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Tschetschenien Die Rückkehr der Blutrache

Unter dem Machthaber Ramsan Kadyrow wird die Blutrache in Tschetschenien wieder gesellschaftsfähig. Betroffen ist unter anderem ein prominenter Kampfsportler.

Hat die Blutrache wieder gesellschaftsfähig gemacht: Diktator Ramsan Kadyrow (links). Foto: © STR New / Reuters (X80002)

Szenen wie im Kino: Vor dem Gebäude des Staatsanwaltschaft im russischen Brjansk tauchen am Dienstag tschetschenische Polizisten in Zivilkleidung auf, begleitet von einem Spezialkommando mit Tarnmasken. Sie wollen offenbar den Kampfsportler Murad Amrijew nach Tschetschenien schaffen. Der Weltmeister im Mixed Martial Art springt aus dem Gebäude, steigt in einen bereitstehenden Lada ein, der Wagen rast davon.

„Wir wissen nicht, wo Murad jetzt ist“, sagt Sergej Babinjez, Jurist des nichtstaatlichen „Komitees zur Verhinderung von Foltern“ (russisch kurz KPP) der Frankfurter Rundschau. „Aber der Wagen unserer Mitarbeiter in Brjansk wird verfolgt.“ Amrijew war am Sonntag aus der Ukraine nach Russland eingereist und prompt wegen eines falschen Geburtsdatums in seinem Pass festgenommen worden. KPP-Mitarbeiter befürchten, dies sei nur ein Vorwand gewesen, um den tschetschenischen Sportler in Gewahrsam zu nehmen und an die Tschetschenen auszuliefern.

Nach Ansicht der Menschenrechtler drohen Amrijew in seiner Heimat Marter und Tod. Laut KPP war er schon 2013 in Grosny festgenommen worden, zwei Tage lang hätte man ihn verprügelt und mit Elektroschocks gefoltert.

Von der Polizei beschuldigt

Danach brachten Polizeibeamten ihn zu seinen Eltern und stellten ihnen ein Ultimatum: Murads älterer Bruder, der nach Deutschland emigriert war, müsse sich stellen, andererseits werde man Murad allein verantwortlich machen. „Ein hochgestellter Polizeioffizier wirft den Brüdern Amrijew vor, sie hätten einen Mordanschlag auf ihn geplant. Er hat ihnen deshalb Blutrache geschworen“, sagt Babinjez. „Als Kadyrow-Mann kann er seine Drohung ungestraft wahr machen.“ Ramsan Kadyrow ist der derzeitige Präsident der autonomen Republik Tschetschenien.

Murad Amrijew floh damals aus Tschetschenen in die Ukraine. Er ist nicht der einzige Tschetschene, dem ein Rachemord (Blutrache) droht. Nach einem schweren Verkehrsunfall im November 2016 etwa verließen alle männlichen Verwandten des Schuldigen, der selbst umgekommen war, ihr Heimatdorf Atschcha-Martan – aus Angst vor Blutrache. „Tschir“, wie sie die Tschetschenen nennen, gilt in der Kaukasusrepublik wieder als gesellschaftsfähig.

Kadyrows dubiose Rolle

Zwar gründete der kremltreue Ramsan Kadyrow 2010 eine Kommission zur Befriedigung aller Blutrachefehden. Aber im gleichen Jahr verkündete er selbst nach einem Überfall auf sein Heimatdorf Zentaroi dem nach London exilierten Separatistenführer Achmed Sakajew Blutrache. Dabei dürfen nach dem Adat, dem ungeschriebenen Ehrenkodex der Tschetschenen, nur die Familien der Opfer Blutrache ausrufen und vollstrecken, und nur an Tätern, deren Schuld einwandfrei bewiesen ist.

Im Dezember 2016 kündigten Angehörige von Polizisten, die bei einer Schießerei mit Islamisten in Grosny starben, ebenfalls Blutrache an. Danach wurden nach Angaben des Internetportals „Kawkaski Usjol“ mindestens drei verwundete Terrorverdächtige aus dem Krankenhaus verschleppt und ermordet – obwohl der „Adat“ Blutrache an Verwundeten verbietet, sowie an Nichtmuslimen oder Kriegsgegnern. Nach Einschätzung von Experten dient „Tschir“ immer häufiger zur Bemäntelung gewöhnlicher Gewaltverbrechen. „Eine Tradition, die innere Logik und Regulierung besaß, ist zur Selbstjustiz missraten“, klagt die Ethnologin Naima Neflaschewa.

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