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Solidarität mit "Charlie Hebdo" In die Trauer mischt sich Angst

Arabische Intellektuelle üben Solidarität mit den Karikaturisten von "Charlie Hebdo", fühlen sich aber vom Westen oft missverstanden. Doch müsse sich die islamische Welt dagegen wehren, in die Spirale des Hasses hineingezogen zu werden.

Auch in Tunis werden Titelseiten von "Charlie Hebdo" auf Demonstrationen in die Höhe gehalten. Foto: dpa

„Was die Leute in Paris können, können wir schon lange“, sagt die Frau mit den langen Haaren. Sie ist eine von mehreren hundert Demonstrantinnen in Tunis. „Je suis Charlie!“ steht auf ihren Transparenten.

Viele Demonstranten tragen auch Bilder von „Willis von Tunis“. Der Kater, gezeichnet von Karikaturistin Nadia Khiari, ist das Maskottchen der tunesischen Revolution. Besonders gerne macht er sich über die radikalen Kämpfer des Islamischen Staates (IS) lustig. Bitterböse Satire. Willis und seine Zeichnerin sind dafür immer wieder kritisiert worden, aber der Anschlag von Paris ist eine Warnung, auch an sie.

Auf der neuesten Karikatur, die Khiari für den Protestsonntag gezeichnet hat, sieht Willis daher auch ganz verstört aus: „Heute habt ihr Karikaturisten umgebracht, aber Tausende von Karikaturisten werden ihnen nachfolgen“, steht über dem Kater.

Karikaturisten, Journalisten, Intellektuelle – wer sich traut, Islamisten zu kritisieren, muss damit rechnen, bedroht oder sogar zu Opfern von Angriffen und gezielten Tötungen zu werden: Während der Anschlag in Paris zum Glück bisher ein Einzelfall ist, gehört die Angst in der arabischen Welt für viele Medienschaffende zum Alltag.

Mit Fundis in einem Topf

„In Europa verstehen jetzt die Kollegen vielleicht besser, wie es uns geht“, so May Sabry, eine junge Fotografin aus Kairo. Allerdings hat sie Zweifel, ob der Anschlag der vergangenen Woche tatsächlich zu mehr gegenseitigem Verständnis führt. „Eigentlich sitzen wir Intellektuellen alle im gleichen Boot. In der Praxis ist es aber leider so, dass wir wieder einmal auf eine Konfrontation West-Ost zusteuern“, sagt sie. Westliche Medien seien dafür verantwortlich, die Islam und Islamismus gleichsetzten. „Die hetzen gegen den Islam und schon ziehe ich nicht mehr mit den europäischen Intellektuellen an einem Strang, sondern werde mit den Fundis, die mich umbringen wollen, in einen Topf geworfen, nur weil ich das hier trage!“, sagt sie und zupft an ihren Kopftuch.

Auf die Frage, woher sie denn wisse, wie in Europa derzeit diskutiert wird, schaut May Sabry verwundert. „Ich lese keine europäischen Zeitungen, aber ich bin mir ganz sicher, dass es auch diesmal wieder so sein wird. Wir können uns schon darauf einstellen, dass der Hass auf den Islam wieder so schlimm werden wird wie nach den Anschlägen 2001.“ Diese Befürchtungen werden von vielen Menschen in der arabischen Welt geteilt, und genau diese Angst spricht auch Mohammed Mokhtar Gomaa, der ägyptische Minister für religiöse Stiftungen, an. Der Mitschnitt seiner jüngsten Predigt zählt derzeit zu den meistgeposteten Videos in ägyptischen Internet-Foren.

Meinungsfreiheit oder Leben

Gomaa bringt das Dilemma auf den Punkt: „Wir haben jahrelang versucht, der Welt zu beweisen, dass die Mohammed-Karikaturen, die den Islam als gewalttätige Religion darstellte, eine Beleidigung für den Islam sind und die Muslime sich zu Recht davon angegriffen fühlen. Die Extremisten haben nun mit einem Schlag all unsere Bemühungen zunichtegemacht. Der Anschlag hat die Seiten verkehrt: Die Zeitschrift, die eigentlich der Angreifer war, steht nun als Opfer dar, und die Muslime, die eigentlich die Opfer waren, wurden zu Angreifern“, sagt er. Dennoch müsse die islamische Welt sich weiter dagegen wehren, in die Spirale des Hasses hineingezogen zu werden.

Auch in Kairo wurde am Sonntag demonstriert, allerdings waren es nur eine Handvoll Journalisten, die sich vor dem Sitz der Journalistengewerkschaft versammelten und „Je suis Charlie“-Poster hochhielten. Es ging aber nicht nur darum. Auch in Ägypten sind Journalisten gefährdet. Mindestens ein Dutzend sitzt im Gefängnis, viele seit Jahren und ohne Verurteilung. Das erklärt auch, weshalb Gewerkschaftsvorsitzender Dia Rashwan sagte: „Meinungsfreiheit ist eine wichtige Angelegenheit, aber das Recht zu leben ist wichtiger.“

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