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Terror-Berichterstattung In der Zwangsjacke

Angesichts des Terrors explodiert das Bedürfnis nach Information, doch das Fernsehen befriedigt es nicht. Und das, obwohl dem TV durch das Internet eine große Konkurrenz erwachsen ist.

Maybrit Illner Moderatorin in ihrer ZDF Talkshow maybrit illner SPEZIAL am 14 11 2015 in Berlin T
Maybritt Illner macht Überstunden. Foto: Imago

Das Fernsehen tut dieser Tage wieder einmal so, als diene es der Information. Ein „Brennpunkt“ folgt dem nächsten, Frank Plasberg und Maybrit Illner machen Überstunden, selbst die Redaktion des ARD-„Weltspiegel“ liefert kurz vor Mitternacht noch ein Stück Nach-Terror-Berichterstattung – aber vor allem fürs Gefühl. Dort wird ausgiebig der nun überschattete Alltag einer normalen Pariser Familie gezeigt; es geschieht allerdings nichts, was man sich nicht ohnehin denken könnte, und um doch noch eine Prise Drama einzustreuen, kommentieren die Autoren des Berichts den Abschied von Mutter und Kind vor dem Schultor so: „In der Schule muss die Tochter alleine zurechtkommen.“ Das aber muss die Elevin in diesen Tagen vermutlich weniger als sonst. Der ARD-„Brennpunkt“ am Montagabend titelte „Kampf gegen den Terror – wie weiter?“, hatte aber genau auf diese Frage keine Antwort.

Selbstverständlich bringt das Fernsehen nach Ereignissen wie dem am 13. November viel Information. Aber oft geht es darum, beim Publikum Emotionen auszulösen. „Mit welchen Gefühlen hast Du denn die Absage des Länderspiels erlebt?“ fragte Markus Lanz seine Kollegin Kathrin Müller-Hohenstein, die den ganzen Abend schon nichts anderes getan hatte, als Claus Kleber im „Heute-Journal“ ihre Empfindungen zu schildern.

Vor allem von der emotionalen Ansprache („Paris – Stadt der Angst?“ titelte der „Weltspiegel“) erhoffen sich Fernseh-Macher erhöhte Aufmerksamkeit. Man sehe sich nur einmal das normale Programm des ZDF an, das uns jeden Sendetag mit Filmen über Mord und Totschlag beglückt – ganz ohne IS und Taliban. Nur von Themen, die intensivste Gefühle aktivieren, versprechen sich die Sender den Zuspruch der Zuschauer, also: Liebe, Leidenschaft und – Tod. Das wäre weniger problematisch, wenn das Motiv dafür nicht die Höhe der Einschaltquote und damit, je nach Sendezeit, der Preis der Werbesekunden wären.

Zudem ist dem „Nullmedium“, wie es einst Hans Magnus Enzensberger nannte, Konkurrenz erwachsen, was die Panik vor Aufmerksamkeitsverlust steigert. Seit das Internet vor allem Bilder und Filme bietet, prophezeien einige den Untergang des Fernsehens. Doch noch nie hat ein neues Medium das ältere kannibalisiert, wie gerade die betagten Zeitungen belegen. Und die bundesdeutschen TV-Sender, mit knapp acht Milliarden Euro Zwangsgebühren alimentiert, nutzen das Netz nach Kräften und verweisen mantramäßig auf ihre Webseiten.

Diese intensive Nutzung des Netzes wie der thematische Überfluss deuten – nicht erst seit heute – auf das Dilemma des Fernsehens hin. Es steckt in einer Zwangsjacke. Die Redaktionen haben zum einen den Anspruch, ihrem Informations- und Bildungsauftrag gerecht zu werden. Zum anderen wagen sie oft nicht, sich einem vermeintlichen Interesse des Publikums zu verweigern. Die Fußball-Übertragung am Abend des Attentats war ein betrübliches Beispiel dafür. Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl standen betroffen vor der Kamera, und nachdem Opdenhövel versprochen hatte, dass es nun gewiss nicht mehr um Fußball gehen werde, wurde doch der nächste Spielbericht gezeigt, samt typisch aufgeregt krähender Reporterstimme. Sie schaffen es nicht innezuhalten. Videotext oder Newsticker bis zur „Tagesthemen“-Ausgabe wären ja möglich gewesen. Eine Steigerung an sinnfreier Wiederholung von nicht existenten Fakten bot dann Claus Kleber nach der Absage des Länderspiels in Hannover.

Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit, der im Medienzeitalter wichtigsten Währung, drohen einst als besonders schnell geltende Medien wie Fernsehen und Radio ins Hintertreffen zu geraten. Denn mit Tempo und Umtrieben des vielzitierten Schwarms können sie nicht mithalten.

Das gilt selbst für die Wahrnehmung anderer Produzenten desselben Mediums. Einer der besten und anregendsten Beiträge zu den Pariser Attentaten kam von einem britischen Schauspieler, John Oliver. Er leitete seine Sendung „Last Week Tonight“ im US-Fernsehen jüngst mit einer äußerst witzigen Schimpfkanonade gegen den IS ein, den er wiederholt „fucking arseholes“ nannte und dem er keine Chance gegen Frankreich einräumte, denn das Land habe nicht nur Größen wie Albert Camus, Jean Paul Sartre, Edith Piaf hervorgebracht, sondern auch Champagner, Madeleines, Gauloises und diesen „fucking“ Kuchen namens Croquembouche. Einen satirischen Kritiker vom Rang eines John Oliver hätte Deutschland bitter nötig. Immerhin ist Jan Böhmermann, inoffizieller Nachfolger von Harald Schmidt, aber ernstzunehmender als dieser, auf dem besten Weg dahin. Er postete jüngst über seinen Facebook-Account „100 Fragen nach Paris“. Und wie John Olivers Attacke erschien auch Böhmermanns nachdenklicher, nachdenkenswerter Kommentar zuerst in den sozialen Netzwerken, bevor etwa „Spiegel Online“ darauf aufmerksam wurde.

Gedrucktes hat nach wie vor den Vorteil, Hintergründe und Analysen in langen Lesestücken liefern zu können; „Spiegel Online“ hat deshalb seit einiger Zeit die Rubrik „Endlich verständlich“ eingeführt. Doch die klassischen Medien hecheln der Masse der User längst hinterher, und vorne liegt, wer zuerst etwas findet in den Weiten des World Wide Web. Urknall dabei war die Wasserung des Passagierflugzeuges auf dem Hudson River in New York, die zuerst über Twitter gemeldet wurde.

In den sozialen Netzen (und dann auch darüber hinaus) gewinnt man mit Mitteilungen, Zitaten, Entdeckungen Aufmerksamkeit, Kommentare, Follower und „Freunde“ – wobei dort eben oft das Mitteilungsbedürfnis die rationale Sichtweise überlagert. In der Nacht zum Mittwoch waberten die Spekulationen über einen geplanten Anschlag in Hannover unkontrolliert über Facebook. Da ist kein journalistischer Gatekeeper mehr vor.

Wenn es eine Kannibalisierung durch das Internet gibt, dann trifft sie möglicherweise den Journalismus. Es ist viel über Hass-Postings in sozialen Netzwerken debattiert worden, für Sympathiebekundungen gilt das gleiche. Es kostet ja nichts, sein Facebook-Profilbild mit den Farben der Trikolore zu überblenden oder den „like“-Button zu drücken. Doch deutet die persönliche Betroffenheit, so angemessen sie auch sein mag, zugleich auf die Hilflosigkeit angesichts des Terrors hin – eine Hilflosigkeit, die sich auf der „großen“ politischen Bühne hinter markigen Worten versteckt.

Wenn DFB-Teammanager Oliver Bierhoff die Phrase von „unseren Werten, unserer Kultur und unserer Freiheit“ bemüht, muss er damit rechnen, dass ihm im Netz entgegengehalten wird, dass „unsere Werte“ eben auch darin bestehen, die Länder Afrikas auszubeuten und Profit mit Waffengeschäften zu machen. Das wiederum werden wir im Fernsehen kaum einmal hören. Denn dort ist die große Linie die Empathie, die bisweilen zu Pathos wird. Etwa wenn Petra Gerster den in den Farben der Trikolore leuchtenden Eiffelturm als „strahlendes Signal der Geschlossenheit aller Franzosen“ interpretiert. Aller Franzosen? Da tut das Fernsehen nicht einmal mehr so, als diene es der Information.

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