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Transsexualität Die Verwandelten

Die Suche nach der eigenen sexuellen Identität: Transsexuelle sind Menschen, die im falschen Körper geboren werden. Einige von ihnen schaffen es, zu sich selbst zu finden.

08.11.2011 19:00
Petra Pluwatsch
Deborah Reinert (l.) lebte früher in einem Männerkörper. Vom Gefühl her war sie immer eine Frau. Louis Rossner (r.) wurde in einem Frauenkörper geboren und wollte da vor elf Jahren raus. Foto: Marla Schnee, WAZ FotoPool/Gerd Wallhorn

Deborah Reinert ist eine große Frau. Die schwarze Jeans sitzt eng, das T-Shirt spannt über den Brüsten. Langes, dunkles Haar fällt ihr glatt über Rücken und Schultern, das Gesicht ist dezent geschminkt. An den kräftigen Fingern stecken mehrere Silberringe.„F“ steht in ihrem neuen Reisepass. F wie Female. F wie feminin. F wie Frau.

Vor einem Jahr stand dort noch ein „M“. M wie Male. M wie maskulin. M wie Mann. Inzwischen hat Deborah Reinert, 44 Jahre alt, im Saarland geboren, ihren Personenstand von männlich zu weiblich ändern lassen. „Ich habe mich nie als Mann gefühlt“, sagt die Rechtsanwältin und schlägt lässig die langen Beine übereinander. „Die Biologie hat nichts mit dem eigenen Empfinden zu tun.“ Ihre Stimme klingt dunkel und tief, die Hüften sind schmal, die Schultern breit. Daran können auch die Hormonspritzen nichts ändern, die sie einmal im Monat bekommt.

„Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau im Körper eines Mannes“

Deborah Reinert ist Rechtsanwältin in Köln und vertritt bundesweit Menschen, die so sind wie sie selber: transsexuell. Sie versucht zu erklären, wie es ist, wenn Innen und Außen nicht zueinanderpassen. „Das trägt man von Anfang an in sich, auch wenn man es als Kind noch nicht benennen kann“, sagt sie. Die Eltern seien „eher liberal“ gewesen, das war ein Glück. „Denen war es egal, wenn ich als Junge mit Puppen spielte.“

In der Pubertät findet sie, die ihren früheren, ihren männlichen Vornamen nicht geschrieben sehen möchte, Madonna und Cher toll. „Aber ich habe sie nicht in meiner Rolle als Mann begehrt“, betont sie. „Ich wollte so sein wie sie.“ Denn ansonsten interessiert sie sich nur für Jungs, denkt, sie sei homosexuell. Ein Zeitungsbericht über Transsexualität habe sie schließlich auf die richtige Spur gebracht, erzählt Deborah Reinert, und fast meint man, ihr noch heute, 30 Jahre später, die Erleichterung über diese Entdeckung anzumerken. „Da wusste ich, das könnte auch auf mich zutreffen. Ich bin kein Mann. Ich bin eine Frau im Körper eines Mannes“ – ein Schicksal, das sie mit nur wenigen Menschen teilt. Auf 50.000 Geburten in Deutschland kommt nach Schätzung von Medizinern ein Mensch, der sich nicht seinem biologischen Geschlecht zugehörig fühlt. Die Betroffenen indes vermuten, dass die Dunkelziffer weitaus höher liegt.

Eine Befreiung

Die Erkenntnis trifft sie hart. Enge Freunde helfen Deborah schließlich, das Chaos im Kopf zu sortieren. „So eine Geschichte“, sagt sie, „die kann man nicht allein lösen.“ Vor allem, wenn man noch ein Teenager ist. Irgendwann vertraut sie sich auch der Schwester an. Den Eltern gegenüber outet sie sich erst viele Jahre später, als sie sicher ist, dass sie offen als Frau leben wird. „Man handelt ja nicht sofort“, sagt sie.

Stückweise nur gibt sie in jenen Jahren ihre weibliche Identität preis. Zu mehr fehlt der Mut. „Ich habe erst mal gecheckt, ob die Leute cool sind, oder ob es für sie problematisch sein könnte, wenn ich es ihnen erzähle.“ Einige Freunde wenden sich ab. „Ich kann nicht sagen, ob das mit meiner Transsexualität oder mit anderen Dingen zu tun hatte“, sagt sie. Mit 21 zieht sie aus dem Saarland zum Jurastudium nach Köln. „Ich bin bewusst in eine größere Stadt gezogen, wo mich keiner kannte und wo ich mich neu erfinden konnte.“

1995 wechselt die Juristin im Rahmen ihres Referendariats nach New York. Hier, in der Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen- und Transgenderszene der Millionenstadt, nennt sie sich zum ersten Mal Deborah. Eine Befreiung? Sie lächelt. Dumme Frage. Natürlich war es das. „Irgendwann muss man schließlich anfangen, das zu leben, was man ist.“ Drei Jahre später, nach ihrer Rückkehr nach Köln , beginnt sie mit einer Hormonbehandlung und lässt ihren Vornamen ändern.

