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Terror in New York Vom Buchhalter zum Terroristen

Sayfullo S. jagte den „American Dream“ und scheiterte. Wurde der Attentäter von New York aus Langeweile zum Terroristen?

Trauermarsch in New York
Mit einem Trauermarsch in Lower Manhatten erinnern die New Yorker an die acht getöteten Menschen. Foto: afp

Ein roter Klinkerbau in einer heruntergekommenen Straße. US-Fahne an der Tür des Nachbarn. Bewohner aus Lateinamerika oder Asien, die nichts bemerkt haben – außer vielleicht, dass Sayfullo S. am 22. Oktober mit einem leeren Pickup durch das Viertel kurvte. Das Motiv des Mannes zu ergründen, der am Dienstag in Manhattan acht Menschen tötete und zwölf verletzte, ist schwierig. Die Reporter, die auf Spurensuche Paterson in New Jersey durchkämmen, wo der 29-Jährige zuletzt lebte, kehren mit weitgehend leeren Händen heim.

Die Faktenlage bleibt mager: S. wurde in Usbekistan geboren und war dort Buchhalter eines Hotels, bis er bei der Greencard-Verlosung eine Aufenthaltsgenehmigung für die USA gewann. Im März 2010 zog der damals 22-Jährige nach der Landung in New York erstmal zu Bekannten seines Vaters in Cincinnati. Er wollte wohl auch in der neuen Welt im Hotelgewerbe bleiben, aber sein schlechtes Englisch verhinderte das. So wurde er Fernfahrer. Zunächst wohnte S. in Ohio, dann Florida, schließlich New Jersey. Mindestens neun Strafzettel kassierte er in der Zeit. An ihnen lässt sich sein rastloses Leben zwischen Iowa, Missouri, Nebraska, Pennsylvania und Maryland nachvollziehen.

S. ist eher klein, schmächtig, fiel offenbar auch nicht sonderlich auf, obwohl er einen Hang für schicke Kleidung hatte, was nicht unbedingt für eine extreme religiöse Orientierung spricht – konservative Muslime lehnen Mode ab. Während Nachbarn in New Jersey ihn als ausgeglichen und freundlich erlebten, beschreiben Leute in Ohio ihn als bisweilen aggressiv und aufbrausend. Nach den ersten Jahren in den USA soll er sich einen Bart wachsen lassen haben. 2013 heiratete er eine sechs Jahre jüngere usbekische Migrantin, mit der er dann zunächst zwei Töchter hatte. Im Frühjahr dieses Jahres, seine Frau war erneut schwanger, zog er nach Paterson, näher an den Wohnort der Schwiegereltern. Im Sommer kam der lange erhoffte Sohn zur Welt.

Erst in den USA radikalisiert

Doch die beruflichen Träume erfüllten sich nicht. Zuletzt soll S. als Fahrer für den privaten Fahrtenvermittler Uber gearbeitet haben. Laut „New York Times“ erzählte er Bekannten, er wolle nach Usbekistan zurück: „Es ist langweilig hier. Es gibt für mich hier nichts zu tun.“

Offensichtlich hat sich der Muslim erst in den USA radikalisiert. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Usbeke vor etwa einem Jahr mit der Anschlagsplanung begann. Wieso und was seitdem geschah? Niemand weiß es. Das FBI fand auf S.s Mobiltelefon 90 üble Propagandavideos des „Islamischen Staates“, dazu Tausende Fotos, auf denen auch IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi zu sehen ist. Am Tatort wurden handschriftliche Notizen gefunden, die den „ewigen Fortbestand“ des IS priesen.

 

Den Ermittlern soll er gesagt haben, er habe sich für den Anschlag an Halloween entschieden, weil er an diesem Tag mehr Menschen auf der Straße vermutete. „Fast bis aufs i-Tüpfelchen genau“ habe sich der 29-Jährige an IS-Instruktionen aus dem Internet gehalten, sagte ein Sprecher der New Yorker Polizei. Hätte die Kollision mit einem Schulbus ihn nicht gestoppt, wäre er bis zur Brooklyn Bridge weitergerast. S. hat im Krankenhaus gleich alles gestanden; er zeige keine Reue, teilte das FBI mit. Und er habe darum gebeten, dass in seinem Zimmer eine IS-Fahne aufgehängt wird. Dann fühle er sich besser, soll er angegeben haben.

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