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Tierversuche „Die Forschung ist hier sauber“

Ethikrat-Mitglied Reinhard Merkel hält die Versuche für unproblematisch.

30.01.2018 10:04
Fahrrad
Gut gerüstet für den täglichen Nahkampf in der Stadt? Foto: Imago

Die Aufregung über womöglich unzulässige Menschenversuche in Deutschland kann der Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel, emeritierter Professor der Universität Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrats, nicht nachvollziehen. Er hält die klinische Forschung für sauber. „Deutschland ist unter den Vorreitern, was die Kriterien für Forschungsvorhaben und die Praxis der Forschung anbetrifft, die durchaus moralisch reflektiert ist“, sagt der Jurist, der in Hamburg Strafrecht und Rechtsphilosophie gelehrt hat. 

Tatsächlich sind medizinische Versuche mit Menschen hierzulande strikt geregelt, denn sie bedürfen stets der Billigung einer externen Ethikkommission. Wichtig bei der Prüfung von Forschungsvorhaben ist zum Beispiel, dass die Versuchspersonen Freiwillige sind und über das Forschungsvorhaben aufgeklärt sind, auf Englisch „informed consent“ genannt. „Die Aufklärung und Einwilligung allein erlauben aber nicht, jegliche Risiken bei einer Studie einzugehen. Da gibt es natürlich Grenzen – also nicht akzeptable Risiken, über die die Ethikkommission wachen muss“, sagt Merkel.

Diese Grenzen dienten dazu, den Probanden zu schützen, seien aber auch wichtig, um die Integrität der Wissenschaftler und das Vertrauen der Bevölkerung in die Forschung zu wahren. Darüber hinaus achten Ethikkommissionen darauf, dass eine bestimmte Schwelle an Risiken und Belastungen nicht überschritten wird und vorgeschriebene Schritte eingehalten wurden, etwa vorherige Tests an Tieren. 

Ziel und Methode im Fokus

Das wegen seiner Schadstoffversuche mit Menschen in die Kritik geratene Institut für Arbeitsmedizin der Universität Aachen versicherte am Montag, eine Ethikkommission habe die Versuche gebilligt. „Wenn das tatsächlich so ist, halte ich die Versuche für vollkommen problemlos“, sagt Merkel. Offenbar habe es sich dabei um ein kontrolliertes wissenschaftlich-medizinisches Experiment gehandelt und nicht um eine therapeutisch orientierte klinische Studie. 

Solche Experimente seien mit „informed consent“ grundsätzlich zulässig, ihr Nutzen und ihre Risiken würden aber strenger beurteilt. Merkel geht davon aus, dass die Bedingungen in Aachen erfüllt wurden. „Die Tierversuche in den USA dürften erheblich problematischer gewesen sein“, sagt er. „Die derzeitige kollektive Aufregung dürfte die wirklichen ethischen Probleme sozusagen profund verfehlen.“ 

Ethikkommissionen blicken auch auf Drittmittel- und Auftraggeber. „Studien dürfen keinerlei Gefälligkeitsgutachten sein, heimliche Korruption ist unbedingt zu verhindern“, sagt Merkel. Allerdings bedeute das nicht das Aus jeglicher Auftragsforschung. „Wenn eine Studie ohne einen industriellen Auftraggeber zulässig wäre, dann wird sie mit einem solchen nicht automatisch unzulässig.“ Wichtig sei, dass sie transparent erfolge und dass der externe Geldgeber keinen Einfluss ausübe. 

Im Fokus der Gremien stehen auch das Ziel und die Methode eines Forschungsvorhabens. „Die jeweilige Studie muss moralisch und forschungspolitisch rechtfertigungsfähig sein“, sagt Merkel. Das sei manchmal schwer zu klären, weil Grundlagenforschung oft ins Blaue hinein erfolge, aber trotzdem wichtig sei. „Überflüssige, sinnlose oder sinnwidrige Vorhaben haben aber natürlich keine Chance.“

Die gesetzlichen Grundlagen von Ethikkommissionen finden sich in Deutschland im Arzneimittel- und im Medizinproduktegesetz. Letztlich sollen die Kommissionen aber auch Rechte und Sicherheit der Probanden im Sinne der Deklaration von Helsinki schützen, einer Erklärung des Weltärztebundes über ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen. 

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