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Terroranschlag in Schweden „Wir sind alle Stockholmer“

Nach dem brutalen Lkw-Anschlag in der Stockholmer Innenstadt hat die Polizei den Verdächtigen dingfest gemacht und spricht von einer sehr guten Beweislage. Allerdings ging dem Attentat offenbar ein Behördenversagen voraus.

SWEDEN-ATTACK
Eine Passantin legt Blumen an der Stelle nieder, an der am Freitag der Lastwagen in eine Menschenmenge raste. Foto: afp

Zunächst hielt die schwedische Polizei mit Informationen zu ihrem Erfolg hinterm Berg, wollte Zweifel ausräumen. Am Wochenende bestätigte sich aber, dass die Ermittler in kürzester Zeit nach dem brutalen Lkw-Anschlag in der Stockholmer Innenstadt einen dringend Tatverdächtigen identifizieren und dingfest machen konnten. Bereits am Freitagabend, nur wenige Stunden nach der Tat, war der 39-jährige usbekische Staatsbürger im Stockholmer Vorort Märsta festgenommen worden. „Wir haben eine sehr gute Beweislage“, sagte ein Polizeisprecher am Wochenende. „Es gibt Bilder von Überwachungskameras, und es gibt Spuren im Führerhaus des Lastwagens.“

Bei der Amokfahrt durch die äußerst belebte Fußgängerstraße Drottninggatan waren vier Menschen gestorben, 15 wurden verletzt. Unter den Todesopfern waren eine Belgierin und ein Brite. Der Anschlag war nach London und St. Petersburg der dritte in Europa innerhalb von drei Wochen.

Sollte sich der Verdacht erhärten, dann bietet sich der schwedischen Justiz die seltene Gelegenheit, einen Prozess gegen den Hauptschuldigen eines Terroranschlags zu führen. Die Attentäter von Berlin, St. Petersburg, Paris und Nizza kamen bei ihren Anschlägen ums Leben oder wurden von der Polizei bei der Festnahme erschossen.

Allerdings wurde am Sonntag auch deutlich, dass dem Anschlag offensichtlich ein Behördenversagen vorausgegangen war. Wie die Polizei am Sonntag bei einer Pressekonferenz mitteilte, hatte sich der Usbeke seit 2014 in Schweden aufgehalten. Er beantragte eine Aufenthaltserlaubnis, jedoch offenbar kein Asyl. Im Juni 2016 wurde der Antrag abgewiesen und die Abschiebung beschlossen. Erst ein halbes Jahr später erhielt der Mann eine Aufforderung, das Land zu verlassen. Daraufhin tauchte er unter.

Dem Inlandsgeheimdienst Säpo war der Verdächtige zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt. Sein Name habe im vorigen Jahr bei Ermittlungen eine Rolle gespielt, bestätigte ein Sprecher der Behörde am Wochenende. Der nicht näher benannte Verdacht gegen ihn habe sich jedoch nicht erhärtet. Danach sei er nicht mehr aufgefallen.

Bombe im Lastwagen?

Nach Recherchen des Schwedischen Rundfunks war der Mann an derselben Adresse im Norden Stockholms gemeldet wie ein anderer usbekischer Staatsbürger, der vor einiger Zeit als Angeklagter vor Gericht stand. Er wurde wegen Geldwäsche verurteilt. Ihren ursprünglichen Verdacht konnte die Staatsanwaltschaft jedoch nicht belegen: dass die Angeklagten Geld für die Terrororganisation „Islamischer Staat“ beschafft haben sollen.

Wie schwedische Medien berichteten, hatte der Verdächtige in sozialen Netzwerken IS-Propaganda verbreitet. Unklar ist, ob er allein handelte. Laut Polizei gab es am Wochenende fünf Festnahmen. Gegen einen Mann leitete die Staatsanwaltschaft am Sonntag Ermittlungen ein. Die Ermittler versuchen auch zu klären, ob der Verdächtige den Lastwagen mit einer Bombe präpariert hatte. Wie Schwedens Polizeichef Dan Eliasson sagte, befand sich im Fahrerhaus ein „technischer Gegenstand, der dort nicht hingehörte“. Der Attentäter hatte den kurz zuvor gestohlenen Lastwagen am Ende seiner Fahrt in den Eingang eines Kaufhauses gelenkt. Das Fahrzeug geriet daraufhin in Brand – noch ist unklar, ob das Feuer infolge des Aufpralls ausbrach oder gelegt war.

 

Unklar ist auch, welche Verbindung der 39-Jährige nach Märsta hat, dem Ort seiner Festnahme. Er begab sich offenbar gezielt in die relativ kleine Gemeinde, nahm zunächst einen Zug zum Flughafen Arlanda und von dort einen Bus. In Märsta lebte jahrelang auch ein anderer islamistischer Terrorverdächtiger: Mohamed Belcaid, der Kontakt zu den Attentätern von Paris gehabt haben soll.

Der Opfer des Anschlags soll am Montag mit einer Schweigeminute gedacht werden. Bereits am Sonntag kamen um 14.53 Uhr, der Uhrzeit des Anschlags, Zehntausende Menschen am Sergels Torg, dem zentralen Platz der Stockholmer Innenstadt in unmittelbarer Nähe des Anschlagsorts, zu einer Gedenkveranstaltung zusammen. Mit der sogenannten „Liebes-Demonstration“ wollten sie „ein Zeichen setzen gegen den Terror und Hass“. Zu der Veranstaltung war in den sozialen Netzwerken aufgerufen worden. „Wir kommen aus verschiedenen Städten und Ländern, aber heute sind wir alle Stockholmer“, erklärten die Teilnehmer.

Ministerpräsident Stefan Löfven kündigte am Sonntag an, er werde mit den anderen Parteien Gespräche darüber führen, wie sich Terroranschläge künftig verhindern lassen. Seit dem Anschlag hat Schweden seine Grenzkontrollen verschärft. Er betonte, er sei stolz über den Zusammenhalt der schwedischen Gesellschaft. (mit epd)

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