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Thierse über Kohl „Eine widersprüchliche historische Gestalt“

Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über das Glück des Altkanzlers und seine Entgleisungen.

Kohl
Auf der Suche nach seinen „blühenden Landschaften“: Helmut Kohl 1989 in Dresden. Foto: rtr

Den ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) verbindet mit dem verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl eine lange Auseinandersetzung. Denn er verhängte im Zuge der Spendenaffäre eine Strafe von damals 41 Millionen Mark gegen die CDU. Dies prägte die Beziehung nachhaltig.

Herr Thierse, als Sie von Helmut Kohls Tod erfuhren, was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich dachte mir, dass es um Helmut Kohl einen eigentümlichen Widerspruch gibt. Er ist ein sehr glücklicher deutscher und europäischer Politiker gewesen. Er hat mit der Wiedervereinigung die Gunst der Stunde genutzt, die ihm die friedliche Revolution in der DDR präsentiert hat. Zugleich war Kohl verbittert, hat unzählige andere Politiker beschimpft, mich auch. Zum Schluss war seine glorreiche politische Karriere durch die Parteispendenaffäre überschattet. Helmut Kohl ist eine wirklich widersprüchliche historische Gestalt.

Spätestens seit der Spendenaffäre waren Sie auch der Lieblingsgegner der Union, weil Sie umfangreiche Strafmaßnahmen gegen die CDU verhängten. War das der Ursprung des Zerwürfnisses mit Kohl?
Ich denke ja. Denn vorher habe ich keinen Anlass geboten, Feindbild von CDU und CSU zu werden. Die Spendenaffäre hat mich gezwungen – nach strenger, ausführlicher Prüfung und intensiver Beratung – eine herbe Strafe gegen die CDU auszusprechen. Die CDU hat durch alle Instanzen geklagt. Ich habe in allen Instanzen gewonnen – umso schlimmer für mich. Denn die CDU trägt mir das bis heute nach.

2002 soll Kohl im kleinen Kreis über Sie gesagt haben: „Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring.“
Ja, das war eine seiner Entgleisungen. Sie tat mir sehr weh. Ein solcher Nazi-Vergleich ist immer fatal. Einen demokratisch gewählten Bundestagspräsidenten so zu beschimpfen, sagt im Übrigen mehr über den Beschimpfenden aus als über den Beschimpften.

Nach dem Freitod der an einer Lichtallergie erkrankten Hannelore Kohl haben Sie ihrerseits gesagt, man könne seine Frau nicht im Dunkeln sitzen lassen. Tut Ihnen das heute leid?
Das war etwas anders. Ich wurde nach dem Rücktritt von Franz Müntefering gefragt, ob ich es nachvollziehen könne, dass er zurücktritt, um seine Frau zu pflegen. Da habe ich ja gesagt und daran erinnert, dass meine Mutter ein Leben lang schwer krank war und mein Vater sie bis zum Ende gepflegt hat. Anschließend habe ich gesagt, man kann das so machen, und man kann es so wie Helmut Kohl machen. Ich wollte auf einen Unterschied hinweisen – auch weil Müntefering damals fast mit einem Vorwurf überzogen wurde. Das war nicht der Versuch, Helmut Kohl zu beschimpfen.

Trotzdem haben es viele aus CDU und CSU so empfunden.
Sie haben mir nicht genau zugehört, sondern sind auf eine journalistische Verkürzung der Leipziger Volkszeitung hereingefallen. Denn es war keine Beschimpfung.

Hat es mal Versuche der Versöhnung mit Kohl gegeben?
Nein. Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich in ein Flugzeug gestiegen bin. Helmut Kohl saß in der ersten Reihe. Ich grüßte. Aber er grüßte nicht zurück, er wollte mich nicht mehr kennen. Wie soll man da noch ein Gespräch miteinander führen?

Wann war das?
Das war in einer späten Phase. Da war Kohl schon nicht mehr Abgeordneter. Aber er hat mich nicht schlechter behandelt als viele seiner Unionskollegen.

Hat Sie dieser Konflikt belastet?
Natürlich. Wenn man mit Hermann Göring verglichen wird, dann tut das weh. Und damit muss man dann leben. Wenn ich vor Gericht verloren hätte, dann wären die Vorwürfe schwerer zu tragen gewesen. So habe ich sie für angemessenes und richtiges Verhalten bekommen.

Hatte Ihr Konflikt auch eine Ost-West-Komponente? Oder war das davon völlig unabhängig?
Das kann ich schwer beurteilen. Er hat die Ostdeutsche Angela Merkel und mich beschimpft. Aber er hat auch die Westdeutschen Heiner Geißler und Norbert Blüm beschimpft.

Nun zeigen die Debatten nach Kohls Tod vor allem eines: die menschliche Zerrissenheit der Familie und eine gewisse Intriganz eines Teils der Hinterbliebenen. Fühlen Sie sich dadurch bestätigt?
Das zeigt den Widerspruch, auf den ich eingangs hingewiesen habe: Ein Politiker, der großes historisches Glück hatte und die Gunst der Stunde nutzte, endet im Zwist mit seiner Familie, seiner Partei und der deutschen Öffentlichkeit.

Was bleibt von Kohl – jenseits aller Gegnerschaft?
Wenn man von ihm als Vater der Einheit spricht, dann muss man immer daran erinnern, dass die Mauer von Osten eingedrückt worden ist. Zuerst kam die friedliche Revolution. Und dann kam die Einheit. Helmut Kohl hat den Moment genutzt und ausgesprochen geschickt verhandelt. Ein Letztes füge ich hinzu: Helmut Kohl hat den Deutschen in Ost und West vor der Wahl 1990 vollmundig versprochen, dass das mit der Einheit ganz schnell und ganz leicht gehen werde und die blühenden Landschaften rasch kommen würden. Je größer die Versprechungen, umso größer die Enttäuschungen. Manche Entwicklungen in Ostdeutschland haben damit zu tun: dass die Erwartungen, die Helmut Kohl geweckt hat, zu groß waren und die Enttäuschungen mit einer gewissen Verzögerung in den 90er Jahren umso heftiger folgten.

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