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Türkei Ahmet Altans Weltreise aus dem Gefängnis

Die FR würdigt auf der Buchmesse den inhaftierten türkischen Schriftsteller Ahmet Altan. Er sitzt wegen seiner Arbeit als Autor seit mehr als einem Jahr in Haft.

Wahrheitskämpfer
Das Porträt der Illustratorin Christine Krahé ist Teil des Projekts „Wahrheitskämpfer“. Eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern zeichnet seit 2015 Porträts ermordeter und inhaftierter Journalisten aus der ganzen Welt und zeigt sie in einer Wanderausstellung. Infos: www.wahrheitskaempfer.de.

Der türkische Journalist und Schriftsteller Ahmet Altan kann nicht zur Frankfurter Buchmesse kommen. Der Grund ist so simpel wie tragisch: Er sitzt wegen seiner Arbeit als Autor in Haft, noch immer, auch mehr als ein Jahr nach seiner Festnahme und trotz internationaler Proteste. Angeblich soll Ahmet Altan in einer Fernsehdiskussion am Vorabend des Putschversuchs in der Türkei „subtile Botschaften“ zugunsten der Putschisten von sich gegeben haben.

Der 67-Jährige gehört zu den 15 türkischen Journalisten, für deren Freilassung sich die Frankfurter Rundschau in einer Solidaritätskampagne einsetzt. In einem Essay mit dem Titel „Das Paradox des Schriftstellers“, den er der FR zukommen ließ, beschreibt Altan seine Situation im Gefängnis Silivri bei Istanbul, in dem auch viele andere Intellektuelle einsitzen, etwa der Journalist Deniz Yücel oder der Menschenrechtler Peter Steudtner aus Deutschland.

Altan fulminant vor Gericht

„Bevor Ihr für mich die Trompeten des Mitgefühls erklingen lasst, hört bitte zu, was ich euch zu erzählen habe“, heißt es in dem Text von Ahmet Altan, den seine Unterstützerin Selver Erol für die FR übersetzt hat. „Ja, ich sitze in einem trostlosen Hochsicherheitsgefängnis. Ja, ich sitze in einer Zelle, deren Tür mit eisernen Geräuschen auf und zu geht. Ja, sie überreichen mir mein Essen durch einen kleinen Schlitz an der Tür. Ja, sogar der kleine Steinhof, in dem ich paar Schritte hin und her laufen darf, ist mit einem Stahlgitter bedeckt.“

Das alles sei „wahr, aber das ist nicht die ganze Wahrheit“. Dann fährt Altan fort: „Während die ersten Sonnenstrahlen morgens im Sommer wie gläserne Speere durch die nackten Gitter auf mein Kissen scheinen, höre ich das verspielte Zwitschern von Zugvögeln, die unter der Dachrinne ihre Netze gebaut haben. Ich lausche den Schritten von anderen Gefängnisinsassen in benachbarten Höfen, wie sie die leeren Plastikflaschen vor sich her schießen oder zertreten. Warum, weiß ich nicht wirklich, aber ich male mir aus, dass ich mich in einer Villa mit einem großen Garten, in dem ich groß geworden bin, befinde oder in einem Hotel in Frankreich, in dem der Film ,Das Mädchen Irma La Douce‘ spielt.“

Ahmet Altan sitzt in dem gleichen Gefängnis ein wie sein Bruder Mehmet, ein Wirtschaftswissenschaftler und Zeitungskolumnist. Beide sind die Söhne des 2015 verstorbenen Journalisten Çetin Altan, der ebenfalls aus politischen Gründen inhaftiert war. Vater Altan war einer der ersten sozialistischen Parlamentsabgeordneten gewesen. Er wurde nach einem rechtsgerichteten Putsch im Jahr 1971 festgenommen. Ein Jahr später erschien sein Roman „Die große Haft“, in dem er dieses Erlebnis verarbeitet hat. Nun wiederholt sich die Geschichte bei seinen Söhnen.

Mit einem fulminanten Plädoyer trat Ahmet Altan im Juni vor Gericht auf. Seine Verteidigungsrede wurde zu einer geschliffen scharfen Anklage. Sie wurde inzwischen unter dem Titel „Ein Porträt der Anklage als juristische Pornografie“ gedruckt. Im September konnte sich Ahmet Altan erneut vor Gericht zu Wort melden in einer Rede, die der Frankfurter Rundschau vorliegt. Darin wandte sich der Inhaftierte direkt an seine Richter.

„Es sind die Richter, die einen Staat von einer bewaffneten Bande unterscheidet“, sagte er. „Was aber macht aus diesem so lebenswichtigen Richter einen Richter? Es ist weder sein oder ihr Diplom noch die Robe. Was einen Richter zum Richter macht, ist seine Ehrlichkeit und der Glaube der Menschen an diese Ehrlichkeit. Wenn ein Richter lügen würde, würde er seine Qualifikation als Richter verlieren. Wenn ein Staat das akzeptieren würde, würde er als Staat zerstört.“ Dann führt Altan die angeblichen Beweise gegen ihn an. Sie beruhen auf Handlungen von Menschen, die er angeblich gekannt haben soll, und auf seiner vorgeblichen Arbeit für Publikationen, für die er zu dem Zeitpunkt gar nicht mehr tätig war.

„Wenn Sie uns weiter vor Gericht stellen und einsperren ohne jeden Anhaltspunkt für eine Straftat, dann zerstören Sie die Justiz und den Staat“, wandte sich Altan an das Gericht. „Sie werden damit eine schwere Straftat begehen.“

Da Altan nicht persönlich zur Frankfurter Buchmesse kommen kann, erinnert die Frankfurter Rundschau heute im Gespräch mit Hans Jürgen Balmes vom Fischer Verlag an den türkischen Autor und seine Inhaftierung. Das Gespräch beginnt um 12.30 Uhr am FR-Stand (Halle 3.1, Stand C48). Balmes ist Programmleiter für internationale Literatur im S. Fischer Verlag.

Ahmet Altan kann nicht dabei sein, doch in gewisser Weise wird er gegenwärtig sein. „Ihr könnt mich ins Gefängnis stecken, aber ihr könnt mich nicht einsperren“, schreibt er in seinem Essay. „Beflügelt in meinem grenzenlosen Gedächtnis, bin ich in meiner Phantasie auf einer Weltreise. Ich habe überall in der Welt Freunde, die meisten von ihnen kenne ich nicht mal, aber sie helfen mir bei meinen Reisen. Die Augen, die meine Schriften lesen, die Stimmen, die meinen Namen aussprechen, halten meine Hand wie eine kleine Wolke und lassen mich über die Ebenen, über die Quellen, über die Wälder, über die Meere, über die Städte und über Straßen fliegen. Aus der Gefängniszelle heraus bereise ich die ganze Welt.“

 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Journalisten in Haft

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