Zahlreiche Konflikte

„Ich habe 20 Jahre meines Lebens als Frau verloren“, konstatiert Deborah Reinert heute. 20 Jahre, in denen sie falsch sozialisiert worden sei und sich Erwartungen ausgesetzt habe, die sie nicht erfüllen konnte. Ihr Körper hat sich in Maßen ihrer weiblichen Identität angeglichen. Die Barthaare sind epiliert, die Haut wirkt durch die Hormonbehandlung weicher. Sie hat nicht das Gefühl aufzufallen, wenn sie durch die Stadt geht. Es schaut ihr auch niemand nach, als sie sich nach dem Gespräch wenig geschmeidig erhebt und von dannen geht.

Deborah Reinert ist eine von bundesweit zwei Rechtsanwältinnen, die als selbst Betroffene die Rechte Transsexueller vertreten. Knapp 60 Fälle aus dem gesamten Bundesgebiet sind seit Anfang dieses Jahres auf ihrem Schreibtisch gelandet. Die Bandbreite der Konflikte ist groß. Es geht um arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen, Mobbing durch Kollegen vor, während und nach der Geschlechtsangleichung, Probleme mit den Krankenkassen und der Auslegung des Transsexuellengesetzes.

Dieses Gesetz regelt, unter welchen Bedingungen eine Person, die sich „dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet“, ihren Vornamen und den Personenstand ändern lassen kann. Doch es ist mehr als 30 Jahre alt. Anfang dieses Jahres erst erklärte das Bundesverfassungsgericht einen Paragrafen für nicht mehr anwendbar. Wer seine Geschlechtszugehörigkeit ändern lassen wollte, der musste sich nach bisherigem Recht einer geschlechtsangleichenden Operation unterziehen. Das sei nicht hinnehmbar, befand das Bundesverfassungsgericht. Ein solcher Eingriff bedeute eine nicht gerechtfertigte Verletzung der Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung. Die Richter forderten daher, die Radikaloperation und die damit verbundene Sterilisation nicht mehr vorzuschreiben.

Nur die Verpackung ist anders, der Mensch ist gleich

Die gesellschaftliche Anerkennung Transsexueller ist ein Problem. „Man steckt uns schnell in die Schmuddelecke“, sagt Louis Rossner. Vor allem die Transfrauen, auffällig wegen ihre Größe und ihres männlichen Körperbaus, würden häufig schief angeguckt. „Wir Transmänner fallen nicht so auf. Innerhalb kurzer Zeit verschwinden wir in der Masse. Ein Bart im Gesicht, eine tiefe Stimme, und keiner merkt was.“

Entspannt sitzt der 52-Jährige in seiner Duisburger Wohnung: Sporthose, Muskelshirt. Die Füße stecken in braunen Crocs, ein Anflug von Bart verdunkelt das Kinn. Vor ihm liegt ein altes Foto. Es zeigt das Profil einer jungen Frau mit herben Gesichtszügen und einem kurzen Männerhaarschnitt. Wie er in seinem Leben als Frau hieß, mag Rossner nicht verraten. „Das ist vorbei.“

Vor acht Jahren hat er Christina geheiratet. Kennengelernt haben sie sich vor 25 Jahren, als Christina noch mit einem anderen Mann verheiratet war. Für sie war Louis immer ein Mann, auch als er noch einen Busen und keinen Penis hatte. „Die Verpackung ist heute anders, der Mensch ist der gleiche geblieben“, sagt sie.

Gemeinsam haben sie vor zehn Jahren in Duisburg „Transfamily“ gegründet, eine Informations- und Unterstützungsgemeinschaft für transsexuelle Menschen in NRW. Hier finden transsexuelle Männer und ihre Familien Rat und Hilfe.

Christina arbeitet als Ansprechpartnerin für die Angehörigen. Wie groß deren Not sein kann, weiß sie aus eigener Erfahrung. „Ich hätte vor elf Jahren dringend jemanden gebraucht, mit dem ich reden kann“, sagt sie. Damals beschloss Louis, seinen Körper seinem Empfinden anzupassen. „Ich dachte, das muss nicht sein“, erinnert sie sich. Louis sah das anders.

M wie Mann

Auch er spürt schon früh, dass er im falschen Körper steckt. „Es war, als würde ich unter einer Käseglocke hocken und schreien: Hallo, ihr da draußen, merkt ihr eigentlich nix. Aber keiner reagiert.“ Still und verdruckst sei er gewesen, in sich zurückgezogen, sagt er. „Ich habe mich nicht als angenehme Gesellschaft für andere Menschen empfunden.“ Schon mit 14 wird ihm klar, was mit ihm los ist. Doch es dauert viele Jahre, bis er weiß, was er machen soll. Vor elf Jahren dann ging es nicht mehr. „Ich dachte, entweder fährst du mit dem Auto vor die Wand oder du unternimmst etwas.“ Er sucht einen Therapeuten, der Erfahrung hat mit transsexuellen Menschen. Der bestätigt, was für Louis längst klar war, und gibt sein Okay für eine Hormonbehandlung. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse.

Von Woche zu Woche verändert sich Louis Körper. Die Stimme wird tiefer, die Stirn höher, auf den Armen, auf Brust und Rücken wachsen Haare. Eine frühere Arbeitskollegin erkennt ihn nicht bei einem zufälligen Treffen auf der Straße. Später wird von der Krankenkasse auch der Antrag auf eine operative Geschlechtsumwandlung genehmigt. Die Brüste werden entfernt. In einer weiteren Operation folgen Gebärmutter und Eierstöcke. Zuletzt wird ein Penis aufgebaut. In seinem Pass steht jetzt ein „M“. M wie Mann.

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