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Schlacht um Mossul Immer mehr Menschen sind auf der Flucht

Seit acht Tagen läuft die Offensive von irakischen Armee und kurdischen Peschmerga gegen Mossul. Es macht sich wachsende Sorge um die politische Folgen breit.

Immer mehr Menschen fliehen aus Mossul. Foto: AFP

Die ersten Verluste der Angreifer sind empfindlich. Die Terroristen des „Islamischen Staates“ leisten harten Widerstand. Überall haben sie Sprengfallen gelegt, greifen mit Selbstmordattentätern, Scharfschützen oder rollenden Bomben an. Seit acht Tagen läuft die Offensive von irakischer Armee und kurdischen Peschmerga gegen die 1,5-Millionen-Metropole Mossul, in der sich der „Islamische Staat“ seit Juni 2014 verschanzt hat.

Aus der Luft unterstützen amerikanische, britische und französische Kampfjets die Truppen, während IS-Kommandos mit spektakulären Terroraktionen wie in Kirkuk, in Sindschar oder an der irakisch-jordanischen Grenze versuchen, von Mossul abzulenken. „Das Ganze wird eine monatelange Anstrengung und viel Zeit kosten“, prognostiziert einer der amerikanischen Militärplaner. Ihm und seinen irakischen und kurdischen Kollegen geht es in der ersten Phase vor allem darum, das Umland mit seinen meist verwaisten Dörfern und Kleinstädten unter Kontrolle zu bringen. Erst dann sollen die Elitetruppen versuchen, von drei Seiten her nach Mossul einzudringen.

Östlich von Mossul toben derzeit die Kämpfe um Karakosch, einst die größte christliche Stadt in der Ninive-Ebene, in der sich IS-Kommandos verschanzt halten. Dagegen befindet sich Bartella bereits wieder in der Hand der irakischen Armee. Die größten Geländegewinne gab es bisher im Süden, wo die Truppen entlang des Tigris-Tals bis auf 40 Kilometer an Mossul herangerückt sind und nun vor Hamman al-Alil stehen.

Am dichtesten an der Stadtgrenze liegt die Nordfront bei Tal Kaif. In der Ortschaft toben heftige Kämpfe. Ebenfalls im Norden bei Gefechten um das Städtchen Baschika werden die kurdischen Peschmerga von türkischer Artillerie unterstützt, sehr zum Unmut der irakischen Regierung. Sollten sich türkische Truppen an der Eroberung Mossuls beteiligen, werde das für sie kein Picknick, warnte drohend Bagdads Premierminister Haider al-Abadi.

Westlich von Mossul dagegen haben die IS-Einheiten über Tal Afar nach wie vor eine offene Nachschubverbindung zu ihrer syrischen Hochburg Rakka. Für die irakischen und kurdischen Angreifer ist diese offene Flanke ein erheblicher strategischer Nachteil, weil sie Mossul nicht komplett umzingeln und isolieren können. Die IS-Verteidiger hätten bei der Befestigung der Stadt gute Arbeit geleistet, so ein hoher US-Militär.

Die Dschihadisten legten Tunnelsysteme sowie Gräben mit Rohöl an, die angezündet werden, um den Kampfjets und Aufklärungssatelliten die Sicht zu nehmen. Das Pentagon schätzt, dass sich etwa 4000 bis 7000 IS-Krieger in Mossul aufhalten, denen 50 000 irakische Soldaten und Milizen sowie 40 000 Peschmerga gegenüberstehen. Unklar ist, welchen Rückhalt die Extremisten in der Bevölkerung und unter den lokalen Stammeschefs haben.

Mossul war immer eine Hochburg des sunnitisch-arabischen Nationalismus und eine wichtige Machtbasis von Diktator Saddam Hussein. Die meisten in Irak und Syrien eingesetzten IS-Statthalter sind ehemalige Kader der Baath-Partei. In Mossul rief der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 sein „Islamisches Kalifat“ in Syrien und Irak aus und vertrieb sämtliche Christen aus der Stadt. Die meisten muslimischen Bewohner dagegen blieben und harrten aus, weil sie das Leben in Lagern fürchten und ihren Besitz beschützen wollen.

Die Zahl der Flüchtlinge aus Mossul liegt bisher nur bei einigen Tausend, sie könnte aber rasant zunehmen, sobald die Haus-zu-Haus-Gefechte in der Stadt beginnen. Die Vereinten Nationen rechneten vor der Offensive mit bis zu 800 000 Schutzsuchenden, mindestens ein Drittel von ihnen Kinder. Ihre Repräsentanten haben etwa 150 000 Notunterkünfte vorbereitet, über größere Kapazitäten verfügen die regionalen Partner nicht. Sollten sich im November oder Dezember tatsächlich mehrere Hunderttausend auf den Weg machen, droht eine weitere humanitäre Katastrophe.

Gleichzeitig wachsen die Sorgen um die politischen Folgen eines Sieges in Mossul. Hunderte IS-Kämpfer könnten versuchen, sich zurück auf den Weg in ihre europäischen Herkunftsländer zu machen. Andere werden als Schläferzellen in der Stadt untertauchen und die Bewohner durch Terroraktionen – wie kürzlich in Kirkuk – in Angst und Schrecken halten. Aber auch die einheimische Bevölkerung ist zutiefst entzweit. Viele arabische Dörfer im Umland von Mossul steckten mit dem IS unter einer Decke, beklagen die Peschmerga.

Die schiitischen Milizen nahmen bereits nach der Rückeroberung von Ramadi und Falludscha an der sunnitischen Bevölkerung Rache. Auch jetzt in Mossul drängen sie auf eine stärkere Beteiligung an den Militäroperationen. Das könnte das Ressentiment gegen die schiitisch dominierte Zentralregierung in Bagdad neu anfachen und die nächste Runde in dem Bürgerkrieg einläuten.

„Die große Frage ist, wie können wir nach der Befreiung einen politischen Frieden erreichen“, erklärte der langjährige Außenminister und Finanzminister Hoschjar Sebari. „Wie soll diese multiethnische und multireligiöse Stadt künftig regiert werden – ohne kommunale Konflikte, ohne Rachemorde und ohne Vertreibung ihrer Bewohner in großem Stil?“

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