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Todesstrafe in Frankreich Der letzte Gang zur Guillotine

Noch vor 40 Jahren exekutierte Frankreich einen Mörder mit dem Fallbeil, 1981 wurde die Todesstrafe abgeschafft. Heute spricht sich eine Mehrheit für die Wiedereinführung aus.

Gefängnis Les Baumettes
Das Gefängnis Les Baumettes in Marseille. Foto: dpa

Die Untersuchungsrichterin Monique Mabelly war alles andere als begeistert, als sie den Auftrag erhielt, die Hinrichtung des zum Tode verurteilten Mörders Hamida Djandoubi zu überwachen und einen Bericht zu schreiben. Das neunseitige, handschriftliche Protokoll von jenem 10. September 1977 ist erst vor kurzem publik geworden.

Es ist 4.40 Uhr, als der Verurteilte in seiner Zelle im Marseiller Gefängnis Baumettes geweckt wird. In den Gängen haben die Wächter Tücher ausgelegt, um die Schritte zu dämpfen. „Niemand spricht. Das Schweigen und die offensichtliche Folgsamkeit des Verurteilten beruhigen die Anwesenden“, hält die Richterin fest.

Djandoubi, ein 28-jähriger Landarbeiter, der eine Minderjährige zur Prostitution gezwungen, gefoltert und erwürgt hatte, wird in Handschellen an einen Tisch gesetzt. Dort steckt man ihm ein Zigarette in den Mund, auf die er nach französischem Gewohnheitsrecht Anspruch hat. An seinem Bein trägt er seit einem schweren Arbeitsunfall eine Prothese. Die Amputation habe ihn psychisch völlig aus der Bahn geworfen, hatten seine Anwälte bei der Verhandlung plädiert – allerdings erfolglos, Djandoubi wurde von den Geschworenen einstimmig zur Höchststrafe verurteilt.

Nur eine Zigarettenlänge

„Der Verurteilte raucht, ohne ein Wort zu sagen“, schreibt Mabelly. Als er sich über zu enge Handschellen im Rücken beklagt, werden sie ihm abgenommen. Der Tunesier erhält eine zweite Zigarette. Jetzt ändert sich etwas, stellt Mabelly fest: „Ich sehe, dass er wirklich zu realisieren beginnt, dass es zu Ende geht, dass sein Leben nur noch diese Zigarettenlänge dauern wird.“ Ein Wärter bringt noch eine Flasche Rum und bietet dem Verurteilten ein halbvolles Glas an. „Er trinkt langsam, mit kleinen Schlucken. Als letzten Verzögerungsversuch bittet er um eine filterlose Zigarette, eine Gauloise oder eine Gitane.“ Doch jetzt hat der Henker genug: „Wir waren schon sehr nett mit ihm, sehr menschlich – jetzt müssen wir abschließen.“

Dem Verurteilten werden die Hände wieder gebunden, sein Hemdkragen wird abgeschnitten. Eine Tür öffnet sich. Dahinter steht die „Maschine“, wie die zunehmend aufgebrachte Richterin feststellt. Sehr rasch wird der zum Tode Verurteilte auf die Guillotine gelegt, ja fast geworfen, und das Fallbeil aktiviert. „Ich höre ein dumpfes Geräusch“, schreibt die Frau, die sich abgewandt hat, um später zu notieren, da sei „Blut, viel Blut, sehr rotes Blut“.

Selbst Le Pen ist dagegen

Die 1977 vollzogene Hinrichtung war die bisher letzte in Frankreich. Mehrere Mörder wurden noch verurteilt, aber nicht mehr guillotiniert. 1981 wurde die Guillotine ganz eingemottet, als der Sozialist François Mitterrand Präsident wurde. Die Nationalversammlung lehnte die Todesstrafe mit 363 gegen 117 Stimmen ab. Doch die Debatte geht bis heute weiter. Mitterrands Vorgänger Valéry Giscard d’Estaing sagte 2010, er bedaure nicht, Gnadenakte verweigert zu haben. Der Ex-Präsident sagte weiter, er hätte die Todesstrafe aus Gründen der Abschreckung bei Kindsmördern „wahrscheinlich“ beibehalten, wenn er 1981 die Wiederwahl geschafft hätte.

In Umfragen ist die Zustimmungsrate für die Todesstrafen zeitweise auf unter 50 Prozent gesunken. Heute spricht sich wieder eine knappe Mehrheit für die Wiedereinführung bei Terror oder anderen Taten aus. Politisch hat sie indessen keine Chance. Auch die Rechtsextremistin Marine Le Pen verzichtete im Präsidentschaftswahlkampf 2017 auf ihre ursprüngliche Forderung und verlangt nur noch eine „wirklich lebenslange“ Inhaftierung.

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