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Tripolis Libysche Milizen kämpfen um Vorherrschaft

In der Hauptstadt Tripolis toben die schwersten Gefechte seit Jahren. Auch mächtige Clans der Metropole werden angegriffen.

Schäden nach Angriffen auf Tripolis
Dutzende Menschen haben im Granatenhagel bereits ihr Leben verloren. Foto: rtr

Endlich schien Libyen auf einem besseren Weg. Für Dezember hatten die Vereinten Nationen im ganzen Land „glaubwürdige und friedliche“ Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ins Auge gefasst. Eine Reihe westlicher Botschaften in Tripolis wagen zum ersten Mal seit Jahren wieder einen vorsichtigen Normalbetrieb. Denn bewaffnete Reibereien rivalisierender Milizen waren eher selten geworden – bis vor einer Woche das Chaos mit voller Wucht zurückkehrte. 

Seitdem wird die libysche Hauptstadt, Sitz der international anerkannten Regierung der Nationalen Einheit (GNA), von Gewehrfeuer und Raketensalven erschüttert. In den Straßen liefern sich rivalisierende Milizen erbitterte Gefechte. Die Regierung rief „wegen der Gefahr der aktuellen Lage und zum Wohle der Bevölkerung“ den Ausnahmezustand aus, „um Zivilisten, öffentliches und privates Eigentum sowie wichtige Institutionen zu schützen“, wie es in der Proklamation hieß.

Milizenverbände kämpfen um Vorherrschaft

Ausgebrochen waren die Gefechte vor einer Woche in verschiedenen Vororten, wo mächtige Milizenverbände um die Vorherrschaft in der Hauptstadt und um die Kontrolle der lukrativen Schattenwirtschaft kämpfen. Auf der einen Seite steht die so genannte „Siebte Brigade“ aus Tarhuna, einer Stadt 65 Kilometer südlich von Tripolis, die von Muhsen Al-Kani befehligt wird. Zu deren Gegnern gehört die „Revolutionäre Brigade von Tripolis“ (TRB), die ihr Hauptquartier in der Al-Jarmuk-Kaserne im Süden der Hauptstadt hat und die von Haitham Al-Tajuri kontrolliert wird. Mit ihr verbündet ist unter anderen die mächtige Nawasi-Brigade, die der Kaddur-Familie gehört. Eigentlich unterstehen alle verfeindeten Kontrahenten der Einheitsregierung GNA, entweder dem Innenministerium oder dem Verteidigungsministerium.

Doch die Milizenverbände außerhalb von Tripolis, wie die „Siebte Brigade“, verfolgen mit wachsendem Ingrimm, wie sich die mächtigen Clanchefs in der Hauptstadt immer ungehemmter an den staatlichen Gütern bereichern. Die TRB sei der „Islamische Staat des öffentlichen Geldes“, höhnte die „Siebte Brigade“ vor ihrer Offensive und kündigte an, man werde das Land „von solchen Leuten säubern“. 

„Die Profite aus dieser Kaperung des Staates gehen an weniger bewaffnete Gruppen als bisher“, urteilt Wolfram Lacher, Libyen-Experte der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ in Berlin. Dadurch sei eine sehr gefährliche Situation entstanden, „weil dies mächtige bewaffnete Kräfte vom Zugang zu Staat und Verwaltung ausschließt“. Diese Verlierer würden nun Allianzen bilden gegen das Kartell der „großen Milizen“ von Tripolis, so Lacher. Entsprechend sind bisher alle Versuche von Regierungschef Fayez al-Sarraj gescheitert, die verfeindeten Gegenspieler durch regierungstreue Kampfverbände aus den Städten Sintan und Misrata räumlich zu trennen. 

Mehr als 40 Menschen kamen in den vergangenen Tagen ums Leben, mehr als 100 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums verletzt, viele von ihnen verloren Arme oder Beine durch Granatentreffer. Mehrere tausend Einwohner wurden obdachlos, weil sie sich aus den umkämpften Wohnvierteln in Sicherheit bringen mussten. 

Der einzige noch funktionierende Flughafen der 2,5-Millionen-Stadt, der ehemalige Militärairport Mitiga, wurde geschlossen, so dass der Luftverkehr nach Tripolis bis auf Weiteres unterbrochen ist. Anfliegende Maschinen leitete die Flugsicherung in das 200 Kilometer entfernte Misrata um. Der große internationale Zivilflughafen im Süden von Tripolis ist bereits seit den letzten schweren Kämpfen von 2014 völlig außer Betrieb. 

Zusätzlich angeheizt wurden die Wirren durch einen spektakulären Gefängnisausbruch. 400 Häftlinge, darunter gewöhnliche Kriminelle, aber auch verurteilte Funktionäre des früheren Gaddafi-Regimes, konnten aus dem Ain-Sara-Gefängnis im Süden der Hauptstadt entkommen. Die Männer hätten nach einer Meuterei die Tore öffnen und fliehen können, teilte die Polizei mit.
UN-Generalsekretär Antonio Guterres verurteilte das Blutvergießen und rief alle Seiten auf, die Kämpfe zu beenden – ein Appell, dem sich auch die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Italien anschlossen. Die vier Staaten werteten die Unruhen als „Versuch, die rechtmäßigen libyschen Institutionen zu schwächen und den politischen Prozess zu behindern“. Sie kündigten an, alle zur Verantwortung zu ziehen, „die Frieden, Sicherheit und Stabilität Libyens zerstören“. 

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