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Transplantation Bundestag beschließt Organspende-Gesetz

Der Bundestag hat eine umfassende Reform der Organspende in Deutschland beschlossen. Künftig werden alle Krankenversicherten ab 16 Jahren schriftlich aufgefordert, eine Erklärung zur Organspende nach dem Tod abzugeben. Wir stellen die neuen Regelungen vor.

Jeder Deutsche ab 16 wird künftig befragt, ob er Organe spenden würde. Foto: dpa

Wohl nie zuvor in der Bundesrepublik ist ein Reformvorhaben so eng mit dem persönlichen Schicksal eines Spitzenpolitikers verknüpft gewesen, wie das Transplantationsgesetz. Als SPD-Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier im August 2010 seinen vorübergehenden Rückzug aus der Politik damit begründete, seiner Frau Elke Büdenbender eine Niere spenden zu wollen, erhielt das Thema eine bis dahin nicht gekannte Aufmerksamkeit.

Was lange weitgehend unbeachtet von medizinischen Fachgesellschaften und Betroffenenverbänden beklagt worden war – der eklatante Mangel an Spenderorganen in Deutschland – geriet ins Zentrum öffentlichen Interesses. Bald nach seiner Rückkehr kam Steinmeier mit seinem Unionskollegen Volker Kauder (CDU) überein, eine Reform des Transplantationsrechts in Angriff zu nehmen. Wir stellen die neuen Regelungen vor.

Warum tut eine Reform Not?

Etwa 12.000 Menschen in Deutschland warten derzeit auf ein Spenderorgan. Für jährlich 1000 Patienten dauert das Warten zu lange: Sie sterben, weil nicht rechtzeitig ein geeignetes Organ gefunden werden konnte. Zuletzt ging die Zahl der Organspenden nochmals zurück. 1200 Verpflanzungen wurden 2011 gezählt, im Vorjahr waren es 1296 gewesen. Diese Daten stehen im Gegensatz zur hohen Spenderbereitschaft der Bevölkerung: In einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2010 bekundeten 76 Prozent der Frauen und 74 Prozent der Männer ihre Bereitschaft zur Organspende. Tatsächlich verfügen aber nur 25 Prozent der Bundesbürger über einen Spenderausweis.

Wie soll mit dem neuen Gesetz die Spendebereitschaft erhöht werden?

In Deutschland galt bisher die sogenannte Zustimmungslösung. Dabei wird mittels eines Organspenderausweises oder durch die Aussage von Angehörigen die Bereitschaft zu einer Spende belegt. Daran wird sich im Grundsatz nichts ändern. Denn die zum Beispiel in Spanien geltende Widerspruchslösung, bei der jeder als Organspender gilt, der nicht ausdrücklich ein Veto eingelegt hat, fand kaum Fürsprecher.

Allerdings soll künftig jeder Bürger regelmäßig alle zwei Jahre mit dem Thema konfrontiert werden. Nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Jahresmitte sollen Krankenkassen und Privatversicherer ihren Mitgliedern Informationen zusenden. Diese Informationen, die zu einer „aufgeklärten Spendenbereitschaft“ beitragen sollen, werden dann mit der Bitte verknüpft, sich für oder gegen die Spende zu entscheiden.

Was kostet das?

Unter dem Strich nichts, im Gegenteil. Eine Nierentransplantation kostet im Durchschnitt rund 25.000 Euro, ein Jahr Dialysebehandlung aber bereits 100.000 Euro. Insofern lohnt eine Verpflanzung nicht nur unter menschlichen Gesichtspunkten. Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) hat somit auch ein finanzielles Interesse daran, dass die Zahl der Organspenden steigt. Schon aus diesem Grund werden sich die Kassen ihrer Informationspflicht nicht entziehen.

Wann dürfen Organe einem Menschen entnommen werden?

Abgesehen von der geringen Anzahl der Lebendspender wie SPD-Politiker Steinmeier ist in Deutschland der von zwei Ärzten unabhängig festgestellte Hirntod Voraussetzung jeder Organentnahme. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine Art Koma, sondern um das irreparable Absterben des Zentralhirns. Im Anschluss an einen nach hiesigen Kriterien diagnostizierten Hirntod hat es weltweit noch keine „Rückkehr ins Leben“ gegeben, versichert Karl Lauterbach, Professor für klinische Epidemiologie, einstiges Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen und SPD-Bundestagsabgeordneter. „Der Hirntod kommt einer Enthauptung gleich“, sagt Lauterbach. Niemand müsse daher fürchten, vor der Zeit als Ersatzteillager missbraucht zu werden.

Wer ist in Deutschland für Organspenden zuständig?

Die Organisation übernimmt – trotz massiver Kritik – weiterhin die Deutsche Stiftung Organspende (DSO). Im Herbst 2011 warf ein Teil der 200 Stiftungsmitarbeiter den Vorständen Günter Kirste und Thomas Beck öffentlich Vetternwirtschaft, Geldverschwendung und selbstherrlichen Führungsstil vor. Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bestätigte die Vorwürfe im Wesentlichen, ohne Gesetzesverstöße festzustellen. Beck trat zurück, Kirste wird spätestens 2013 altersbedingt ausscheiden. Unlängst verordnete sich die Stiftung zudem strengere Berichtspflichten des Vorstandes und mehr Transparenz in Wirtschaftsfragen. (mit dpa)

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