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Tourismus Reisende trotzen dem Terror

In Paris boomt der Tourismus. Trotz Terroranschlägen reisen Menschen aus aller Welt in die französische Hauptstadt - und zwar ohne Angst im Gepäck.

Paris
Gehören nun zum Stadtbild wie die Sacre Coeur: Sicherheitskräfte in Paris. Foto: rtr

Gut, dass es Lucia gibt. Die Politikstudentin sitzt am Rand der Champs-Elysées auf einer Bank, in der Hand hält sie eine Rabatt auf Stadtrundfahrten verheißende Werbetafel. Die 22-Jährige weist die Frage, ob sie Angst vor Terroranschlägen habe, nicht als abwegig zurück. Sie quittiert sie auch nicht mit irritiertem Blick, sondern dankbarem Lächeln. „Natürlich ist mir unbehaglich zumute, wenn ich hier morgens mit meiner Tafel aufkreuze und dann bis abends die Champs-Elysées hinauf- und hinabspaziere“, sagt sie.

Aber Lucia ist eben Pariserin. Sie weiß, dass der schönste Boulevard der Welt vor kurzem wieder Schauplatz des Schreckens war. Anti-Terror-Fahnder waren dort am 22. Juni auf eine rollende Bombe gestoßen, einen mit zwei Gasflaschen, 9000 Patronen und 28 Zündern beladenen Wagen. Dass die Fracht nicht explodierte, als der Fahrer vorsätzlich einen Polizeiwagen rammte, grenzt an ein Wunder. Gut zwei Monate zuvor war ein ähnliches Wunder ausgeblieben. Ein Terrorist hatte an jenem 20. April auf den Champs-Elysées einen Polizisten erschossen und zwei weitere verletzt, bevor er selbst im Kugelhagel starb.

„Ich lass mir deswegen nicht die Ferien vermiesen“

Anders als Lucia findet das Gros der Touristen die Frage nach Angst und Terror freilich als fehl am Platze. Und in gewisser Hinsicht ist sie das ja auch. „Gemessen an London, wo wir herkommen, sind wir hier deutlich sicherer“, stellen die strohblonden Freundinnen Daisy (18) und Alexandra (19) klar. Der Argentinier Pablo Francisco Romero, der mit Frau, Schwägerin und Tochter den letzten Einkaufsbummel vor der Heimreise absolviert, lacht auf, schüttelt den Kopf. „Daheim in Buenos Aires habe ich Angst, überfallen, ausgeraubt, umgebracht zu werden, hier doch nicht“, sagt der Familienvater.

Die 17-jährige Belgierin Laurence und ihre Mutter verweisen auf die allseits mit Maschinenpistolen patrouillierenden Polizisten und Soldaten. Mehr Sicherheit sei kaum möglich, sagt die Tochter. Der holländische Sportstudent Koen wiederum legt fatalistischen Gleichmut an den Tag: „Wenn’s passiert, dann passiert’s halt, ich lass mir deswegen doch nicht die Ferien vermiesen.“

Koen und die anderen wenig ängstlichen Urlauber liegen im Trend. Der Tourismus, der in Frankreich nach den Pariser Attentaten vom 13. November 2015 (130 Tote) und dem am 14. Juli vergangenen Jahres folgenden Massaker auf der Uferpromenade von Nizza (86 Tote) eingebrochen war, hat sich erholt. In Paris sind die Übernachtungszahlen in den vergangenen zwölf Monaten um zehn Prozent gestiegen.

Das für Frankreich 2014 vom damaligen Außenminister Laurent Fabius ausgewiesene Ziel, jährlich 100 Millionen Touristen zu empfangen, ist nach den Worten seines Nachfolgers Jean-Yves Le Drian in Reichweite. Bereits mit den 82 Millionen Besuchern, die im vergangenen Jahr kamen, hatte das Land in der Weltrangliste vor den USA und Spanien Platz eins belegt.

Nobelboutiquen mit Eingangskontrollen

Restaurantbesitzer und Hoteliers frohlocken. Wohnungsbesitzer, die ihr Domizil bei Airbnb-oder HomeAway als Ferienquartier anbieten, tun es ebenfalls. Aber auch noch ganz andere Branchen legen zu. Eine von ihnen macht am Eingang einer Ladenpassage der Champs-Elysées auf sich aufmerksam. Ein Plakat ermuntert dort zum Kauf von Sicherheitsartikeln, die am Ende des Gangs feilgeboten werden: Metalldetektoren, Handschellen, Überwachungskameras.

Der Bedarf ist immens. Kaum eine der Nobelboutiquen der Champs-Elysées verzichtet auf Eingangskontrollen. Ein Kosmetikgeschäft bietet gar eine ganze Phalanx auf. Vier in schwarze Anzüge gepresste Athleten halten dort Wacht, ein jeder einen Detektor in der Hand.

Spektakulärer noch als auf den Champs-Elysées ist der Sicherheitsaufwand am Eiffelturm. Wo man vor nicht langer Zeit unbehindert umherspazieren konnte, verstellen in den Asphalt eingelassene Gitter und Sicherheitsschleusen den Weg zum Wahrzeichen. Schilder kündigen die sofortige Vernichtung zurückgelassener Rucksäcke oder Kinderwagen an. Aus vier Mannschaftswagen hatten Gendarmen bereits am Morgen verfolgt, wie sich vor den Schleusen erste Warteschlangen bildeten.

„Was denken Sie, wie denen da zumute ist?“, fragt Lucia und deutet auf zwei Bereitschaftspolizisten. „Die letzten Anschläge galten schließlich ihnen, den Sicherheitskräften.“ Die Männer, ausgestattet mit schusssicheren Westen und tiefschwarzen Sonnenbrillen, stehen vor einem quer über den Gehweg geparkten Mannschaftswagen - mit dem Rücken zum Fahrzeug. So können sie sicher sein, nicht hinterrücks attackiert zu werden.

Auch sie empfinden die Frage nach Terror und Angst indes als fehl am Platze. „Wenn Sie wissen wollen, wie mir zumute ist, wenden Sie sich ans Innenministerium“, sagt der Jüngere der beiden. „Ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen.“

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