Lade Inhalte...

Transgender „Über Sprache definieren Menschen sich selbst“

Wenn Menschen Menschen lieben: Warum Begriffe wie „Pansexualität“ noch immer gebraucht werden. Viele können sich kaum vorstellen, dass es neben Bisexualität noch irgendetwas gibt.

Popsternchen Miley Cirus, Mitte, hier bei einer Performance bei den MTV Video Music Awards, bekennt sich öffentlich zur Pansexualität. Foto: rtr

Bis Florian Anja kennenlernte, lebte er bisexuell. Ein Mann, der auf Frauen steht. Und auf Männer. Eigentlich war alles abgedeckt. Nur Anja eben nicht.

Die 34-jährige Bürokauffrau ist als Junge zur Welt gekommen. Heute ist Anja eine Frau – wer sie sieht, wer mit ihr spricht, wird keinen Zweifel daran haben. Aber: „Ich habe die letzte Operation nicht gemacht“, sagt sie, „weil ich so in mir angekommen bin, dass ich sie gar nicht mehr brauche.“ Dass Anja den finalen Schritt nach Hormontherapie und Namensänderung nicht gehen und mit männlichen Geschlechtsorganen weiterleben will, stößt oft auf Unverständnis. „Selbst bei anderen transsexuellen Frauen. Aber ich empfinde auch das, was ich unten habe, als weiblich“, sagt Anja, „ganz schön kompliziert.“ Aber so ist das eben. So ist Anja eben.

Miley Cyrus weckt Verständnis

„Anja ist eine weibliche Person, unabhängig von bestimmten körperlichen Merkmalen“, sagt ihr Freund mit fester Stimme. Trotzdem passte seine Identität als bisexueller Mann nicht mehr, als die beiden vor einem halben Jahr zusammen kamen. Anja machte ihn auf einen anderen Begriff aufmerksam: Pansexuell. Für Florian passt das. So wie für viele andere auch.

Pansexualität ist spätestens seit sich US-Sängerin Miley Cyrus öffentlich zu ihr bekennt in aller Munde. „Dieser Begriff leistet dann etwas, wenn Menschen ihn als angemessen für die Selbstbeschreibung empfinden“, sagt Soziologin Lea Schütze. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ludwig-Maximilian-Universität in München setzt sich mit Gender-Studies auseinander. „Und der Begriff leistet vielleicht gerade jetzt noch mehr, wo Miley Cyrus ihn aufleben lässt, sich mehr Menschen damit beschäftigen und ein Verständnis dafür entwickeln.“

Mit dem Verstehen ist das so eine Sache: „Pansexualität“ ist ein dehnbarer Begriff. Zudem kann sich die Gesellschaft kaum vorstellen, dass es nach der Bisexualität überhaupt noch etwas gibt. Pansexualität aber will von den Geschlechterdifferenzierungen explizit absehen: Pansexuelle Menschen begehren nicht Männer und Frauen oder beides, sondern Menschen generell. Also auch jene, die sich zwischen den biologischen Geschlechtern bewegen. Oder schöner ausgedrückt: darüber hinaus.

Trügerisch ist die Vorsilbe: „Pan-“, also „all-“ oder „gesamt-“, könnte auch das Begehren von Objekten, Tieren, im schlimmsten Fall von Kindern einbeziehen. „Es gibt strengere und weniger strenge Definitionen. Ich stehe für die strenge“, sagt Florian mit Nachdruck und meint das Begehren von Männern, Frauen und transidenten Menschen.

Spannend, findet Lea Schütze, „plötzlich wird es wichtig, doch wieder Grenzen zu setzen innerhalb dieses Begriffes, der ja eigentlich so offen gehalten werden soll.“ In den Sozialwissenschaften sei die Pansexualität völlig unterrepräsentiert. „Das liegt auch daran, dass Vieles unter dem Begriff ‚Queer‘ subsummiert werden kann“, sagt Lea Schütze. Sie glaubt, dass der Begriff nicht nachhaltig diskutiert werden wird. Vielleicht mit dem Hype um Miley Cyris endet.

Wofür brauchen wir solche Begriffe überhaupt noch? „Wir brauchen die, weil es Leute gibt, die sie brauchen“, sagt Schütze. Florian bestätigt das. Für ihn sei es wichtig gewesen, in dem Begriff Halt und Orientierung, sich selbst zu finden. „Über Sprache definieren Menschen sich selbst und andere“, sagt er.

Schwieriges „Dazwischen“

Und Anja? Ist es für sie, die als Frau lebt, nicht befremdlich, dass sich ihr Partner als pansexuell und nicht einfach als hetero bezeichnet? „Ich selbst verstehe mich als heterosexuell: Ich bin eine Frau und ich stehe auf Männer“, sagt Anja. Aber heterosexuelle Männer, die wollen eben eine geborene Frau. Und die Bisexuellen, die wollen meist einen Mann oder eine Frau, „aber nichts dazwischen“, sagt Anja. Also habe sie sich in ihrem Leben oft fragen müssen, wer eigentlich zu ihr steht. „Jemand, der mich erst mal nur als Mensch liebt, aber auch an mir interessiert bleibt, wenn es intimer wird“, sagt sie. Dass sich diese Männer und Frauen heute unter einem eigenen Begriff sammeln, vereinfacht die offene und tolerante Kommunikation darüber. Auch wenn das noch nicht bei jedem angekommen ist. Kritikern haben die beiden eigentlich gar nichts zu sagen. Nur das, sagt Anja: „Liebe ist grenzenlos. Liebe muss man leben.“ Egal unter welchem Begriff.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum