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Trisomie 21 „Die Akzeptanz ist gut“

Ihr Sohn Rainer ist inzwischen 46 Jahre alt. Die Eltern, ein Frankfurter Elternpaar, erzählen von schweren Zeiten – aber auch davon, dass das Verständnis für Menschen mit Down-Syndrom gewachsen ist.

Familie Oertl im heimischen Garten. Foto: Boeckheler

Viele kennen den Oertl-Karl noch aus dem Fernsehen: Über 20 Jahre war der heute 73-Jährige als Sitzungspräsident in „Hessen lacht zur Fassenacht“ zu sehen und noch immer ist er in der Bornheimer Karnevalsgesellschaft von 1901 aktiv. Oertl hat es auch geschafft, „seinen“ Rainer zum Prinzen zu machen: Als Rainer I. durfte er in Begleitung seiner Freundin, Alexandra I., eine Sitzung leiten. Es dürfte das bundesweit erste Prinzenpaar mit Down-Syndrom gewesen sein.

46 Jahre alt ist Rainer Oertl heute, lebt in einem Wohnheim, arbeitet in einer Werkstatt, verbringt die Wochenenden bei den Eltern im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim, wo er quietschvergnügt ins Schwimmbad steigt: „Heut’ Nacht geh’ ich wieder nackich baden“, sagt er oft und tut es auch, erzählen die Eltern, die nicht gerade in Geld schwimmen.

Aber der Swimmingpool musste sein. Im Stadtteil-Schwimmbad wurde Helga Oertl von einer Besucherin angesprochen: „Mit einem behinderten Kind geht man nicht ins Schwimmbad. Bleiben Sie daheim“, soll sie gesagt haben. Helga Oertl hat geheult, Karl Oertl die „letzten Groschen zusammengekratzt“ und den Pool in Auftrag gegeben.

„Ja, das waren damals noch schwere Zeiten“, sagen die Eltern. Rainer wurde als dritter Sohn geboren, was das Down-Syndrom ist, wusste das Ehepaar bis dahin nicht. Ihnen wurde gesagt, ihr Sohn sei behindert und werde höchstens zwölf, später hieß es dann 18 Jahre alt.

Das mit der geringen Lebenserwartung hat für Karl Oertl etwas mit jener Einstellung zu tun, die noch durch die Nazis geprägt gewesen sei. Im Bergen-Enkheim der 60er-Jahre seien Behinderte nicht erwünscht gewesen. Kinder mit dem Down-Syndrom seien „an fehlender Liebe und Zuwendung gestorben“.

Nicht nur die Eltern – auch Rainer selbst ist inzwischen in die Jahre gekommen: Er sei biologisch 20 Jahre älter als die 46 durchlebten Jahre, sagen sie. Und er wird vergesslicher. Theoretisch könnte er seine Eltern beim Älterwerden überholen. Dabei ist er eigentlich ein großes Kind geblieben, den Eltern aber umso mehr ans Herz gewachsen. „Ich habe die besten Eltern der Welt!“, lobt er sie häufig. Aber wenn er sich ärgert, etwa weil ihn die Mama zum Aufräumen verdonnert, droht er, sich andere Eltern zu suchen.

Auch lässt er sich nicht gern vorschreiben, wie viel er essen soll. Derzeit bringt er mit seinen 1,56 Metern 81 Kilo auf die Waage. „Frustessen“ nennt die Mutter das Verlangen nach mehr Nahrung als der Körper braucht. Die Trennung von Freundin Alexandra scheint noch immer nicht überwunden. Gern investiert er sein Taschengeld in Limonade und Bonbons, die er sich vom Kiosk holt. Die Eltern wollen da nicht eingreifen, eine gewisse Selbstständigkeit sei wichtig.

Sie selbst haben sich viele Jahre lang in dem Verein „Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen“ engagiert, organisieren zum Beispiel Feste. Oertl kennt viele Künstler und holt auch mal den einen oder anderen Eintracht-Spieler an Bord. Die Arbeit habe sich gelohnt, das Verständnis für Menschen mit Down-Syndrom sei gewachsen. „Die Akzeptanz ist gut.“

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