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Torgau Motiv für Mordversuch bleibt offen

Nach Schüssen auf einen Syrer fordert die Staatsanwaltschaft lebenslänglich für den Torgauer Schützen.

Torgau
Am Torgauer Marktplatz fielen die Schüsse. Foto: Imago

In den Plädoyers fordert die Staatsanwaltschaft lebenslängliche Haft für Kenneth E., der im sächsischen Torgau zwei Schüsse in die Brust eines Geflüchteten abgab. Eine fremdenfeindliche Haltung kann nicht belegt werden.

„Wir sind in der Verhandlung auf eine Mauer des Schweigens getroffen“, fasst Nebenklagevertreter Jasper Prigge die Prozesstage zusammen, während die Staatsanwältin Vanessa Fink von einer zähen Beweisaufnahme spricht, in der auch viel beschönigt und gelogen worden sei. Beide sind sich dennoch sicher, dass es Kenneth E. war, der in der Nacht zum 7. Juli auf dem Marktplatz der 20.000-Einwohner-Stadt die Waffe auf Fawad A. richtete. Er hatte aus dem Fenster der Wohnung seines Freundes Anton G. geschaut und eine Auseinandersetzung zwischen einer Gruppe Torgauer und Geflüchteten gesehen. Er bewegte sich zu den Gruppen und soll aus kurzer Entfernung mindestens zwei Mal mit einer manipulierten Schreckschusspistole gefeuert haben. Danach entfernte er sich mit seinem Freund Anton G. sofort.

Fawad A. überlebte dank einer Notoperation, die Bleikugeln schrammten Millimeter an seinem Herzen vorbei. 17 Tage musste er im Krankenhaus verbringen und leidet immer noch an Schmerzen, wenn er sich zu schnell bewegt. Seit den Schüssen plagen den 22-jährigen Studenten zudem nachts Ängste, er geht nicht mehr alleine aus dem Haus.

Zu viert hatte er sich mit seinen nach der Flucht aus Syrien über Deutschland verteilt lebenden Cousins in Torgau verabredet. Doch das Familientreffen in der nordsächsischen Kleinstadt wurde durch Pöbeleien und Bedrohungen geprägt.

Bereits im Laufe des Tages waren die Syrer an der örtlichen Tankstelle mit dort trinkenden Jugendlichen aneinandergeraten. Es fielen rassistische Beleidigungen und kam zu einer Auseinandersetzung, bei der einer der Torgauer mit einem stumpfen Gegenstand am Kopf verletzt wurde. Dann gingen die Gruppen auseinander.

Doch die Nachricht verbreitete sich schnell. Auch der Angeklagte Kenneth E. und sein Freund Anton G. sollen aufgebracht gewesen sein, als sie in größerer Runde über die Vorkommnisse sprachen.

Der Streit an der Tankstelle war später der Auslöser einer lauten Auseinandersetzung und Schubserei auf dem Marktplatz zwischen den Syrern und einer Gruppe Torgauer. Bei diesem Streit wurden die Schüsse abgefeuert, E. soll später gesagt haben, er hätte dem Geflüchteten „eine Stahlkugel verpasst“.

In seiner Jugend war Kenneth E. Mitglied der Döbelner Rocker „Highway Wolves“. In dieser Zeit beging er seinen ersten Mord, wurde zu 18 Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Der damalige Fall ähnelt der Tat in Torgau. Auch bei dieser wurde zwei Mal aus nächster Nähe auf das Opfer geschossen und manipulierte Munition verwendet.

Als nach den Schüssen auf dem Torgauer Marktplatz die Wohnung E.s durchsucht wurde, fanden Beamte Weinflaschen mit den Abbildungen Hitlers und Rommels. Das sorgte für überregionale Aufmerksamkeit. Denn auch wenn bereits Jahre zuvor bei einer Zellendurchsuchung während der Haftzeit E.s Bilder von Nazigrößen gefunden wurden und von den „Highway Wolves“ bekannt war, dass sie auch Rechtsrockkonzerte veranstalteten, kategorisierte die sächsische Polizei den Mordversuch nicht als möglicherweise politisch motiviert. Auch eine eigene Pressemitteilung ist ihr die Tat nicht wert.

Eine fremdenfeindliche Motivation konnte die Staatsanwaltschaft ebenfalls nicht feststellen, dafür fehlten ihr entsprechende Zeugenaussagen, die Nebenklage sprach von Erinnerungslücken, insbesondere bei Fragen zur politischen Einstellung des Angeklagten. Im Prozess seien Zeugen trotz des Wissens, dass es sich um eine Tat gegen Ausländer handelte, demonstrativ in rechter Szenekleidung aufgelaufen.

Kenneth E. blieb dagegen bei seiner Einlassung und bestritt, überhaupt auf dem Markt gewesen zu sein. Er habe nach mehrtägigem Drogenkonsum während der Geschehnisse auf dem Markt in der Wohnung von Anton G. geschlafen. Sein Anwalt erklärte bei den gefundenen Nazibildern stünde das Militärische, nicht das Nationalsozialistische im Vordergrund. Zudem zeigte er Abhängigkeiten zwischen den Zeugen aufgrund von Drogenhandel auf und stellte Ermittlungsversäumnisse der Polizei in den Vordergrund. Bei einer am Rande des Marktplatzes angetroffenen Gruppe Torgauer, die später zugaben, eine Schreckschusspistole abgeschossen zu haben, seien weder Schmauchspuren genommen noch Durchsuchungen durchgeführt worden.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Verurteilung wegen versuchtes Mordes in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung. Da eine besondere Schwere der Schuld bestehen würde, wäre bei der lebenslangen Haftstrafe keine Bewährung möglich.

Am Montag wird das Leipziger Schöffengericht sein Urteil verkünden.

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