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Tschernobyl Ein Sarkophag, größer als der Kölner Dom

Einen explodierten Atomreaktor zu sichern, abzubauen, unschädlich zu machen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Die Strahlenruine von Tschernobyl wird voraussichtlich erst 2017 wirklich sicher eingeschlossen sein.

Über 100 Meter hoch und 30 000 Tonnen schwer: der Bogen, der Reaktor 4 überspannt. Foto: dpa

Die Besucher kommen in ganz normalen Reisebussen. Sie fahren in die Sperrzone hinein, an der AKW-Ruine vorbei und parken in der nahegelegenen Plattenbau-Geisterstadt Pripjat, die seit 30 Jahren verfällt. Es sind Wissenschaftler, ehemalige Bewohner, die im April 1986 das letzte Mal hier waren, aber auch junge Leute aus der 100 Kilometer entfernten Hauptstadt Kiew, die den Tschernobyl-Kick suchen. Seit 2014 sind auch immer wieder Japaner dabei, die sehen wollen, wie es in der Region um Fukushima in 25 Jahren aussehen könnte und was aus den Erfahrungen mit dem Super-GAU in der Ukraine gelernt werden kann.

Lernen kann man vor allem eines: Einen explodierten Atomreaktor zu sichern, abzubauen, unschädlich zu machen, ist eine Jahrhundertaufgabe. Außerdem sündteuer. Bereits drei Jahrzehnte ist es her, seitdem die Reaktorfahrer in Tschernobyl einen gefährlichen Sicherheitstest durchführten und dadurch im Reaktor Nummer 4 den ersten Super-GAU der Geschichte auslösten, der ganz Europa in Angst und Schrecken versetzte. Zwar droht inzwischen keine neue Kernschmelze mehr; der letzte noch betriebene Reaktor der Anlage wurde 2000 abgeschaltet. Doch die Strahlenruine wird voraussichtlich erst 2017 erstmals wirklich sicher eingeschlossen sein – nämlich durch einen neuen „Sarkophag“, der dann über die Anlage gezogen werden soll.

Mehrere Tausend Menschen arbeiten derzeit auf dem Kraftwerksgelände. Ihre Jobs sind vielfältig. Sie überwachen die Stromversorgung der Anlage, sie machen Messungen für den Strahlenschutz, sie bauen neue Gebäude, darunter ein Zwischenlager für Atommüll. Unter anderem müssen sie dafür sorgen, dass kein radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kühlbecken für abgebrannten Brennstoff in den Fluss Dnjepr gelangt, der in der Nähe von Tschernobyl vorbeifließt und aus dem die Millionenstadt Kiew ihren Trinkwasserbedarf speist. Am spektakulärsten sind die Arbeiten, die auf der Westseite von Reaktor 4 stattfinden, abgeschirmt hinter einer dicken Mauer aus Stahlbeton. Hier montieren Ingenieure und Arbeiter das gigantische Schutzdach für den havarierten Reaktorblock, den neuen „Shelter“, „New Safety Confinement“ genannt.

Grund ist die Baufälligkeit des ersten Sarkophags. Ihn hatten Bautrupps in den Tagen und Wochen nach dem Beginn der Katastrophe um die völlig zerstörte Block-4-Ruine gemauert und betoniert. Die Konstruktion, der Regen, Schnee und Frost zusetzten, ist seit Jahren einsturzgefährdet. Ein Kollaps dieser Hülle hätte gravierende Folgen, denn im Innern des Sarkophags befindet sich auch heute noch ein riesiges radioaktives Inventar. Gewaltige Mengen von radioaktivem Staub würden zumindest die nähere Umgebung erneut verseuchen, wenn die viele Tonnen schweren Bauteile in die Reste des Reaktorkerns fallen würden. Vor allem die Arbeiten auf dem Kraftwerksgelände, wo noch immer Tausende bestrahlte Brennelemente lagern, würden erschwert.

Mit dem „New Safety Confinement“ wird für über zwei Milliarden Euro eines der größten Bauwerke Europas entstehen, seine Grundfläche ist deutlich größer als der Kölner Dom – mit 257 Metern Spannweite und 162 Metern Länge, die Höhe beträgt 108 Meter. Das gigantische Dach auf Stahlkonstruktion soll im Herbst fertig sein. Die 35 000 Tonnen schwere Kuppel wird dann laut Plan auf Schienen an Ort und Stelle gezogen, zehn Meter pro Tag, insgesamt über einige Hundert Meter. Fixiert wird die tonnenartige Konstruktion auf Betonpfeilern, die 18 Meter tief in der Erde gegründet sind. Zuletzt werden vorne und hinten die Seitenteile angebracht. Wichtig ist, dass die doppelwandige Schutzhülle absolut dicht ausgeführt wird, um die Luft zwischen den beiden Hüllen klimatisieren und relativ trocken halten zu können. Damit wollen die Konstrukteure verhindern, dass der Stahl korrodiert. Der neue Sarkophag ist nämlich auf eine Standzeit von rund 100 Jahren ausgelegt. Gebaut wird die Konstruktion von dem französischen Baukonsortium Novarka.

Die Gesamtkosten von über zwei Milliarden Euro tragen vor allem westliche Geberländer, aber auch Russland hat sich beteiligt. Deutschland ist mit insgesamt rund 300 Millionen Euro dabei. Dabei stand der Weiterbau des Projekts wegen Kostenexplosionen mehrfach in Frage. Die Fertigstellung kommt nun in Sicht, weil sich 2015 eine Geberkonferenz in London einigen konnte, eine weitere große Geldspritze aufzuziehen – mit immerhin 615 Millionen Euro.

Doch das Schließen der neuen Hightech-Hülle ist längst nicht das Ende des Tschernobyl-Aufräumjobs. Vielmehr fängt er dann erst richtig an. Die Atomruine soll zurückgebaut werden, beginnend mit den instabilen Teilen des alten Sarkophags. Um die schweren Teile bewegen zu können, sind im Innern des „New Safe Confinement“ zwei große Kräne vorgesehen. Allerdings können die Trümmer wegen der hohen Strahlung nur ferngesteuert zerlegt und beseitigt werden.

Richtig ans Eingemachte geht es, wenn auch die Reste des geschmolzenen – und extrem stark strahlenden – Reaktorkerns aus der Anlage geholt werden sollen. So etwas ist bisher noch nirgends auf der Welt gemacht worden. Nach der teilweisen Kernschmelze im US-AKW Harrisburg 1979 dauerte die Beseitigung 14 Jahre, doch in diesem Fall waren die wesentlichen Strukturen des Reaktors noch intakt. In Tschernobyl ist das Gegenteil der Fall – gigantische Explosionen und Graphitbrände haben dort das Innere der Anlage komplett zerstört.

Umso erstaunlicher, dass der Vizedirektor des AKW Tschernobyl, Valery Seida, glaubt, bereits ein genaues Enddatum für die Aufräumarbeiten angeben zu können. Die Demontage werde „2064 abgeschlossen sein“, sagte er jüngst bei einem Besuch von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) auf der Anlage. Andere Nuklearexperten haben da Zweifel. „Eine solche Festlegung ist mehr als ambitioniert“, sagt Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt. Das könne auch länger dauern. „Viel länger.“

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