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Terror in Barcelona Die Islamistenszene der Maghrebstaaten

IS-Rückkehrer machen Marokko und Tunesien zu schaffen. Die Islamisten-Szene in den Ländern gerät nach dem Anschlag von Barcelona wieder in den Blick.

Gnaoua-Musikfestival
Ziel für Anschläge: Jedes Jahr zieht das Gnaoua-Musikfestival an der Atlantikküste 300.000 Besucher an. Foto: rtr

Die Polizei kam im Morgengrauen und nahm die vier Verdächtigen fest. Diese wollten sich offenbar bei dem Gnaoua-Musikfestival in Essaouira unter die Zuhörer mischen und möglichst viele mit in den Tod reißen. Jedes Jahr im Juni zieht das „Marokkanische Woodstock“ an der Atlantikküste 300.000 Besucher an, ein Drittel kommt aus Europa. Marokkos Terrorfahnder jedoch kamen dem Quartett rechtzeitig auf die Schliche. Neben Waffen und Elektronikbauteilen fanden die Beamten ein Manifest der „Provinz des Islamischen Staates im Maghreb al-Aqsa“, der historischen Bezeichnung von Marokko, in dem die Gotteskrieger dem IS-Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi ihre Gefolgschaft schworen und für Marokko den Dschihad ausriefen.

Seit den blutigen Anschlägen in Casablanca im Jahr 2003 mit 45 Toten und in Marrakesch 2011 mit 17 Toten haben Marokkos Sicherheitsdienste die heimische Extremistenszene gut im Griff. Das 2015 gegründete „Zentralbüro für Justizuntersuchung“ (BCIJ), eine Art marokkanisches FBI, konnte nach eigenen Angaben ein halbes Dutzend schwere Anschläge vereiteln, hob bisher vierzig Terrorzellen aus und nahm rund 550 Verdächtige fest. Gegen radikale Prediger gehen die Behörden ebenfalls mit großer Härte vor.

Gleichzeitig macht König Mohammed VI. als „Führer aller Gläubigen“ Front gegen fundamentalistisches Gedankengut. So ordnete er an, die Schulbücher seines Landes „auf Inhalte zu überprüfen, welche zu Extremismus anstacheln könnten“.

Mit den Anschlägen in Spanien und Finnland, an denen überwiegend Marokkaner beteiligt waren, rückt die Dschihadistenszene der nordafrikanischen Monarchie jedoch wieder stärker in den Fokus. Ähnlich erging es vor einem Jahr Tunesien, als die Lastwagenanschläge in Berlin und Nizza mit 98 Toten plötzlich das Extremismusproblem in dem kleinen Mittelmeeranrainer offenbarten.

Aus diesen beiden Maghrebstaaten stammen – gemessen an der Bevölkerungszahl – die meisten ausländischen Rekruten des „Islamischen Staates“. Von Marokko zogen seit 2014 mindestens 1600 junge Leute in den Dschihad nach Syrien und in den Irak. Zählt man die IS-Kämpfer aus europäischen Nationen mit marokkanischen Wurzeln hinzu, liegt die Zahl eher bei 2500. Aus Tunesien kommen nach Schätzungen der Vereinten Nationen sogar 5000 Dschihadisten, von denen allerdings ein beträchtlicher Teil in Libyen blieb.

Erst kürzlich versuchte zum zweiten Mal ein IS-Kommando aus dem Post-Gaddafi-Staat – wie schon im März 2016 -, im Grenzort Ben Guerdane ein IS-Emirat auf tunesischem Territorium zu errichten. Diesmal wurde der Angriff rechtzeitig entdeckt und ohne Blutvergießen vereitelt. Beim ersten Anlauf vor anderthalb Jahren starben während der zweitägigen Gefechte sieben Zivilisten und 13 Grenzpolizisten. Von den über 60 Angreifern kamen fast alle ums Leben.

Mit dem absehbaren Kollaps des „Kalifates“ des IS stehen beide Nationen nun vor dem gleichen Problem. 1100 Kämpfer sollen inzwischen zurückgekehrt sein – nach Marokko 300, nach Tunesien 800. Ihre Zahl könnte sich in der kommenden Zeit deutlich erhöhen. Aber längst nicht alle werden von der Polizei gefasst. Viele tauchen unter, werden von ihren Familien gedeckt und bleiben so eine unkalkulierbare Gefahr – für das eigene Land und für Europa. Vor allem Frankreich, Deutschland, Spanien, Belgien und die Niederlande stehen im Visier von IS-Anhängern aus dem Maghreb.

Nach Angaben des spanischen Innenministeriums nahm die Polizei seit 2015 insgesamt 180 „dschihadistische Terroristen“ fest, die meisten aus dem gegenüberliegenden Nordafrika. Auch die Propagandaabteilung des IS hat erkannt, dass sie auf der Iberischen Halbinsel neue Anhänger mobilisieren kann, speziell unter den marokkanischen Einwanderern. Seitdem werden Webseiten der Gotteskrieger ins Spanische übersetzt, seit März verbreitet das IS-Nachrichtenportal Amaq seine Meldungen über den Messenger-Dienst Telegram auch auf Spanisch.

IS-Heimkehrer nach Nordafrika jedoch, die verhaftet und verurteilt werden, gehen in der Regel für zwei, drei Jahre ins Gefängnis. „Ein Betreuung nach der Entlassung gibt es nicht“, kritisiert Abdelwahab al-Rafiqi, ein ehemals radikaler Salafist, der sich nach einer langen Haftstrafe vom Extremismus lossagte und in Marokko den kleinen Think Tank „Al-Mizan“ gründete. Er fordert vor allem Einrichtungen für Ex-Dschihadisten, wo sie Ansprechpartner und Hilfe finden. „Man muss den Dialog mit ihnen suchen. Und man muss soziale und wirtschaftliche Programme schaffen, um sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren“, sagt er.

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