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Terror Frankreich Mette „Ich mache meine Sachen weiter“

„Stern“-Karikaturist Til Mette spricht über die Folgen des Anschlags auf „Charlie Hebdo“ und seine weitere Arbeit. Die französische Karikatur sei immer sehr brachial gewesen, sagt der Karikaturist.

Til Mette (r.) ist Cartoonist beim Magazin „Stern“. Foto: imago/Future Image

Sie waren während 9/11 in New York. Wie haben Sie das erlebt?
Wir haben zwölf Meilen entfernt von den Twin Towers gewohnt. Ich konnte aus meinem Badezimmer die Türme sehen. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, war das Flugzeug schon im ersten Turm. Man konnte sofort niemanden mehr erreichen, dort waren alle Sendemasten. Ich bin mit dem Motorrad mit einem völligen Adrenalinschub losgefahren – alles war völlig surreal. Jeder wollte sofort Blut spenden gehen, weil klar war, dass es eine riesige Zahl an Toten und Verletzten geben würde. Niemand war darauf vorbereitet. Bei dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ war ich gerade im Fitnessstudio am Laufen. Und hörte auf dem Bildschirm die Nachricht von so einer munteren Mittagsmagazin-Moderatorin, dass es einen Mordanschlag in Paris gegeben hat mit zwölf Toten.

Hat Sie das an 9/11 erinnert?
Komischerweise hatte ich das gleiche Gefühl wie nach 9/11, obwohl es etwas ganz anderes ist. Diese Monstrosität von 9/11 ist natürlich erst einmal weit weg. Hier ist es so nah an einem selber, ich sitze ja in Redaktionskonferenzen und kenne die Situation. Das waren Menschen, Journalisten, genauso wie wir. Ich habe jahrelang auch deren Zeichnungen verfolgt und fand die immer sehr witzig.

Ein amerikanisches Zensursystem

Gibt es etwas Besonderes in der französischen Karikatur?
Die französische Karikatur muss man kennen, die ist immer sehr brachial gewesen. Schon bei den früheren Karikaturisten waren viele brutale Zeichner dabei – brutal komische Zeichner. Das ist Teil der französischen Karikaturkultur, die nicht vom Hass getrieben ist, sondern von der unbändigen Lust an Brachialität an dieser Art von Komik. Das ist sozusagen ein zutiefst antiautoritäres Ventil, und ich würde mir manchmal wünschen, dass wir das auch mehr hätten. Natürlich spielt in Frankreich immer der antiklerikale Ton eine Rolle, der anfangs vor allem antikatholisch war. Aufgrund der großen muslimischen Gemeinde haben sie sich dann auch dem Islam gewidmet, mit genau der gleichen Schärfe, mit der sie vorher die katholische Kirche angegangen sind.

Viele Rechte, insbesondere Anhänger von Pegida, behaupten, „Charlie Hebdo“ sei generell gegen den Islam.
Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Im Gegenteil, dazu muss man sich nur ab den frühen siebziger Jahren die französische Karikatur anschauen. Dazu gehört gerade Marcel Gotlieb – ein wichtiger Vorläufer dessen, was sich später in „Charlie Hebdo“ abzeichnet. Das kann man komplett stilistisch nachweisen. In Amerika beispielsweise sind sie deutlich empfindlicher, was die freie Meinungsäußerung angeht, dort würde man provokative Sachen nicht drucken. Dort sind sie für meinen Geschmack auch feige. Der renommierte Kritiker Antony Lay hat im „New Yorker“ den Zeichnern eine Mitschuld an dem Attentat gegeben und gesagt, dass sie dieses Massaker provoziert haben. Da bleibt mir die Spucke weg. Es findet plötzlich der Umkehrschluss statt. Europa hat eine ganz andere Tradition, Satire gehört zu unserer kulturellen Identität und hat eine ganz andere Schärfe. Wenn Leute keine Ahnung haben von französischen Cartoons, dann ist das für sie ein Schlaglicht. Übrigens hat das deutsche Feuilleton von Karikatur auch keine Ahnung.

Welche Folgen wird das Attentat Ihrer Meinung nach für die Presse ganz allgemein haben?
Die Amerikaner haben eine Zensurtradition, die sich in den letzten siebzig Jahren nicht geändert hat. Das ist die Zensur der Anständigen. Und das widerspricht dem europäischen Presseverständnis. Ich glaube, dieser Anschlag wird dazu führen, dass wir zu ähnlichen Maßnahmen in Europa kommen, also zu amerikanischen Verhältnissen – was ich als großen Verlust für unsere Freiheit als Satiriker empfinde. Es wird unsere Arbeit schwerer machen und es ist nicht dienlich für einen konstruktiven Dialog.

Meinen Sie eine Art kreative Schutzhaft?
Das ist nicht der Grund. Viel eher gesteht man bestimmten Gruppen zu, beleidigt zu sein. Wenn man den Muslimen das Recht gibt, beleidigt zu sein, müssten das die Katholiken auch dürfen. Ich finde, man entmündigt auf eine perfide Art die Muslime, indem man zusagt, keine Witze mehr über sie zu machen. Über den Rest machen wir aber Witze. Die Muslime sind mündige Bürger und können sich wehren.

Damit kommen die meisten ja auch zurecht.
Deswegen ist die gesamte Diskussion falsch. Allein die Muslime da reinzuziehen, ist schon falsch. Es geht hier um Terroristen, die den Glauben der Muslime missbrauchen. Doch das Thema Religion wird benutzt und weitergedreht. Daher wird es auch Diskussionen darüber geben. Und für uns Medienleute wird das gravierende Konsequenzen haben, weil es ein Anschlag ist auf das Herz unserer Art zu denken.

Hat das für Sie Konsequenzen in Ihrer Arbeit?
Man wird den Anschlag nicht aus dem Gehirn verbannen können. Jetzt sagt man sich tapfer, dass es keine Konsequenzen hat und für die Zeichner wird das eventuell auch so sein. Aber in den Redaktionen wird eher die Frage gestellt, was noch geht. Die Redakteure bekommen Angst, weil sie das Blatt in einer Verantwortung sehen, zumindest wenn die Stimmung kippt. Ich mache meine Sachen weiter, der Rest wird an anderer Stelle entschieden. Wenn ich was zeichne, soll man unterm Strich darüber lachen können. Das Cartoon ist wie ein Gleitmittel, weil die Menschen über das Lachen auch anfangen, über die Dinge nachzudenken. Da entscheidet nicht nur der Kopf, sondern auch der Bauch.

Interview: Katja Thorwarth

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