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Terror in London Tweets gegen den Hass

Der Tag danach: Wie London mit dem Terroranschlag von Westminster umgeht.

Terror in London
Eine Rose erinnert an die Opfer des Anschlags in Westminster. Foto: DANIEL LEAL-OLIVAS/AFP

Vierundzwanzig Stunden lang, bis in den Donnerstagnachmittag hinein, machen Politik und Medien in London den Eindruck, als folgten sie der Maxime eines prominenten Witwers. Man solle doch, sagte Brendan Cox kurz nach dem Terror in Westminster, über „die Liebe und Tapferkeit der Opfer“ reden, nicht bloß über den Hass des Täters. Der Mann weiß mehr darüber, als ihm lieb ist: Vor neun Monaten, auf dem Höhepunkt des Brexit-Abstimmungskampfes, wurde seine Frau Joanne, eine 41-Jährige Labour-Abgeordnete, von einem Rechtsextremen ermordet. Als gelte es die Cox-Maxime zu beherzigen, wetteifern Behördensprecher und Politiker um die beste Würdigung der Opfer, vom Täter ist kaum die Rede.

Irgendwann gibt Scotland Yard den Namen des Täters preis: Khalid Masood, 52 Jahre alt, geboren in Südengland. Ansonsten aber bittet der zuständige Abteilungsleiter Mark Rowley die Medien um Diskretion. Das ist eher international nötig, denn der erste Hinweis „britischer Staatsbürger asiatischer Abstammung“ verwirrt: „Asian“ bezeichnet in Großbritannien den Mittleren Osten, nicht Fernost. Masood jedenfalls war zuletzt wohnhaft in Birmingham, Midlands, England.

Premierministerin Theresa May fügt hinzu: Der Mann sei ein Einzeltäter gewesen, beeinflusst vom internationalen Terrorismus. Vor Jahren sei er einmal ins Visier des Inlands-Geheimdienstes MI 5 geraten. „Aber er tauchte nicht in aktuellen Sicherheitsanalysen auf.“

Keiner der Redner im Parlament, auch May nicht, hält sich an diesem Tag mit diesem unbequemen Faktum auf. Der Rädelsführer der Selbstmord-Attentäter vom Juli 2005, Mohammed Siddique Khan; einer der Mörder des Füsiliers Lee Rigby im Mai 2013; nun Masood in Westminster – allesamt waren sie britische Muslime, die mal islamistischer Gewaltbereitschaft verdächtigt wurden, aber keinen Anlass für dauerhafte Observation gaben. Auf gut 3000 Gefährder schätzen die Experten die britische Dschihadisten-Szene. Wieder ist ihnen, so scheint es, einer durch die Maschen gegangen.

Mit einem in Solihull bei Birmingham gemieteten Geländewagen rast Masood am Mittwochnachmittag über die Westminster Bridge aufs Parlament zu, lenkt am Südende der Brücke das Fahrzeug auf den Gehsteig und hinterlässt eine Spur der Zerstörung. Von 40 Verletzten berichten die Krankenhäuser anderntags. Schüler aus der Bretagne sind darunter, Männer und Frauen aus elf Nationen. Zu ihnen zählt Melissa Cochran aus dem US-Bundesstaat Utah. Nicht nur liegt sie mit schweren Verletzungen im Krankenhaus; die Touristin muss auch mit dem Tod ihres Mannes Kurt fertig werden, einer von zweien auf der Brücke. Tödlich verletzt wird auch die aus Spanien stammende Britin Aysha Frade. Die Sprachlehrerin hinterlässt einen Mann und zwei Töchter, acht und elf Jahre.

Der Attentäter hat seine Amokfahrt am Parlamentszaun beendet und ist in den Hof des Parlaments eingedrungen. Dort sticht er den 48-jährigen Polizeibeamten Keith Palmer nieder, ehe ihn Polizisten niederstrecken. „Die Stimme des Bösen und des Hasses vermag uns nicht zu trennen“, sagt Premierministerin May und spricht von dem unbewaffneten Palmer als „Zoll für Zoll ein Held“. 15 Jahre lang hatte der einstige Berufssoldat für Sicherheit im Parlament gesorgt. Am Mittwochnachmittag wurde er das dritte und letzte Opfer von Masood.

Der Öffentlichkeit empfiehlt die Regierungschefin erhöhte Aufmerksamkeit, warnt aber vor übertriebenen Reaktionen. Offizieller Einschätzung zufolge müsse ein Terror-Anschlag in Großbritannien weiterhin als „höchst wahrscheinlich“ gelten. Das ist die zweithöchste Gefährdungsstufe, an der sich auch nichts ändern solle, sagt May: „Wir haben keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden weiteren Anschlag.“

Brendan Cox führt am Donnerstag seine Ein-Mann-Kampagne fort. Der Name des Täters sei ihm herzlich egal, twittert er. „Ich werde mich an diesen Namen erinnern: Keith Palmer.“ Polizisten riskierten täglich ihr Leben: „Sie verdienen unseren Beistand.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Großbritannien

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