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Tschad Bitterarm und unfrei

Im Vergleich zu seinen Nachbarländern gilt der Tschad bislang als politisch stabil. Doch das ändert sich: Die Opposition beklagt die wachsende Einschränkung von Grundrechten.

23.11.2017 18:04
Katrin Gänsler (kna)
Tschad
Viehmarkt in der Hauptstadt N’Djamena. Der Tschad steckt tief in einer Wirtschaftskrise. Foto: afp

Ich möchte lieber nicht am Telefon darüber sprechen.“ Der knappe Satz ist im zentralafrikanischen Tschad häufig zu hören. Er macht deutlich, was in dem Land mit seinen gut 14 Millionen Einwohnern gerade politisch passiert. Menschenrechtler und Oppositionelle haben Sorge, dass Telefonate abgehört werden. Auch bei Treffen wird genau beobachtet, ob jemand am Nachbartisch das Gespräch verfolgt.

Es ist eine Entwicklung, die Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International besorgt. In ihrem Tschad-Bericht „Zwischen Rezession und Repression“ kommt sie zu dem Ergebnis, dass 65 Organisationen friedliche Proteste verweigert wurden. Zehn regierungskritische Internetseiten wurden blockiert und Regierungskritiker verhaftet.

Ein ähnlich ernüchterndes Fazit zieht die Nichtregierungsorganisation Freedom House mit Sitz in Washington, die Demokratieentwicklung weltweit untersucht. Den Tschad stufte sie 2017 als „nicht frei“ ein. Er erhielt nur 18 von 100 Punkten. Damit liegt das Land selbst im zentralafrikanischen Vergleich im unteren Drittel.

„Die Menschen sind sehr eingeschüchtert. Die Freiheiten, die wir noch vor einigen Jahren hatten, werden weiter eingeschränkt“, sagt in der Hauptstadt N‘Djamena Beral Mbaikoubou, der seit 2011 für die Oppositionspartei „Bewegung der tschadischen Patrioten für die Republik“ (MPTR) in der Nationalversammlung sitzt. „Niemand glaubt mehr an demokratische Mechanismen im Tschad“, lautet auch das Resümee von Helga Dickow, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg und Tschad-Expertin. Sie erlebt außerdem, dass gerade junge Menschen darüber sehr erbost seien.

Neben der Beschränkung der Meinungsfreiheit hat die Bevölkerung mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen, in der sich das Land seit Jahren befindet. Feste Arbeitsverhältnisse gibt es kaum noch. Selbst Staatsangestellten wurden im vergangenen Jahr die Gehälter bis um die Hälfte gekürzt.

Ölpreis-Verfall reißt Tschad in die Krise

Ein Grund für die Krise ist der Verfall des Ölpreises.  Der Tschad fing 2003 an, das schwarze Gold zu fördern. Doch von den anfänglichen Einnahmen ist im Land, das im Entwicklungsindex der Vereinten Nationen (UN) den drittletzten Platz belegt, nichts zu sehen. 

In ländlichen Regionen fehlt es an Strom- und Wasserversorgung. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei umgerechnet 776 Euro jährlich.

Dabei entwickelt sich ausgerechnet der Tschad gerade zum Geberliebling. Im aktuellen Entwicklungsfonds der Europäischen Union waren für den Tschad anfangs 442 Millionen Euro veranschlagt. Die Summe wurde mehrfach aufgestockt und liegt seit der Geberkonferenz von Paris im September bei 925 Millionen Euro. Doch nicht nur das: Nach den Verhandlungen erklärte Präsident Idriss Deby, der seit 1990 an der Macht ist, vor Medienvertretern, Zusagen über insgesamt 15,2 Milliarden Euro erhalten zu haben.

Warum der Tschad für Europa strategisch wichtig ist 

Das Interesse am Tschad hat einen strategischen Grund. Das Land gilt in der Region als stabil: „Im Vergleich zu den Nachbarn sind wir ein Hafen des Friedens“, sagt der katholische Erzbischof von N‘Djamena, Edmond Djitangar. Diese Situation weiß Präsident Deby zu nutzen. Ende Oktober beteuerte er, der Tschad gewähre Terroristen keinen Unterschlupf. 

Als starker Partner im Kampf gegen die nigerianische Terrormiliz Boko Haram hat er sich schon früher präsentiert. In der aktuellen Blauhelm-Mission in Mali (Minusma) ist der Tschad mit 1 392 Soldaten drittgrößter Truppensteller.

Ein weiteres in Europa heiß diskutiertes Thema ist die Migration. Ende August einigten sich Deby und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron über sogenannte Asyl-Büros, mit deren Hilfe bereits in Afrika das Recht auf Asyl geprüft werden soll. Dabei handelt es sich zwar hauptsächlich um die 322 304 Flüchtlinge aus der sudanesischen Region Darfur, die zum Teil seit mehr als zehn Jahren im Tschad leben. Es soll aber auch „illegale Migration“ bekämpfen, worauf auch ein Teil der EU-Mittel abzielt.

Dabei wird Migration im Tschad selbst gar nicht als Thema wahrgenommen. Vielen Einwohnern fehlt schlichtweg das Geld dazu. Auch Arbeitsmigration ist weniger ausgeprägt als in anderen Ländern. In N‘Djamena hält sich Erzbischof Djitangar in der Frage bedeckt. Er sagt dazu nur knapp: „Man sieht sehr gut die Intention des einen und des anderen.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Tschad

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