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Terroranschlag auf eine Fabrik Die Angst kehrt nach Frankreich zurück

Nach dem Terroranschlag auf eine Fabrik in Frankreich meldet Innenminister Cazeneuve mehrere Festnahmen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht ein bereits als radikaler Salafist aufgefallener Mann.

Nahe der Fabrik wird eine enthauptete Leiche gefunden. Am Fundort suchen Ermittler nach Spuren. Foto: REUTERS

Es fällt nicht schwer, sich ein flammendes Inferno auszumalen. Schwerlasttransporter ziehen Gastanks hinter sich her, deren schwere Fracht, explosiv und hochkomprimiert, auf jeweils zwölf Reifen ruht. Ein paar Schritte dahinter ragen Silos, gefüllt mit verschiedenen Industriegasen, in den am Vormittag noch wolkenverhangenen Sommerhimmel.

Es ist kurz vor zehn Uhr am Freitag, als hier im Industriegebiet von Saint-Quentin-Fallavier auf dem Gelände der US-amerikanischen Firma Air Products ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf eine Reihe von Gasflaschen zusteuert und die Flaschen rammt. Es folgt eine Explosion, ausgelöst durch den Zusammenprall oder aber durch die Hand eines oder mehrerer Eindringlinge. Der dumpfe Laut der Detonation ist noch einige hundert Meter weiter zu vernehmen.

Als die Sicherheitskräfte und Sanitäter am Explosionsort eintreffen, stockt ihnen der Atem. Auf dem Gitter, das das Firmenareal umgibt, steckt der Kopf eines Enthaupteten, bemalt mit arabischen Schriftzeichen. Rechts und links davon ragt eine Flagge empor: das Banner der Terrorgruppe Islamischer Staat. Das Opfer ist kein Mitarbeiter von Air Products, sondern der Leiter eines Unternehmens aus der Umgebung.

Haben der oder die Täter bereits vor der Amokfahrt gemordet? Haben sie den Leichnam mitgebracht? Die Explosion selbst, so viel steht fest, ist vergleichsweise glimpflich abgelaufen, zwei Menschen werden leicht verletzt.

Bereits am frühen Nachmittag kann Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve Festnahmen vermelden. Als dringend tatverdächtig haben die Sicherheitskräfte den von einem Feuerwehrmann überwältigten Yassin S. verhaftet. Nach Angaben aus Justizkreisen soll auch dessen Ehefrau sowie ein Autofahrer festgenommen worden sein, der nahe dem Anschlagsort aufgefallen war.

Salafist wird verdächtigt

Der etwa 30 Jahre alte S. ist für die auf Terrordelikte spezialisierte Pariser Sonderstaatsanwaltschaft kein Unbekannter. 2006 war der nicht weit von Lyon wohnende Mann als zunehmend radikaler auftretender Salafist ins Visier des Inlandsgeheimdienstes geraten. Zwei Jahre später freilich galt er dann nicht mehr als potenziell gefährlich. Dass er sich strafrechtlich in der Folgezeit nichts zuschulden kommen ließ, schien die Einschätzung des Geheimdienstes zu bestätigen.

Noch am späten Nachmittag erkundigen sich Schulleiter aus der Umgebung, ob es ratsam sei, Kinder ins Freie oder gar nach Hause gehen zu lassen. Das am Freitag 40 Mitarbeiter zählende Personal ist zu diesem Zeitpunkt evakuiert, der Tatort weiträumig abgesperrt. Informationen dringen nur noch spärlich nach außen. Zu Wort melden sich mit den Sicherheitskräften in Kontakt stehende Politiker. „Der oder die Täter wollten eine möglichst zerstörerische Explosion auslösen, möglichst viele Menschen umbringen, möglichst großen Schrecken stiften“, sagt Jean-Jacques Queyranne, Präsident des Parlaments der Region Rhône-Alpes. Das sei das Kalkül der Attentäter gewesen, die sich mit dem Industriegebiet von Saint-Quentin-Fallavier einen Anschlagsort gesucht hätten, wo Tausende von Menschen ihrer Arbeit nachgehen. Gezielt sei obendrein ein US-Unternehmen angegriffen worden, seien die USA doch für den Islamischen Staat der Feind Nummer eins.

Aus Brüssel meldet sich Frankreichs Staatspräsident zu Wort. Kaum war er am Vormittag in der belgischen Hauptstadt gelandet, wo er an einem EU-Gipfeltreffen teilnehmen wollte, ereilte ihn die Nachricht vom Anschlag. Hollande macht sich auf den Rückweg nach Paris. Mit schwerer Stimme, nach Worten suchend, kündigt er an, dass man nun tun müsse, was die Franzosen erwarteten, nämlich sie beschützen. Es seien alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Wie schon nach dem knapp ein halbes Jahr zurückliegenden Massaker in den Pariser Redaktionsräumen des Satireblattes Charlie Hebdo, dem weitere Anschläge folgten, geht die Angst um, die Detonation bei Air Products sei womöglich nur der Auftakt zu weiterem Blutvergießen.

Es gelte, im Angesicht des Terrors „niemals der Angst nachzugeben“, fügt Hollande hinzu. Was im Einzelnen unternommen werden soll, verrät er nicht. Das lotet er am späten Nachmittag lieber hinter den Mauern des Elysée-Palasts aus, wo der Verteidigungsausschuss zusammentritt. Diskretion ist angesagt. Es gilt, die Arbeit der Geheimdienste nicht durch Einblick in ihre Pläne zu beeinträchtigen. Laut Medienberichten ordnet Premier Manuel Valls an, „sofort“ in der ostfranzösischen Region Rhône-Alpes die Sicherheitsvorkehrungen für Einrichtungen zu verstärken, die gefährdet sein könnten.

Innenminister Cazeneuve erinnert derweil daran, was bereits geschehen ist, um dem Terror die Stirn zu bieten. Von 1500 neu geschaffenen Posten und Investitionen in Höhe von 233 Millionen Euro spricht Cazeneuve. Auf dem gesamten französischen Staatsgebiet sorge ein großes Aufgebot der Sicherheitskräfte für den Schutz besonders gefährdeter Personen. Den Anschlag von Grenoble vermochte die Streitmacht freilich nicht zu verhindern. „Das ist nun eine neuerliche Prüfung für unser Land“, sagt Cazeneuve.

Bundeskanzlerin Angela Merkel äußert sich am Nachmittag in Brüssel zu den Anschlägen in Frankreich und Tunesien. „Die Meldungen machen uns allen noch einmal klar, vor welchen großen Herausforderungen wir stehen, wenn es um den Kampf gegen Terrorismus und islamistischen Terrorismus geht.“

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