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Türkei am Abgrund Erdogan ist „bereit zum Krieg“

Mit Drohungen an die Adresse der USA reagiert der türkische Präsident Erdogan auf den dramatischen Verfall der Lira - das ist auch ein Zeichen von Hilflosigkeit.

Erdogan
„Auf der einen Seite seid ihr ein strategischer Alliierter und auf der anderen schießt ihr uns in den Fuß. Ist das akzeptabel?“ Foto: AFP PHOTO / TURKISH PRESIDENTIAL PRESS SERVICE / KAYHAN OZER

Staatschef Erdogan verstärkte die Befürchtungen in mehreren Reden vor Anhängern seiner islamistischen Regierungspartei AKP am Wochenende. Darin warf er dem Nato-Partner USA „Respektlosigkeit“ vor und beschuldigte ihn, den Putschversuch von 2016 gegen seine Regierung jetzt mit ökonomischen Mitteln zu wiederholen. Er drohte damit, dass die Türkei sich neue Freunde und Allianzen, etwa mit Russland und China, suchen werde. Am Montag verschärfte er den Ton weiter und sagte vor Botschaftern in Ankara, die Türkei sei „bereit zum Krieg“. „Auf der einen Seite seid ihr ein strategischer Alliierter und auf der anderen schießt ihr uns in den Fuß. Ist das akzeptabel?“

Obwohl er behauptet, es gebe keine Wirtschaftskrise, forderte er einheimische Unternehmer in drohendem Ton auf, keine Lira in Dollar oder Euro zu tauschen, keine Waren im Lager zurückzuhalten und keinesfalls Bankrott anzumelden. Es sei nicht nur die Pflicht der Regierung, die Nation am Leben zu erhalten – „es ist auch die Pflicht der Industriellen und der Händler“. Erneut rief er seine Landsleute dazu auf, ihre Dollar- und Euro-Ersparnisse in Lira umzutauschen.

Türkischer Außenminister offen für Gespräche

Der Lira-Absturz hatte am Sonntag bereits dazu geführt, dass Wechselstuben in Istanbul ihr Geschäft einstellten und sich lange Schlangen vor einigen Geschäften bildeten. Die großen türkischen Fernsehsender, die sämtlich von der Regierung kontrolliert werden, stoppten ihre Wechselkursanzeigen. Das türkische Innenministerium teilte am Montag mit, die Justiz werde ab sofort gegen negative Kommentare zur Wirtschaft in Nachrichten und sozialen Netzwerken vorgehen, was einer Nachrichtensperre gleichkommt.

Hauptgrund der Krise ist neben der überhitzten Wirtschaft und fehlenden Unabhängigkeit der Zentralbank die Weigerung der Türkei, den wegen angeblicher Terrorvergehen inhaftierten US-Pastor Andrew Brunson und 15 weitere US-Bürger und türkische Mitarbeiter der US-Botschaft freizulassen. Mit seinen Strafzöllen hat Trump nun den Druck auf Ankara stark erhöht.

Ungeachtet der konfrontativen Sprache war eine türkische Regierungsdelegation vergangene Woche zu Verhandlungen nach Washington gereist, aber unverrichteter Dinge heimgekehrt – laut „Washington Post“ konnte kein einziges Delegationsmitglied fließendes Englisch. Am Montag zeigte sich der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu offen für neue Gespräche mit den USA. Die Türkei sei an einem Konsens interessiert, sagte er laut der staatlichen Agentur Anadolu.

Die Lage erinnert viele Türken an die schwere Währungskrise von 2001, in deren Folge Erdogans AKP an die Macht kam. Damals unterwarf sich das Land den wirtschaftspolitischen Reformforderungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), der die Ökonomie mit Milliardenkrediten stützte. Erdogan lehnt es bislang aber klar ab, sich erneut an den IWF zu wenden. Denn das bedeute, „die politische Unabhängigkeit“ aufzugeben. (mit dpa)

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