmir, seine Gemeinde hatte nie mehr als 40 Mitglieder. In der ersten Verhandlungswoche im April räumte er ein, dass er oft in den mehrheitlich kurdischen Südosten reiste, um dort syrische Flüchtlinge zu betreuen.

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